Der Größenwahn ist wieder da

22. Juli 2013, 17:30 Uhr

Der Manager Thomas Middelhoff leidet darunter, dass er als Totengräber von Karstadt und Quelle gehandelt wird. Nun ist er wieder obenauf: Er gibt megalomane Interviews und hat einen neuen Job. Von Lutz Meier

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Thomas Middelhoff bei einem seiner vielen Gerichtstermine. Künftig darf der Manager wieder häufiger fliegen, nach China, wo bald sein Arbeitsmittelpunkt sein soll. Am besten nimmt er den Privatjet, aus Sicherheitsgründen.©

Als der Schriftsteller Rainald Goetz vor einiger Zeit ein Vorbild für seine Romanfigur brauchte, die den durch und durch verdorbenen Manager darstellen sollte, einen Mann, vollgesogen mit Gier, Ignoranz und Eitelkeit, da hat er nicht lang gesucht. Thomas Middelhoff wurde zum Romanhelden, ein Wirtschaftsführer, der dort nach dem Motto vorgeht: "Wir haben kein Geld? Dann besorgen wir uns welches!" Im richtigen Leben findet es Middelhoff, der Konzerne wie Bertelsmann und KarstadtQuelle geleitet hat, natürlich sehr ungerecht, dass er einen solch schlechten Ruf hat.

Deshalb nimmt er jetzt wieder einen Anlauf, um es allen zu zeigen. Zurzeit gibt Middelhoff aufs Neue viele Interviews, obwohl er die Medien eigentlich dafür verantwortlich macht, dass sein öffentliches Bild so tragische Züge hat. Einmal erzählt er, wie man Karstadt hätte retten können (was ihm selbst allerdings nicht gelungen ist). Ein anderes Mal erzählt er herum, er habe einen neuen Job, als Chef eines internationalen Medienunternehmens. "Die Sache ist so gut wie unter Dach und Fach", sagte er der "Süddeutschen Zeitung". Laut "Financial Times" muss man nach Middelhoffs neuem Wirkungsfeld trotzdem nicht in den Chefetagen der großen Weltkonzerne suchen: Er gründe mit dem chinesischen Medieninvestor Bruno Wu "die erste globale Medieninvestitionsgruppe aus China". Die Anfänge mögen klein sein, wenigstens sind aber die Ambitionen riesig.

Beinahe der mächtigste Medienherrscher der Welt

So kann man hoffen, dass es mit dieser Geschichte besser ausgeht als bei einer seiner anderen vollmundigen Ankündigungen. Es war vor zehn Jahren, nachdem Middelhoff bei Bertelsmann vor die Tür gesetzt wurde, dem Medienhaus, das unter anderem Gruner + Jahr kontrolliert, den Eigner von stern.de. Damals verbreiteten dessen Vertraute, Middelhoff werde Chef beim berühmten Weltwirtschaftsforum in Davos, die Sache sei praktisch unter Dach und Fach. Damals wurde nichts draus. Nun will der mit 60 immer noch jugendlich wirkende Manager all den Spöttern und Kritikern sein wahres Niveau beweisen. Denn er erzählt auch, er hätte einst in den USA Chef von AOL Time Warner werden sollen, dem damals größten Medienkonzern der Welt. Nur aus Rücksicht auf Bertelsmann will er darauf verzichtet haben. Einstige Weggefährten und Kenner des US-Konzerns können sich zwar an nichts dergleichen erinnern. Egal - bald wird "Big T" mit seinem Partner aus Asien und dessen fernsehbekannter Ehefrau, die man die "chinesische Oprah Winfrey" nennt, wieder mindestens auf der gleichen Höhe sein. Und außerdem hat er gezeigt, dass er den Hochstapelsound ebenso gut beherrscht wie ihn der Romancier Goetz ihm angedichtet hat

Die 33-Meter-Jacht "war für mich Fun"

In jedem Fall gerät mit Middelhoffs neuesten Auftritten eine Managerkarriere an eine Wendung, eine Karriere, die so stürmisch, so rasend, so sehr im Zickzack verlief, dass sie nach dem Roman auch noch für einen Film genug hergäbe - vielleicht nicht gerade Hollywood, aber deutsche TV-Primetime. Die bemerkenswertesten Episoden verdanken sich der letzten Zeit, in der Middelhoff erst mit großem Getöse KarstadtQuelle in Arcandor umbenannte, dann dort ausschied, worauf das Konglomerat bald in die Pleite rutschte. Quelle ist schon Geschichte, Karstadt kämpft noch ums Überleben.

Noch interessanter sind aber die Prozesse, die sich der mit üppigen Sonderzahlungen verabschiedete Middelhoff anschließend lieferte, unter anderem mit dem Insolvenzverwalter und den Leuten, die früher sein privates neunstelliges Vermögen verwalteten. Bis in die saftigen Details wurden da sein Boot, sein Haus, sein Auto verhandelt, nicht zu vergessen auch die Privatjets, mit denen er ständig auf Kosten der klammen Firma herumflog, angeblich aus Sicherheitsgründen. Sein Boot war eine 33-Meter-Jacht mit 5500 PS, sein Haus ist eine Villa in St. Tropez, die auf mindestens 20 Millionen Euro taxiert wird und von seinen Autos sind bekannt der Mercedes SL 55 AMG Cabrio für ihn, der Mercedes M für seine Frau und der Golf mit Wunschkennzeichen für die Tochter, welche allesamt der Vermögensverwalter besorgte. Das alles wäre nicht weiter interessant, würde Middelhoff sich nicht bescheinigen, wie "vergleichsweise bescheiden gelebt" er stets habe. Gut, das Boot (Dieselverbrauch: 1000 Liter pro Stunde), "war für mich Fun", aber schließlich hätten viele Deutsche Haus und Boot in Frankreich, warum nicht er?

Von China aus den Westen erobern

In China will Middelhoff jetzt einige Beteiligungen seines neuen Partners mit eigenen zusammenlegen, die danach insgesamt ein Umsatzvolumen von mehr als 1 Milliarde US-Dollar pro Jahr haben sollen. Anschließend werde investiert, verspricht Middelhoff, in "westliche, mittelgroße profitable Medienfirmen, denen wir etwas anbieten können, indem wir ihnen Marktzugang in China geben". Vielleicht wird Middelhoff ja bald endgültig der Größte.

 
 
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