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Interview

"Unsere Kinder werden zu Konsumäffchen abgerichtet"

Er ist einer der bekanntesten deutschen Wachstumskritiker: Niko Paech lebt radikale Bescheidenheit - und fordert von uns allen, es ihm nachzutun. Ein Gespräch über vegane Vielflieger und SUV-Fahrer im Bio-Supermarkt.

Von Nikola Sellmair

Volkswirt Niko Paech

Volkswirt Niko Paech lehrt an der Uni Siegen. Bekannt wurde er durch sein Buch "Befreiung vom Überfluss". Zuletzt erschien "Was Sie da vorhaben, wäre ja eine Revolution…" Ein Streitgespräch zwischen Erhard Eppler und Niko Paech über Wachstum, Politik und eine Ethik des Genug

Herr Paech, warum sollen wir weniger konsumieren?
Die meisten leben über ihre Verhältnisse, sie nehmen sich mehr, als ihnen zustehen kann. Viele beruhigen ihr Gewissen und schmücken sich mit ökologisch korrekten Symbolen. Es gibt vegane Vielflieger und den SUV-Fahrer, der im Bio-Supermarkt einkauft. Aber es gibt keine nachhaltigen Produkte – es gibt nur nachhaltige Lebensstile. Es reicht nicht, wenn Sie ab und an ein Produkt ohne Plastikverpackung kaufen oder beim Carsharing mitmachen – das ist persönliches Greenwashing.

Was soll ich denn stattdessen Ihrer Meinung nach tun?

Bilanz ziehen: Welchen ökologischen Fußabdruck haben Sie? Denn nur der ist von Bedeutung, und zwar auf das ganze Leben gerechnet. Speziell die Klimaproblematik betreffend gibt es CO2-Rechner im Internet: Wenn wir nur zwei Grad Klimaerwärmung zulassen wollen, weil der Planet sonst nicht mehr bewohnbar ist, dürfte jeder Mensch bei einer Lebenserwartung von 80 Jahren nur insgesamt etwa 220 Tonnen CO2 verursachen. Früher dachte ich, man müsse die Menschen behutsam an ein ökologisches Leben heranführen, inzwischen leben die meisten so rücksichtslos, dass jetzt radikale Änderungen nötig sind. Diese unangenehme Wahrheit meidet die Politik wie der Teufel das Weihwasser. Stattdessen wird so getan, als bräuchten wir nur grüne Produkte und Technologien, könnten aber ansonsten so weitermachen wie bisher.

Sie selbst haben kein und sind mit Ihren 56 Jahren nur einmal im Leben geflogen, wollen Sie damit Vorbild sein?

Ich versuche nur so zu leben, wie ich rede. Der größte Umweltzerstörer ist nicht mehr der Konsum, sondern die Mobilität. 20-jährige Globetrotter haben heute bereits oft den ökologischen Fußabdruck, den früher ein hochbetagter Rentner hatte. Schon Kinder werden in der Schule zu Konsumäffchen abgerichtet: Sie sollen ihre Referate auf den neuesten Geräten tippen und angeblich weltoffener werden durch Austauschreisen nach Australien.

Was ist an diesem Gedanken so falsch? Ich habe zu jedem Land, das ich bereist habe, eine besondere Beziehung, verfolge aufmerksamer, was dort passiert. 

Dass Globetrotter weltoffener sein sollen, halte ich für eine billige Ideologie. Und was nützt Weltoffenheit zum Preis der Zerstörung eben dieser Welt? Man kann sich auch anders über ein Land informieren, etwa durch Dokumentationen und im Internet.

Es ist doch etwas ganz anderes, mit Menschen direkt zu sprechen, vielleicht auch Freundschaft mit ihnen zu schließen.

Seit wir so viel umherjetten, haben Gewalt und Radikalismus nur zugenommen. Reisen mit dem Zug durch Europa macht auch Spaß und bildet. Interessante Menschen finden Sie außerdem auch in Ihrer Nachbarschaft. Es scheint keine Wählergruppe zu geben, die so viel fliegt wie die der Grünen – und die Vielfliegerei in Umfragen gleichzeitig kritisiert. Jemand, der zum Aldi geht und mit dem Mercedes an die Ostsee fährt, gilt ihnen als Spießer, dabei lebt er möglicherweise ökologischer.

Sie sind eine Spaßbremse, Ihr Rezept heißt Verzicht.

Ich laufe nicht im Büßerhemd herum, sondern habe eine Menge Spaß. Ich spiele in zwei Rockbands, bin viel im Wirtshaus, wandere oft. Es geht nicht um Verzicht – sondern um Verantwortung.

Sie haben hohe Ansprüche an den Einzelnen, Sie überfordern ihn. Was ist mit Politik und Wirtschaft? Die Industrie kann umweltfreundlicher produzieren, die Politik sie dazu bringen.

Bisher sind diese Ansätze gescheitert. Aber nichts ist billiger und unkomplizierter als das Weglassen. Ein Großteil des Konsums dient nur dazu, unseren Status aufzuwerten: Je mehr Erlebnisse, Reisen und Freunde bei Facebook wir vorweisen können, desto bedeutsamer scheinen wir. Komischerweise sind wir bei steigendem Konsum nicht glücklicher. Krankheiten wie Burn-Out und Depressionen oder die Flucht ins Digitale nehmen zu. Viele freuen sich das ganze Jahr auf den Urlaub, sehen nicht das Trügerische dieses Konzepts.

Warum sollen wir uns nicht auf den Urlaub freuen?

Den Großteil des Jahres im Hamsterrad zu strampeln, um dann kurzzeitig "auszuspannen", ist eine pure Reparaturmaßnahme. Es hilft mehr, bescheidener zu leben, nur 20 Stunden pro Woche zu arbeiten und Zeit für Beziehungen zu haben. Ein Leben in der Postwachstumsökonomie wäre ein maßvolleres Leben.

Wie sieht dieses Leben aus?

Am Anfang steht die "Entrümpelung": Was brauche ich wirklich? Vieles kann man tauschen, teilen. Der eine repariert Computer, der andere backt. Gemeinschaftsgärten, offene Werkstätten, Selbstversorgung – all das gibt es ja schon.
Das kostet Zeit, viele können das auch gar nicht. Wir haben doch nicht ohne Grund eine arbeitsteilige Gesellschaft. Ich will jetzt kein Brot backen!

Dann backen Sie eben nicht. Sie können im Gemeinschaftsgarten oder im Repair-Café tätig sein. Wenn Sie nur noch 20 Stunden arbeiten, haben Sie auch Zeit dafür. 

Von Shoppingdiät bis Selbstversorgung: Diese Menschen beweisen, dass Verzicht glücklich machen kann
Anna Magdalena Bössen

"Mein Besitz passte plötzlich in zwei Satteltaschen"

Anna Magdalena Bössen, 36, Rezitatorin und Sprechtrainerin aus Hamburg: "Ich stand am Elbdeich und wusste nicht mehr weiter. Beruflich wollte ich aufbrechen, privat verzweifelt festhalten: Meine Mutter lag im Sterben. Plötzlich begriff ich, dass ich alles loslassen musste, um neu beginnen zu können. Ich schrumpfte meinen Besitz auf zwei Fahrradtaschen und einen gelben Koffer voller Dichter und Denker und radelte zwölf Monate durch Deutschland. Meine Idee: Kost und Logis gegen Poesie. Bei den Menschen, die mich zu sich einluden, trat ich abends im Wohnzimmer mit meinem "Kofferprogramm" auf: Es gab Gedichte, große Fragen und viel Gelächter. Ich strampelte über 8000 Kilometer, residierte in Schlössern und schlief auf dem Sofa, ich rezitierte vor Nachbarn, Schulklassen und im Altersheim. Mit der Zeit wurde mir klar: Ich bin - nicht nur auf dieser Reise - auf die Unterstützung anderer angewiesen. Wenn man kein Geld verdient, wird einem das plötzlich sehr bewusst." Aus ihren Erfahrungen hat Bössen ein Buch gemacht: http://www.ein-wandermaerchen.de

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