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Wissen: Tasnim geht einkaufen

Unsere Autorin rettet Lebensmittel und trägt seit Jahren nur gebrauchte Klamotten. Wie stark ist ihre Haltung wirklich? Für uns geht sie auf Shoppingtour.

Für ihren Selbstversuch hat sich Tasmin aus ihrer Komfortzone in Wellness und Shopping gestürzt

Für ihren Selbstversuch hat sich Tasmin aus ihrer Komfortzone in Wellness und Shopping gestürzt

Fotos: Marlen Mueller

Der Gemüsehändler am Kottbusser Damm kennt mich schon. Er zeigt auf die beiden großen Holzkisten hinter seinem Stand, in denen sich angedetschte Äpfel, Birnen und krumme Gurken stapeln. Das sind also meine Notfallpatienten heute. Vorsichtig sortiere ich das Gemüse und Obst in meine Taschen. Es ist laut, um mich herum blinken Werbetafeln, Menschen kaufen Klopapier im Drogeriemarkt und essen Döner. Einmal die Woche komme ich hierher, um Lebensmittel zu retten. Das mache ich nicht, weil ich geizig bin, sondern aus Überzeugung. Ich kann damit leben, dass bei mir nur das auf den Tisch kommt, was in den Läden übrig bleibt, und dass ich nie planen kann. Das ist bei allen meinen Einkäufen so. Klamotten erstehe ich auf dem Flohmarkt oder tausche sie mit Freunden. Gehen meine Kopfhörer kaputt, frage ich alle meine Freunde, ob sie welche übrig haben, bevor ich bei Ebay welche ersteigere. Wann ich zum letzten Mal was bei Saturn gekauft habe, daran kann ich mich nicht einmal mehr erinnern.

Kindheit im Konsum

Es fällt mir immer schwerer, einkaufen zu gehen. Es gibt so viele Alternativen. Und ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich bei dem, was ich als Überfluss empfinde, mitmache. Oft frage ich mich, warum eigentlich. Warum kann ich nicht einfach mit meinen Freunden ins Kino gehen, danach Hamburger essen und den Samstag gemütlich mit Shoppen verbringen? Wieso lese ich lieber Bücher wie »Der Mann ohne Geld« von Mark Boyle oder sehe eine Dokumentation über kritische Persönlichkeiten wie Raphael Fellmer (Mitbegründer von foodsharing.de, lebt ohne Geld) oder die Culinary Misfits (retten krummes Gemüse), als eine neue Serie auf Netflix zu schauen oder die »Glamour« zu lesen? »Tasnim, du darfst dir auch mal was gönnen«, höre ich oft. Ich denke zwei Minuten darüber nach, es ändert nichts.

Vielleicht liegt der Ursprung ja in meiner Familie. Meine Mutter meinte es immer gut mit mir, ich war ihre Prinzessin. Sie nahm mich mit in schicke Galerien, italienische Schuhgeschäfte, teure Bioläden, wo sie mit Hingabe Geld ausgab. Sie predigte den Satz: »Lebe in der Fülle, mein Schatz«, und ja, ich genoss es. Bis ich in die Pubertät kam. Mit zwölf Jahren fragte ich sie vorwurfsvoll an der Kasse eines Modegeschäfts, warum sie so viele Klamotten kaufe. Hatten wir nicht schon genug? Außerdem bekam ich Angst. Wenn sie jetzt so viel kaufte, war dann vielleicht irgendwann das Geld alle? Und das Schlimmste: Oft gab es zu Hause Streit um Geld zwischen meinen Eltern. Mir wurde immer klarer: So wollte ich nie werden. Ich lehnte mich so gut auf, wie ich konnte. Statt wie meine Freundinnen enge Jeans und Bluse zu tragen, entschied ich mich für Leggings und weite Pullis und wurde Vegetarierin.

Berlin ist voller Möglichkeiten

Nach dem Abi floh ich aus der Kleinstadt nach Berlin. Plötzlich fiel ich nicht mehr auf. Meine zerlöcherten Hosen oder die Angewohnheit, Teebeutel mehrmals zu benutzen, beachtete hier niemand. In einem veganen Lebensmittelladen sah ich einen Flyer von Foodsharing. Essen teilen statt wegwerfen. Das war so neu, so anders. In Hennef, meiner Heimat, hätte ich niemanden getroffen, dem das bekannt gewesen wäre.

Seitdem ich in Berlin lebe, wird mein Leben immer konsumfreier und meine Überzeugung, das Richtige zu tun, jeden Tag stärker. Dachte ich bis vor zwei Wochen. Bis eine Bekannte mich auf die Idee brachte, mein Leben für eine Woche umzukrempeln. Als wir uns kennenlernten und ich ihr erzählte, dass ich abgelaufene Lebensmittel esse und seit zwei Jahren keine neuen Klamotten gekauft habe, war sie so fassungslos, dass ich zum ersten Mal seit Langem wieder eine Verunsicherung in mir spürte. »Warum machst du das denn? Ist das nicht anstrengend?«, fragte sie. Ich sammelte mich kurz und antwortete: »Weil wir sowieso zu viel wegschmeißen und ich dabei nicht mitmachen will«, gleichzeitig dachte ich: »Ja, es ist manchmal verdammt anstrengend.«

Start eines Selbstversuchs

Der Gedanke daran, mal alle Anstrengung von mir abfallen zu lassen, ließ mich seitdem nicht los. Da war sie, die Frage: Was wäre, wenn ich mal wieder wie alle anderen leben würde? Eine Woche lang? Würde mir das Experiment helfen, herauszufinden, weshalb ich das seit Jahren so kompromisslos ablehne? Insgeheim sehne ich mich manchmal nach mehr Leichtigkeit, einfach mal nicht nachzudenken, sondern nachzugeben. Obwohl in Berlin viele ähnlich denken, fühle ich mich manchmal allein. Ich kenne kaum jemanden, der Konsum so ablehnt wie ich.

Shopping, Wellness, essen gehen: Eine Woche lang will ich ausprobieren, wie es mir damit geht. Bin ich glücklicher, wenn ich doch Geld für neue Dinge ausgebe? Werde ich mich verändern? Fehlt mir was? Nehmen meine Kollegen, Freunde, Kommilitonen mich mit frisiertem Haar und neuem Outfit anders wahr? Je mehr ich darüber nachdenke und mich gedanklich auf das Experiment einlasse, umso mehr stelle ich mein eigenes Lebensmodell infrage. Ist es so wackelig? Lohnt sich der Lebensstil? Oder bin ich nur ein winziges Zahnrad in einem Getriebe, das versucht, sich andersrum zu drehen? 500 Euro setze ich mir als Rahmen.

Erste Station: Wellness

In dem kleinen Friseursalon in Berlin-Kreuzberg zwirbelt man sorgfältig meine Haare in Strähnen und schneidet den abstehenden Spliss raus - ganze zwei Stunden lang. Seit mehr als zwei Jahren habe ich keinen Friseursalon mehr betreten. Bisher schnitten mir Freunde meinen Schopf. Sie wäscht mir das Haar, benutzt Shampoo, danach Spülung, dann noch etwas Pflege für die Spitzen. Obwohl die Mittel alle ökologisch abbaubar sein sollen, begutachte ich die Anzahl der Pflegeprodukte mit Sorgenfalten auf der Stirn. Ich frage mich, ob man alle diese Seifen wirklich braucht. Nur damit sich das Haar ein bisschen weicher anfühlt? Wie oft fasse ich mir schon in die Haare? Wie viel Strom das Föhnen wohl geschluckt hat? Ich schaue in den Spiegel: Sonderlich anders sehe ich nicht aus.

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Auch das erhoffte »Oh, warst du beim Friseur? Sieht toll aus!« bleibt aus. Irgendwie enttäuschend. Die Anerkennung kommt von woanders. »Cool, das Teil sieht ja super aus. Woher hast du das?«, fragt mich eine Freundin. Geschmeichelt streiche ich über mein schwarz-weiß gestreiftes Oberteil. Gerade erst habe ich es mir aus einer Give-Box im Hausflur einer Freundin mitgenommen. Ich verspüre Bestätigung. Und vielleicht sogar ein bisschen Stolz. Ich kann es demonstrieren: Man muss nicht unbedingt bei Cos, Monki oder Urban Outfitters einkaufen, um cool zu sein. Es geht auch anders.

Vierzig Euro hat mich der Friseurbesuch gekostet. Davon lebe ich normalerweise fast eine ganze Woche.

Zweite Station: Klamotten

Mit gemischten Gefühlen betrete ich Loveco, laut eigenen Angaben Berlins größter Conceptstore für Fair-Trade-Kleidung und Biomode. Wenn schon shoppen, dann im Ökoladen.

Von der Decke leuchten schicke Industrielampen, Pullis liegen drapiert auf einem massiven Holztisch. An der unverputzten Wand hängen einzelne Ketten und Armbänder. Jedes dieser Objekte ist präsentiert, als ob es einen übergeordneten Sinn trüge. »Kauf mich, ich mach dich glücklich«, sagt es. Befriedigen diese Dinge uns wirklich? Ich schlüpfe in eine schlichte schwarze Bluse. Anders fühle ich mich nicht. Dieses Stück bekäme ich locker für fünf Euro auf dem Flohmarkt.

Eine Greenpeace-Studie erhob, dass etwa siebzig Prozent aller Jugendlichen Secondhandkleidung als »nicht sauber« empfänden und sie deshalb keine Alternative zum Neukauf darstelle. Ich fühle mich aber auch nicht sauberer. Meine Gedanken schrauben den Wert der Bluse auf den Nullpunkt. Ich hänge sie wieder zurück an die Kleiderstange.

Nach einer dreiviertel Stunde verlasse ich den Laden. Der Himmel ist grau. Meine Stimmung passt dazu. Kann ich nicht mal ganz entspannt shoppen gehen, wie alle anderen auch? Es fühlt sich an, als liefe ich mit Krücken, während andere mit ihren Einkaufstüten an mir vorbeirennen. Ich sehne mich nach dem Shoppingglück, von dem andere immer reden. Die Vorfreude, die sich ausbreiten soll, wenn die Kreditkarte durch das Lesegerät fährt. Die aufsteigende Zufriedenheit, wenn der neue Stoff sich noch ganz steif auf der Haut anfühlt. Immer, wenn Cher in dem Kultfilm »Clueless« Kummer hat, geht sie einkaufen. Warum funktioniert das bei mir nicht?

Shopping-Frust und Lust

»Sollte alles, was wir hier tun, unter dem Vorbehalt stehen, dass es uns glücklich macht und uns keine Einschränkung abverlangt? Geht es uns materiell nicht schon gut genug?«, fragt Niko Paech, Postwachstumsökonom und Lebenskünstler. »Wenn ich an der roten Ampel stehe, halte ich auch nicht an, weil ich es klasse finde, sondern weil es meine Pflicht ist. Wir haben auf diesem Planeten nicht nur die Aufgabe, uns das Leben möglichst schön zu bereiten, sondern wir haben auch Pflichten.« Ich stimme Paech zu: Wir haben nicht nur Freiheit, sondern auch Verantwortung.

Ich laufe im Regen über die Straße. Aufgeben kommt nicht infrage. Ich bin ein wenig besessen von dem Gedanken, etwas Neues zu kaufen. Irgendwas muss sich doch dann in mir verändern. Ich betrete den vierten Laden. Er ist schmal in die Länge gebaut, die Auswahl an Klamotten klein, aber sie gefällt mir.

Ich taue auf, sammle alle Kleidungsstücke ein, die mir gefallen, und probiere sie an. Die schwarze Hose ist zeitlos, ihr Stoff fällt leicht von meiner Hüfte. Sie passt. Endlich eine Alternative zu meiner zerlöcherten Jeans, denke ich. Ökomode gibt es hier nicht. Trotzdem bongt die Kassiererin zwei Hosen, einen Rock und zwei Blusen ab. Drrrrring. Funktioniert doch. Mit einer schicken Papiertüte in der Hand rausche ich aus dem Laden. Geschafft, denke ich. Und jetzt? 150 Euro hab ich dagelassen, das entspricht fast der Hälfte meiner Monatsmiete.

An der frischen Luft überkommen mich Gewissensbisse. Addiert man alle Rohstoffe und den Aufwand zusammen, würde ein einziges farbiges T-Shirt so viel wiegen, wie ein ausgewachsener asiatischer Elefant auf die Waage bringt, mehr als zwei Tonnen, berechnet das Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt und Energie. Wer meine Kleidung wohl produziert hat? Wer darunter leiden musste, damit ich mich für ein paar Minuten gut fühle? Ich frage mich, ob man diese Gedanken loswird, wenn sie sich einmal ins Hirn eingenistet haben. Das ist wie mit einem Schokobrownie. Wenn man einmal weiß, wie viel Zucker und Fett die klebrige Sünde hat, ist es wesentlich schwieriger, ihn zu essen. Die Kleidung liegt mir im Magen. Soll ich sie doch umtauschen? Ich muss mal wieder eine Kleidertauschparty schmeißen.

Abends gehe ich im neuen Outfit auf eine Party. Und sehe plötzlich aus wie alle anderen. Doof.

Dritte Station: Essen gehen

Mit Freunden. »Tasnim, kommst du mit? Wir gehen zum Chinesen.« »Äh, nee, danke, ich hab mir wieder was mitgenommen.« »Ach so, okay, na dann, guten Appetit.« Ich packe meine Tupperbox aus und esse mein Butterbrot. Ja, es gibt Situationen, in denen mein Lebensstil mich ausschließt. Heute ist alles anders. Zusammen mit meinen beiden Mitbewohnerinnen gehe ich in das vegane Restaurant The Bowl in Friedrichshain. Hier wird ausschließlich bio gekocht, das war mir wichtig. Die Fensterfront zeigt uns einen weiten Blick auf die Warschauer Brücke. Die Speisekarte überzeugt, ich kann mich kaum entscheiden. Endlich mal aussuchen. Ich esse Quinoa mit Tempeh, dazu bestelle ich noch eine Limo. Das hätte ich zu Hause nie so hinbekommen. Zum Kuchen lade ich ein. Ein Glücksgefühl durchströmt mich. So großzügig zu mir und vor allem zu anderen war ich schon lange nicht mehr.

Da bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Warum tue ich das sonst nie? Wo liegt die Grenze zwischen Sparsamkeit, Prinzipientreue und dem Ignorieren eigener Bedürfnisse?

Wenn ich den Konsum ausschließe, verzichte ich auch auf ein soziales Bindemittel.

Ich merke, dass ich das ändern will. Obwohl es nicht zu meinem sparsamen Lebensstil passt, will ich auch mal Freunde einladen und mit ihnen ganz normal in einem Café oder Restaurant einen Nachmittag verbringen. Das ist schöner, als immer zu Hause zu sein.

Es ist Sonntag. Auf meinem Schreibtisch, der eigentlich ein Küchentisch ist, liegt ein Berg von Rechnungen. Ich bin froh, dass die Woche rum ist. Von den 500 Euro habe ich rund 280 Euro ausgegeben. Mir kam es vor, als wäre es mehr gewesen. Auch wenn das Einkaufen an sich mich total genervt hat, bin ich mir selber doch ein riesiges Stück nähergekommen.

Es ist ein Eingeständnis, und es fällt mir nicht leicht, diesen Satz zu schreiben, aber: Manchmal hätte ich mein Leben doch lieber gemütlicher und genussvoller. Es hat mir gutgetan, mal lockerzulassen und meine Prinzipien zu brechen. Ich habe es sogar genossen, für gutes Essen Geld auszugeben, großzügig zu sein, anstatt mich auf das Nötigste zu beschränken.

Trotzdem gibt es vieles, auf das ich gut verzichten kann. Jetzt bin ich mir sicher, dass ich Shoppen ablehne und auch der Friseur meine Lebensqualität nicht erheblich steigert. Und dass das keine reine Trotzreaktion meinem Elternhaus gegenüber ist, sondern zu meiner Haltung geworden ist. Aber vielleicht gehe ich doch auch mal mit Freunden ins Kino.


Dieser Text ist in der Ausgabe 04/16 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.