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Nachhaltiger Konsum: Warum uns Filzklamotten und Bio-Käse ein schlechtes Gewissen machen

Die meisten wissen, was Nachhaltigkeit bedeutet - doch die Wenigsten kaufen auch so ein. Während im Einkaufswagen Bio-Eier landen, kaufen wir weiter Turnschuhe aus Bangladesch. Was läuft da schief?

Von Laila Keuthage

Eine Frau geht an einem Second-Hand-Shop vorbei.

Brauchen wir wirklich immer komplett neue Kleidung?

Selbst im Supermarkt sind wir nicht mehr sicher vor unserem Gewissen. Wir müssen uns entscheiden zwischen konventionellen Produkten und deren Bio-Alternativen, die nicht selten doppelt so teuer sind. Was es früher nur im Bioladen gab, ist heute im Lidl-Regal zu Hause. Tchibo hat gerade eine Ecological-Kollektion rausgebracht – nachhaltig vom Kaffee bis zur Jogginghose. Spätestens damit dürfte klar sein: Nachhaltigkeit ist längst keine Nische mehr, sondern in der Mitte der Gesellschaft angekommen. "90 Prozent der Menschen ab 14 Jahren kennen den Begriff Nachhaltigkeit", so Claudia Gaspar von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Genauso viele können übrigens etwas mit den Worten Maggi oder Lego anfangen. Fast jeder weiß also, was Nachhaltigkeit ist, aber die Wenigsten handeln entsprechend. Zumindest nicht konsequent.

Wer den Bio-Schinken auf das Kassenband legt, kann sich vielleicht nicht auch noch Fairtrade-Kaffee leisten und greift zur günstigeren Variante. "Ganz oder gar nicht!" schreit die Gesellschaft. Und da ist es dann auch schon: Das schlechte Gewissen. Wer versucht, kein Öko-Schwein zu sein, muss offensichtlich bei nachhaltigem Konsum auch scheitern.

Karmapunkte - Gotta Catch 'Em All

Daran wollen die Besucher des Hamburger Heldenmarkts aber erst mal nicht denken. Grüner Boden, grüne Ideen, grüne Menschen. Auf dem Heldenmarkt, einer Messe für nachhaltigen Konsum, tummeln sich viele junge Menschen, viele ältere Menschen, viele Paare mit Kindern.  Den Klischee-Öko in Birkenstock und Leinenhose sucht man vergebens in der endlos langen Schlange vor dem Burger-Wagen. Schlappe neun Euro kostet ein Burger mit Käse. Aber das nehmen die Kunden hier für ein Bio-Exemplar in Kauf. Erst recht, wenn das Rind zwischen den Brötchenhälften "100% stressfrei geschlachtet" wurde. Nachdem das totgestreichelte Tierchen guten Gewissens verschlungen wurde, gibt es weitere nachhaltige Leckereien zu probieren. Nachhaltigkeit und Genuss schließen sich nämlich ganz und gar nicht mehr aus. Knispelten die Ökos der frühen Jahre noch Körner und Kerne, setzen nachhaltige Firmen inzwischen auf Gourmet-Kunden.

Und die bekommen zum Nachtisch keinesfalls langweiligen Kaba. Jetzt wird Kakao mit Guarana aufgepeppt, um wach zu halten. Koawach macht aber nicht nur fit, laut dem Erfinder Daniel Duarte können Kunden ihr Karma-Konto mit dem Kauf des koffeinhaltigen Kakaos ins Unermessliche aufbessern. "Wir arbeiten mit fairen Handelskooperativen, das heißt wir kaufen Fairtrade ein, zum Beispiel bei den Kakaobauern in Peru. Vor 15 Jahren waren die noch gezwungen, Kokain anzubauen", sagt Duarte dem stern.

Besucher tummeln sich an den Ständen der Heldenmarkt-Messe.

Der Heldenmarkt findet in vielen deutschen Städten statt.

Aber damit nicht genug: Auch beim Guarana-Anbau arbeitet das Unternehmen mit Bauerngenossenschaften zusammen und finanziert ein Projekt, das die Arbeitskräfte in den Bereichen Landwirtschaft und Vor-Ort-Verarbeitung schult. So soll auf lange Sicht die Wertschöpfungskette optimiert werden.

Seit dem Auftritt der Koawach-Gründer in der Höhle der Löwen steht das Produkt bei Edeka und Rewe im Regal. Kostenpunkt: 5,49€ für 120 Gramm. Für Kakaopulver. Zum Vergleich: Ein halbes Kilo Kaba kostet weniger als 2€, Koawach kostet also mehr als das Zehnfache. Was ökonomisch wie ein Himmelfahrtskommando anmutet, funktioniert. Denn hier kaufen Kunden nicht nur schnöden Kaba. Die Kunden bezahlen einen Schritt in eine nachhaltigere Welt. Und natürlich auch für das eigene gute Gewissen. Laut Claudia Gaspar von der GfK gibt es in allen Teilen der Bevölkerung nachhaltig orientiere Menschen. Das heiße aber nicht, dass die es sich auch alle leisten können. In einer Konsumstudie, die die Rewe Group für das Jahr 2014 in Auftrag gegeben hatte, kam heraus, dass nachhaltige Konsumenten meistens einen höheren Bildungsgrad und ein überdurchschnittliches Einkommen aufweisen. Außerdem sind Konsumenten mit zunehmendem Alter eher bereit, mehr Geld für nachhaltigere Produkte auszugeben. Laut der Studie ist der typische nachhaltige Konsument "weiblich, gebildet und solvent." Koawach wird also vermutlich vor allem von gut verdienenden Akademikerinnen im mittleren Alter geschlürft. Es ist ein Vorzeigeprodukt der Nachhaltigkeitsszene: rundum Fairtrade, Bio-zertifiziert und die Etikettierung übernehmen natürlich Behindertenwerkstätten. Mehr geht nicht, oder? Doch, da geht noch einiges. 

Nachhaltigkeit: Guter Anfang oder böse Doppelmoral?

Das Koawach-Team präsentiert seine Produkte am Stand.

Am Stand von Koawach kann man koffeinhaltigen Kakao in exotischen Geschmacksrichtungen probieren.

Wer Koawach für konsequent nachhaltig hält, hat noch nie etwas von Cradle to Cradle gehört. Die wollen nicht nur einfach ein Produkt etwas weniger ausbeuterisch machen, sondern gleich die ganze Welt retten. Auf dem Heldenmarkt, im prall gefüllten Vortragsraum, spricht Markus Marienfeld, Mitglied des gemeinnützigen Vereins. Er predigt den Cradle-to-Cradle-Gedanken, betet Prinzipien herunter, sucht nach neuen Jüngern und wird mit vielen kopfnickenden Zuhörern belohnt. Cradle to Cradle heißt so viel wie: Von der Wiege zur Wiege. Genau, eigentlich kennen wir das Sprichwort eher so: Von der Wiege zu Bahre. Und das ist laut Markus Marienfeld das Problem in unserer Gesellschaft. Wir produzieren Dinge, um sie später wegzuwerfen. Das Ziel solle aber eher sein, dass es irgendwann keinen Müll mehr gibt, dass alles wiederverwertet werden kann und Abfall gleichzeitig Nährstoff für ein neues Produkt darstellt. Daher sei es wichtig, Recycling von vorne zu denken, im Produktdesign anzusetzen. Unser herkömmliches Recycling tauge nichts, denn da werden ja am Ende doch auch die schädlichen Materialien verbrannt. 

Gebrauch statt Verbrauch lautet das Mantra. Können wir uns ein Auto auch bei Cambio ausleihen, anstatt uns ein eigenes zu kaufen? Können wir unser kaputtes Smartphone erstmal im Repair-Café versorgen lassen, bevor wir direkt ein neues bestellen? Können wir uns beim Foodsharing krumm gewachsene Gurken besorgen, die es nicht in den Supermarkt geschafft haben und eigentlich in der Tonne gelandet wären?

 

Mit Sicherheit. Und unser schlechtes Konsum-Gewissen wäre sicherlich beruhigter. Aber vielleicht haben wir darauf ja manchmal einfach keine Lust. Und natürlich weiß man es besser. Man weiß, dass das Fleisch im Lieblings-Restaurant nicht Bio-zertifiziert ist und dass es nicht nötig wäre, Freunde innerhalb von Deutschland mit dem Flugzeug zu besuchen. Trotzdem entscheiden wir uns manchmal für solche Dinge. Laut Claudia Gaspar finden "60 Prozent der Deutschen es wichtig, dass Produkte und Dienstleistungen möglichst nachhaltig erstellt werden. Dass sich das nicht so in entsprechendem Verhalten niederschlägt, hat viele praktische Gründe." Wie zu wenig Geld, zu wenig Zeit oder mangelnde Motivation.

Schlechtes Gewissen beim Konsum

Nicht nur das eigene schlechte Gewissen schleicht sich dann von hinten an und überkommt uns ganz plötzlich. In der Diskussion um Nachhaltigkeit wird schnell der Zeigefinger erhoben. Wenn schon nachhaltig, dann bitte auch richtig. Wer sich einen wiederbefüllbaren Coffee-to-go-Becher besorgt, wird gleich auch darauf hingewiesen, dass seine Turnschuhe sicher nicht unter fairen Bedingungen produziert wurden. Aber was ist, wenn ich mir keine Fairtrade-Klamotten leisten kann? Oder wenn ich mich für Mode begeistere, die leider in Bangladesh produziert wurde? Wer im Supermarkt den Bio-Käse in den Einkaufswagen packt, daneben aber die billige Milch platziert, gilt als inkonsequent. Dass der Bio-Käse doch eigentlich schon ein richtig guter Anfang ist, bleibt ungesehen. Muss der Versuch, zumindest teilweise nachhaltiger zu leben, direkt zur Doppelmoral erklärt werden?

Beim Thema Nachhaltigkeit gehe es nicht darum, jede Kleinigkeit richtig zu machen, von heute auf morgen alles über den Haufen zu werfen und sein Leben komplett auf den Kopf zu stellen, erzählen die Heldenmarkt-Experten. "Der erste Schritt muss immer sein, dass man sich überhaupt erst mal mit dem Thema beschäftigt. Und dann kann man anfangen, vielleicht die günstigen Eier erst mal auf Freiland-Eier umzustellen", sagt Markus Marienfeld.  Und irgendwie ist es beruhigend, dass auch auf dem Heldenmarkt zwischen Brillen aus Holz und Smoothies aus Foodsharing-Obst der Kaffee noch in Pappbechern ausgeschenkt wird. 

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