Berichte über Dumpinglöhne bewegen die Republik. stern.de zeichnet das Schicksal einer ausgebeuteten Schlecker-Mitarbeiterin nach. Ein Protokoll aus einer dunklen Ecke des Job-Markts. Von Roman Heflik

Schlecker-Filiale: Alte Mitarbeiter gegen billigere ausgetauscht© Martin Gerten/DPA
Warum verzichtet jemand auf ein Drittel seines Gehalts oder macht Überstunden, die ihm niemand bezahlt? Wieso unterschreiben Menschen Verträge, die ihnen weniger Urlaubstage und noch weniger Kündigungsschutz versprechen?
Die Antwort kennen Millionen deutscher Arbeitnehmer: aus Angst, aus Verzweiflung. Und weil ihnen profitgierige Unternehmer keine andere Wahl lassen. Die Formen der Ausbeutung sind zahlreich: Putzfrauen, die bei Krankheit gefeuert werden, Fernfahrer, die für unter sechs Euro die Stunde schuften müssen, Autowäscher, die nicht bezahlt werden, wenn mal kein Auto kommt. Und es gibt Verkäuferinnen wie Gabriele Sommer.
Vor zwei Monaten hat auch sie die Angst kennengelernt. Und sie hat mitbekommen, wie sich ihr Arbeitgeber, der Schlecker-Konzern, diese Angst zu nutze gemacht hat. Man könnte auch sagen: Schlecker hat es geschafft, Sommers Angst für sich in bare Münze umzuwandeln.
Die Geschichte von Gabriele Sommer, die in Wahrheit anders heißt, beginnt vor einem halben Jahr. Die gelernte Arzthelferin hat ihren Job in einer Praxis verloren. An der Scheibe einer Schlecker-Filiale sieht sie ein Schild "Aushilfe gesucht" und geht hinein. Heute sagt sie: "Ich war extrem blauäugig, ich hatte keine Ahnung von Schlecker." Sommer wird als Springerin eingestellt und muss in verschiedenen Filialen aushelfen. Ihr Vertrag wird immer wieder verlängert - auf Wochenbasis, mit immer wieder wechselnden Arbeitszeiten. "Callgirl-Arbeitsverhältnisse" nennt man das bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi - weil die meist weiblichen Aushilfen an ihren freien Tagen oft am Telefon sitzen und auf den nächsten Arbeitseinsatz warten.
Langsam begreift Sommer, wie ihr Arbeitgeber tickt: Egal in welcher Filiale sie zur Arbeit antritt, überall herrscht Angst. "Die Frauen in den Märkten haben sich davor gefürchtet, dass demnächst ein XL-Markt in der Nähe aufmacht und sie ihre Jobs verlieren", erinnert sie sich. Die XL-Märkte sind der Spar-Trumpf im Ärmel des Ehinger Drogeriekonzerns: Alte Filialen werden durch neue, geräumigere Geschäfte ersetzt. Allerdings: Das Personal tauscht Schlecker größtenteils auch aus. Ältere Arbeitnehmerinnen, die nach Verdi-Tarif bezahlt werden, verlieren reihenweise ihren Job - eine Katastrophe für hunderte Frauen, von denen viele seit 15 oder mehr Jahren bei Schlecker arbeiten.
Vielen der übriggebliebenen Angestellten bietet Schlecker Verträge mit der Meniar an, einer Leiharbeitsfirma aus Zwickau, die von einem ehemaligen Schlecker-Manager gegründet wurde und die aufs engste mit dem Unternehmen verwoben ist. "Mit Meniar begeht Schlecker Tarifflucht und betreibt Lohndumping", sagt Achim Neumann von Verdi. Wer bei der Meniar anfängt, verzichtet auf ein Drittel bis auf die Hälfte seiner Bezüge. Denn die Verleihfirma nutzte eine Lücke im Gesetz zur Arbeitnehmerüberlassung und berief sich bis vor kurzem auf einen Tarifvertrag mit einer christlichen Gewerkschaft, der weit unter den Konditionen des Verdi-Tarifvertrags liegt.
Weil man mit der Meniar so schön Geld sparen konnte, versuchte Schlecker, auch Mitarbeiter der alten Filialen nach und nach zu den neuen Verträgen zu überreden. Wie knallhart der Konzern dabei vorging, erlebte Gabriele Sommer am eigenen Leib.
Ab November teilte ihre Chefin ihr von Woche zu Woche weniger Arbeitsstunden zu. "Im Dezember dann hatte ich gar nichts mehr und musste mich zeitweise arbeitslos melden", erinnert sich Sommer. Dann sei sie von der Bezirksleiterin angerufen worden. Die habe ihr einen Meniar-Vertrag mit den Worten angeboten: "Wenn Sie den nicht unterschreiben, weiß ich nicht, wann ich im nächsten Jahr wieder für Sie Arbeit habe."
Damit ein Mitarbeiter auf seine vertraglichen Rechte verzichtet, geht Schlecker nach stern-Recherchen in Einzelfällen auch noch weiter. Da drohten Manager: Wenn Sie nicht mitmachen, zeigen wir Sie wegen Diebstahls an. Mitarbeiterinnen bestätigen, dass in den Filialen die ständige Furcht herrschte, von den Vorgesetzten etwas untergeschoben zu bekommen. So hätten selbst langjährige Mitarbeiterinnen nach Bedarf ohne Abfindung fristlos gefeuert werden können. "Bei meiner Filialleiterin ging die Angst soweit, dass sie bei jedem Wetter ohne Jacke und Tasche zur Arbeit kam", berichtet eine Kollegin von Sommer.
Werden Sie auch ausgebeutet? Arbeiten Sie für einen Arbeitgeber, der weit unter Tarif zahlt, Kündigungsschutzregeln umgeht und seine Mitarbeiter systematisch unter Druck setzt? Dann schreiben Sie uns unter aktion@stern.de und berichten uns, wie Sie ausgebeutet wurden oder noch werden. Teilen Sie uns auch mit, wie wir Sie erreichen können. Ihre Angaben behandeln wir auf Wunsch anonym.
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