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SCHEIBE: Die weibliche Sicht der Dinge

Frauen lieben es, indirekte Anweisungen zu geben. Anstatt klarer Befehle geben sie uns Männern lieber kryptische Umschreibungen ihrer Wünsche mit auf den Weg. Zum Glück schreiben sie keine Computer-Handbücher.

Wahrscheinlich ist es Ihnen als Mann noch gar nicht aufgefallen, weil wir nicht auf solche Sachen achten: Frauen lieben es, indirekte Anweisungen zu geben. Anstatt klarer Befehle geben sie uns Männern lieber kryptische Umschreibungen ihrer Wünsche mit auf den Weg. Zum Glück schreiben sie keine Computer-Handbücher.

Zweimal vier Jahre waren nötig...

Es hat an die vier Jahre gedauert, bis ich überhaupt mitbekommen habe, dass Frauen recht kompliziert um mehrere Ecken gleichzeitig denken. Und es dauerte noch einmal vier Jahre, bis ich das Prinzip dahinter verstanden habe. Bis dahin habe ich mich immer gewundert, warum ich ständig für gebrochene Versprechen und Vereinbarungen angeherrscht wurde, die ich überhaupt gar nicht gegeben habe.

Was will uns »Der Müll ist voll« sagen?

Das mit den indirekten Anweisungen funktioniert so. Die Frau des Hauses geht am übervollen Müll vorbei und nuschelt in neutraler Tonlage: »Der Müll ist ganz schön voll.« Der Mann des Hauses, der dieses Selbstgespräch auf rein zufälliger Basis mitbekommt, verschwendet einen Bruchteil seiner Gedanken an diesen Satz und denkt sich »Das stimmt«, bevor er sich wieder Tagträumen voller Sex, teuren Autos, hochgezüchteten Computern oder tollen Actionfilmen auf DVD hingibt. Das kurze Aufblicken, das Anzeigen einer wie auch immer gearteten minimalen Kenntnisnahme reicht den Frauen völlig aus. Stunden später kommt dann der unvermeidliche Anschiss: »Du hast mir doch versprochen, den Müll rauszubringen.« Da ist der Mann natürlich geplättet und ergeht sich in sinnlosen Widerworten: Der Streit ist da.

Tatsache ist, dass Frauen zwar sagen: »Der Müll ist voll«. Sie meinen damit aber: »Schwing sofort deine Hufe her und bring den Müll nach draußen.« Tatsächlich sind sie der Meinung, genau das gesagt zu haben. Manchmal hilft es, die Frauen zu betören, ihr herrschendes Amt im Haus doch wenigstens ganz direkt und offen anzuwenden, um militärisch klare Befehle zu erteilen. Ganz in diesem Sinne dürften sie nicht mehr fragen: »Gehst du wirklich noch mit den Kumpels einen trinken?« Eine klare und im Frauensinne richtige Ansage wäre stattdessen: »Wenn du es wagst, heute noch auszugehen, werde ich giftig wie eine Natter.«

Bei Männern würde sich niemand angesprochen fühlen

Die Kunst, indirekte Aufforderungen zu erteilen, liegt Frauen im Blut. Männer tun sich damit schwerer. Welcher Chef geht schon durch seine Abteilungen und nuschelt dabei: »Komisch, Auftrag X ist noch gar nicht fertig«. Oder: »Artikel Y ist ja noch gar nicht geschrieben.« Im Büro würde sich doch niemand angesprochen fühlen. Es sei denn, der Chef würde dann im späteren Meeting seine Mitarbeiter zusammenbrüllen: »Meier, ich hab Ihnen doch gesagt, Sie sollen Auftrag X bearbeiten. Und Müller, warum ist Artikel Y noch nicht fertig?« Wer dieses Schema konsequent durchzieht, erzeugt ein Klima vorauseilenden Gehorsams, in dem selbst erstaunt ausgesprochene Sätze wie »Meine Zigaretten sind ja alle« dazu führen, dass spontan mehrere Mitarbeiter aufbrechen, um zum nächsten Kiosk zu fahren. Bis dahin muss aber vor allem in der Computerbranche weiterhin die ewige Wahrheit gelten, dass Kommandos gar nicht klar genug formuliert sein können, um eine Reaktion auszulösen.

Dass man speichern muss, ist doch klar

Man stelle sich nun vor, in der Kunst der indirekten Aufforderung bewanderte Frauen würden ein Computerhandbuch schreiben. Das liest sich dann so: »Das Dokument ist noch gar nicht gespeichert.« Die Leser denken sich ihren Teil: »Ja, so ist es« und machen weiter mit dem Workshop. Beim späteren Rechnerabsturz samt Textverlust käme es dann zu Reklamationen und Beschwerden beim Verlag, der das Handbuch gedruckt hat. Die Autorinnen würden sich prompt damit rausreden, dass sie doch ganz klar impliziert hätten, dass eine Textspeicherung an dieser Stelle recht ratsam wäre.

Oder bei einer Hotline: »Frollein, ich habe ein Problem«. – »Ich höre.« – »Mein Computer macht seltsame Dinge auf dem Bildschirm.« – »Ein Virentest wäre nicht schlecht.« – »Und wie mache ich den?« – »Ja, wenn Sie das nicht selbst wissen...«

ISDN statt Kleidergrößen

Meine Frau merkt an, dass wir Männer einfach zu simpel strukturiert sind. Wir seien nicht in der Lage, subtil in einem Satz geäußerte Aufforderungen zu verstehen. Was kein Wunder sei, weil wir doch eh ein Gedächtnis wie ein Sieb hätten. Ständig würden wir ihre Kleidergrößen vergessen und könnten in einem Streit auch nicht mehr genau belegen, wann wer was wie gesagt hat. Im Gegensatz zu ihnen. Frauen wissen auf die Minute genau, wann und bei welcher Gelegenheit ihnen ein Mann etwas Böses an den Kopf geworfen hat. Notfalls können sie noch zwei Freundinnen als Zeugen anführen, die das ebenfalls gehört haben. Wenn nicht direkt, dann später beim täglichen Rapport-Telefonat. Anstatt ihr geringes Gehirnpotenzial für etwas Sinnvolles wie die Dechiffrierung einfacher Tätigkeitsaufforderungen zu verwenden, würden Männer lieber auswendig lernen, was Computerkürzel wie HTTP oder ISDN ausgeschrieben bedeuten. Das sei für Frauen völlig unsinnig: Wen interessiert das denn?

»Sehe ich aus wie eine Technikerin«

Wir kabbeln uns noch eine Weile, dann frage ich nach, ob ihr Drucker wieder funktioniert. Der hatte letztens immer die Blätter beim Einsaugen zerknautscht. Es folgt ein neuerlicher Exkurs. Ob sie denn eine Technikerin sei, die sich mit der Reparatur von Hardware auskennt? Ob ich das nicht selbst reparieren könnte? Ob es nicht eh besser wäre, statt dem alten Laser einen Farbtintenstrahldrucker zu kaufen? Ob ich mit der Frage meinen würde, sie hätte den Drucker vielleicht kaputtgemacht?

Wie einfach wäre »ja« oder »nein«

Ich lasse den Kopf auf die Tischplatte fallen. Ich wollte nur ein »Ja« oder »Nein« als Antwort. Unterschwellige Botschaften hatte ich nicht in die Frage hineingesteckt. Das mit der Kommunikation zwischen Männer und Frauen müssen wir wohl alle noch ein wenig üben – auch in der Kommunikationsgesellschaft.

Carsten Scheibe