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SCHEIBE: Wir beichten uns was

Neulich in der Pizzeria: Robert ergriff das Wort: »Jungs, ich muss euch etwas beichten«. Und so begann die neueste Lästerrunde rund um den PC.

Jörgi, Robbe und ich saßen letztens mal wieder beim Pizza-Mann. Von unserem Platz aus konnten wir genau beobachten, wie der Italiener den Pizzateig ausrollte, Tomatengehäcksel und Käse draufwarf, um das Teigleckerli dann in den Tiefen eines Steinofens verschwinden zu lassen. Robert ergriff das Wort: »Jungs, ich muss euch etwas beichten«. Und so begann die neueste Lästerrunde rund um den PC.

Robert stürzte sein halbes Pils auf einen Schluck herunter und ließ danach einfach den Schaum auf seiner Oberlippe stehen. Eine Frau am Nachbartisch kämpft sichtlich mit sich und griff bereits zur Serviette, konnte sich dann aber doch beherrschen. Wäre Robbe ihr angeheirateter Mann gewesen, wäre sie ihm sicherlich ruckzuck über den Mund gefahren. Mit dem Tuch, nicht verbal.

»Wisst ihr, ich bin ein echter Ignorant.«

Wir nickten und warteten entspannt auf die Offenbarung, die da noch kommen mochte.

Angst vor Fremden auf der Festplatte

»Ich war Zeit meines Lebens gegen Netzwerke. Als mein Haus gebaut wurde, haben mich die Bauarbeiter sogar gefragt, ob sie in den Arbeitsräumen Kabel für ein Netzwerk legen sollten. So rein prophylaktisch. Ich hab das kreischend verneint und damit argumentiert, dass ich niemanden so gut leiden kann, dass ich ihn auf der Festplatte meines Rechners haben möchte. Drum tauschten wir bei uns in der Firma Jahre lang alle Daten immer nur auf Disketten, Jaz-Bändern oder über das Internet aus.«

Wir schüttelten den Kopf und nahmen Robbe ein Stück Pizza weg. So einer wie er verdiente es gar nicht, eine ganze Pizza Salami alleine zu vertilgen.

»Jetzt, wo die Datenmengen immer größer werden, ging es irgendwann einmal nicht mehr im alten Trott weiter. Wir sind jetzt in der Firma auf DSL umgestiegen. Da ich ja keine Kabelschächte hab reservieren lassen, mussten wir stattdessen eine Funkverbindung zwischen den einzelnen Rechnern aufbauen. Jetzt gehen wir über die Luft ins Internet und nicht per Kabel, coole Sache. Aber noch besser ist, dass die kleinen Funkemariechen, die jetzt auf jedem Rechner stehen, nicht nur die DSL-Verbindung aufbauen, sondern zugleich auch ein internes Netzwerk einrichten. Jetzt kann jeder auf die Festplatten des anderen zugreifen, und das ist ja sooo eine Erleichterung.«

Robert trank auch noch die zweite Hälfte seines Bieres aus, ganz ergriffen von seiner Beichte.

»Ja«, sagte er und nahm uns bei den Händen, »ich bin jetzt einer von euch. Ich bin jetzt ein Netzwerk-Freund.«

Wir applaudierten höflich.

Jörgi fragte: »Und diese Funkdinger, die funken die Daten mitten durch die Luft?«

Robert nickte.

Jörgi überlegte: »Dann stelle ich mich mitten davor, wähle im Rechner die Homepage von MacDonalds an und schon flitzen mir die Burger durch den Bauch?«

Robert schlug nach ihm. Und stibitzte sich ein Stück Pizza Thunfisch.

Es war an mir, mich zu offenbaren. Ich schützte meine Pizza Calzone vor den Übergriffen meiner Nachbarn und schlürfte die Cola herunter, die mal wieder null Kohlensäure hatte.

»Das liegt am Eis«, meinte Jörgi. »Eis eliminiert Kohlensäure.«

»So ein Quatsch«, grunzte Robert. »Das liegt an der ausgelutschten 2-Liter-Flasche, deren Reste der Kellner hinter dem Tresen noch in das Glas gequetscht hat.«

Ich richtete mich in meinem Stuhl auf und sagte: »Wisst ihr, ich bin ein echter Ignorant.«

»Und ein Penetrant. Und ein Egozentriker. Und ein Einzelkind«, kicherte Jörgi. Ich winkte ab und brachte ihn so zum Schweigen.

»Ich habe schlecht Zeugnis über Digitalkameras abgelegt«, beichtete ich.

»Und das so kurz nach der Photokina«. Robert war ergriffen von meinem Mut.

Fotos aus Zombiehausen

»Es ist ja nun einmal so«, haspelte ich. »Bisher konnte ich auf einen Blick erkennen, ob ein Bild von einer Digitalkamera kam oder von einer echten. Die Digibilder waren immer fahl, unscharf, griesig, irgendwie unlebendig. Als hätte jemand Fotos aus Zombiehausen gemacht. Da steckte kein Leben drin.«

Robert nickte. Jörgi auch.

»Daran änderten auch die Megapixel nichts. Ob ich nun ein kleines Müllbild hatte oder ein großes, das tat nichts zur Sache. Die Bilder der Kameras sahen einfach schrottig aus. Noch schlimmer als die Aufnahmen einer Kodak Photo CD, die immer viel zu dunkel ausfallen. Das war eben nix, was ich mir freiwillig ins Fotoalbum geklebt hätte. Letztens erst habe ich eine digitale Kamera getestet. Da stand drauf, mal solle sie nicht auf bewegte Objekte richten. Weil sie nämlich nicht dazu in der Lage ist, diese Objekte ohne massive Unschärfegrade zu fotografieren. Aber dann...«

Meine Zuhörer beugten sich vor. »Ja?«

»Dann bekam ich ein neues Modell in die Hand. Ganz normale zwei Megapixel hatte das Ding, dazu ein silbern angemaltes Plastikgehäuse, nix Besonderes also. Aber superbe Bilder machte die. Selbst bewegte Objekte lichtet die Kamera problemlos ab. Sie hat einen Zoom, ein Makroobjektiv, einen Speicher für 200 Aufnahmen und viele weitere Extras. Und die Fotos sind so farbenprächtig und scharf, dass man nie glauben würde, dass sie aus der Konserve kämen. Also Jungs, ich bin bekehrt.«

Wir alle schauten Jörgi an. Er sollte gefälligst auch eine Beichte ablegen. Er atmete aus und plusterte sich dabei auf.

»Außer mir sind alle anderen Ignoranten.«

Wir waren erstaunt. Damit hatten wir nicht gerechnet.

Geschenkt ist noch zu teuer

»Ja, stellt euch mal vor. Wir haben gerade in der Firma zwei neue Rechner angeschafft. Zwei alte Geräte haben wir ausgemistet. Mit Drucker, DVD-Laufwerk, Monitor, allem pipapo. Da bin ich bestimmt zu drei, vier Leuten hin und habe denen angeboten, die Rechner geschenkt zu bekommen.«

»Und?« Wir staunten.

»Wollte keiner haben. Nicht mal geschenkt.«

»Echt nicht?« Wir staunten noch mehr.

»Ja, selbst die, die sich sonst jeden einzelnen Euro absparen, meinten nur: Oooch, dafür haben wir ja gar keinen Platz. Ja, wenn es ein Flachbildschirm wäre. Oder ein Notebook. Aber soooo...«

»Inserier' doch bei Ebay«, schlug ich vor.

Verschenken statt entsorgen - nicht so einfach

»Neh, ich wollte die Dinger ja zügig loswerden, weil die ja doch nur Platz fressen. Ich habe mir am Ende echt die Finger wund gewählt. Am Ende habe ich die Dinger dann an den Freund eines Freundes verschenkt. Und der meinte auch noch, ich solle froh sein, für die Entsorgung nicht auch noch Geld berappen zu müssen.«

»Ja, dem Steuerberater wäre das sicherlich eh lieber, weil er dann einen Entsorgungsbeleg hat, der beweist, dass der Rechner nicht mehr existiert.« Das war Robert.

Jörgi winkte ab. »Ich find's einfach nur deprimierend, dass keiner einen Rechner geschenkt haben möchte.« Und bestellte sich eilends noch ein Bier.

Carsten Scheibe