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Scheibes Kolumne: Alt geworden?

Kolumnist Carsten Scheibe sinkt in sich zusammen. Er ist alt geworden. Zu alt für die schnelllebige Computer-Branche? Fast hat es den Anschein. Aber nur die Harten kommen in den Garten. Und so ist es noch lange nicht an der Zeit, um aufzugeben.

Letztens spreche ich am Telefon mit einem Kollegen, der Erotikvideos fürs Internet aufbereitet und bekomme mit, dass er eine kleine Tochter hat. Neugierig frage ich ihn, wie alt er denn sei.

"Na, etwa so in deinem Alter", bekomme ich zur Antwort. Also um die Dreißig, frage ich neugierig nach.

Im Telefonhörer tut es einen lauten, entsetzten Schnaufer: "Gott bewahre, das doch nicht. Ich bin Mitte zwanzig".

Bin ich sooo alt?

Nun bin ich aber selbst etwas schockiert. Bin ich denn ein antiquierter Oldtimer? Ich bin 36 Jahre alt und werde im März bereits 37. Die Vier mit der Null kommt stetig näher. Bislang habe ich mich nie um mein Alter gekümmert. So langsam dämmert es mir aber, dass die Zeit immer schneller verfliegt.

Meine Helden: Wickie, Heidi, Maja

Neulich habe ich mit meinem Sohn Linus ferngesehen. Da habe ich mich dann bei "Wickie, der Wikinger" ertappt, wie ich zu Linus sagte: "Das hat schon dein Papa als Kind gesehen." Auch bei "Heidi" und "Biene Maja" lockt es mich immer wieder an den Bildschirm. Erinnerungen werden wach an früher, an lang vergessene Kinderzeiten. Au weia, ich habe die angestaubten Oldtimer des Fernsehens bereits alle in der Urausstrahlung gesehen.

Dafür kann ich mit den modernen japanischen Zeichentrickserien absolut nix anfangen. Ständig prügeln sich da alle, und die Abenteuer sind so schnell geschnitten, dass ich beim Blinzeln ganze Szenen verpasse.

Der andere Karsten ist fast gleich alt

Karsten aus meinem Büro ist 37 Jahre alt, hat sich aber bestens gehalten. Trotzdem plagt auch ihn der Kummer. Er kümmert sich bei uns um den Kontakt mit den Presseabteilungen. Überall werkeln nette Frauen, die dem einen oder anderen Flirt nicht abgeneigt sind und sich schon bald mit Spitznamen ansprechen lassen. Neulich hat Karsten sich einmal per E-Mail nach dem Alter einer besonders sympathischen Dame erkundigt.

Die Antwort kam prompt: "Ich bin achtzehn Jahre alt". Und dann die Horrorfrage: "Und du?" "Ich könnte dein Papi sein", murmelt Karsten und fühlt sich auf einmal grau, verkalkt und überhaupt nicht mehr jung und frisch. Das schreibt er ihr natürlich nicht. Stattdessen bleibt er eine Antwort schuldig und blättert schnell unsere Hefte durch: "Hoffentlich ist da nirgends ein Foto von mir mit dabei."

Noch kein graues Haar

Ich schaue in den Spiegel. Kein einziges graues Haar zu sehen. Ich bin erleichtert, auch wenn meine Frau sofort meint, mir würden die Dinger eh alle ausfallen, bevor sie grau werden. Meine Knie knirschen immer ganz laut, wenn ich Kniebeugen mache. Ich höre förmlich den morschen Knorpel protestieren. Beim Arzt wird ein Gallenstein entdeckt. Man legt mir nahe, doch mal wieder zur Prostatauntersuchung zu gehen. Eine Darmspiegelung wäre auch nicht verkehrt - in meinem Alter.

Schwer lasse ich mich in meinen Bürostuhl plumpsen. Ich kann nicht mehr ganze Nächte durcharbeiten und muss auch tagsüber öfters einmal Pausen einlegen. Dann packe ich meine Füße auf den Schreibtisch, lege mir die neue PC-Zeitung über die Augen und mache ein "Power-Napping".

Die Jüngeren kennen nichts mehr

Komisch: Ich bekomme immer mehr Probleme, mit Jüngeren über Filme zu fachsimpeln. Da sind jetzt welche dabei, die kennen "Mit Schirm, Charme und Melone" nur noch vom missratenen Kinofilm her, haben aber die kultige Fernsehserie noch nie gesehen. Und wenn ich von den glorreichen Klassikern des Actionkinos rede und "Alarmstufe Rot" mit Steven Seagal erwähne, dann kennt den auch niemand mehr. Auch Michael Dudikoff und Rutger Hauer sind heute eher unbekannt. Mann, waren das noch Zeiten, als wir während des Studiums unseren Kumpel Olli besuchten, der heimlich im Pflegerzimmer eines Berliner Krankenhauses wohnte, um uns dann hier gleich vier Videos am Stück reinzuziehen. Heute müssten wir uns einen DVD-Player besorgen: VHS ist out.

Ich bekomme einen Anruf von einem werten Kollegen, der stolz auf die 50 zumarschiert. Ich frage nach, wie's so läuft, Branchenschnack eben. Die Antwort schockiert mich: "Es läuft gar nicht gut. Wer gibt denn in dieser Branche einem alten Sack wie mir noch Arbeit? Die jungen Chefredakteure denken doch alle, ich bin zu alt für den PC-Kram. Oder sie haben Schiss, dass ich mitten im Artikel an Alzheimer erkranke oder einen Herzinfarkt kriege."

Bestimmtes spricht uns nicht mehr an

Wir schwadronieren, ich bin ja mit 36 Jahren auch schon zu alt für diese Branche, die im Jugendwahn steckt und das jährliche Alles-neu-Update anbetet. Gemeinsam stellen wir fest, dass uns bestimmte Themen einfach nicht mehr ansprechen. Etwa Konsolenspiele, das Verschönern des PCs mit Leuchtstoffröhren oder das exzessive Chatten im Internet. Dafür haben wir auch unsere positiven Seiten: Einen Erfahrungsschatz von über einem Jahrzehnt, eine schnelle, pointierte Schreibe und Dutzend von wichtigen Kontakten, die sich der Nachwuchs erst einmal erarbeiten muss.

Trotzdem möchte der Kollege die Sparte wechseln, weg vom PC und hin zu anderen Themen, bei der sein Alter eher ein Pluspunkt ist. Vielleicht wäre das auch etwas für mich. Möglicherweise sollte ich einen lang gehegten Traum wahr machen und Kinderbuchautor werden. Ein paar Kilo mehr auf dem Bauch, einen dicken Bart und dafür noch weniger Haare auf dem Kopf: Als Märchenonkel habe ich Potenzial.

Eine Glosse von Carsten Scheibe