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SCHEIBES KOLUMNE: Der neue Kopierer

Heute wird einfach nichts mehr für die Ewigkeit gebaut. Während alte Geräte meist treu dienen, halten neue nur so lange, bis die Garantie abläuft. Wie viele Nerven ein Zweitausend-Mark-Kopierer mit viel Elektronik kosten kann, davon berichtet Carsten Scheibe.

Heute wird einfach nichts mehr für die Ewigkeit gebaut. Während alte Geräte noch treu das tun, wofür sie gebaut wurden, halten neue Dinge oft nur noch so lange, bis die Garantie abläuft. Und wenn vorher etwas schief geht, machen die Mädels von der Hotline komische Vorschläge.

Bei meinen Eltern steht eine Stereoanlage, die stand schon da, als ich noch ein Kind war. Und die Anlage unter Androhung erzieherischer Massnahmen nicht anfassen durfte. Die Stereoanlage mit dem antiquierten CD-Player und dem fetten Receiver läuft auch heute noch ohne Probleme. Ich habe derweil meinen achten CD-Player in Betrieb. Irgendwie haben die ersten sieben alle auf halbem Weg den Geist aufgegeben.

In meiner Studentenzeit hatte ich einen Kühlschrank. Der hat gute Jahre und schlechte durchgemacht, war mal voll gestopft bis zum Rand und mal gähnend leer. Der Kühlschrank erledigte dessen ungeachtet seinen Job – und kühlte. Rund um die Uhr ohne Mucken und Aussetzer. Wie habe ich es dem guten Teil gedankt? Ich habe den Kühlschrank verschenkt und mir einen neuen gekauft, sobald ich zu etwas Geld gekommen war. Mit welchem Ergebnis? Der Neue taut jetzt manchmal ohne Vorwarnung ab und setzt die Küche unter Schmelzwasser. Na toll.

Wir wollen nicht ungerecht sein. Auch früher ging mitunter etwas kaputt. Ich kann mich etwa an keinen Walkman erinnern, der länger als drei, vier Monate funktionierte. In der Regel gab es irgendwann einen Wackelkontakt bei den Kopfhörern – und dann war Sense mit dem Musikhören beim Joggen. Und als Kind hielten die Gimmicks aus dem YPS-Heft auch immer nur bis zum nächsten Heft. Das Heft mit der Erbsenpistole als Gimmick habe ich drei Mal gekauft, bis die Pistole endlich einmal einen Tag überlebte. Sie wurde dann von meiner Lehrerin einkassiert – ich sah die Erbsenpistole nie wieder. Heute gibt es so etwas, glaube ich, gar nicht mehr.

Woher die Retro-Gedanken um Technik, die ewig hält? Nun, ich hatte gerade wieder ein sehr einschneidendes Erlebnis. Als ich vor acht Jahren den Sprung in die Selbstständigkeit wagte, kaufte ich mir für knapp zweitausend Mark einen kleinen Kopierer fürs Büro. Das klobige Teil kopierte und kopierte, fraß wenig Toner und war nicht ein einziges Mal defekt. Mal klemmte ein Blatt, dann konnte man den Kopierer aufklappen und das Blatt entnehmen. Fertig. In all den Jahren musste einmal die Trommel ausgewechselt werden, das kostete auch nicht die Welt. Irgendwann war ich aber der Meinung, dass wir die neuesten Fortschritte der Kopiertechnik mitmachen müssen. Ich verschenkte den alten Kopierer und kaufte mir für zweitausend Mark einen neuen Kopierer. Ein richtig schmuckes kleines Teil mit viel Elektronik und LCD-Displays und so einem Zeug.

Der Kopierer wurde von einem tätowierten Wikinger vorbeigebracht, der das Gerät auch gleich aufstellte. Einen Tag später riefen wir ihn wieder an, weil auf jeder Kopie schwarze Streifen zu sehen waren. Die Firma schickte uns eine neue Belichtertrommel, weil die alte anscheinend einen Schaden hatte. Wir tauschten die Trommel aus – und siehe da, alles funktionierte. Dann machten wir eines Morgens die Klappe auf, um ein neues Blatt einzulegen. Die Glasplatte des Kopierers war über Nacht in tausend Teile zersprungen. Der Wikinger tanzte wieder an, um das alte Gerät mitzunehmen und ein neues zu bringen. Das kopierte dann auch. Allerdings durfte man immer nur zehn Seiten auf einmal in den Einzug legen. Ansonsten gab es sofort einen Papierstau mit Fehleranzeige. Aufklappen kann man das Gerät nun auch nicht mehr. Da bleibt allein das Prinzip Hoffnung, dass das oben eingeführte Papier unten auch heile wieder herauskommen möge.

Nun hatten wir letztens den Fall, dass das Finanzamt uns eine Außenmitarbeiterin zur Steuerprüfung vorbeischickte. Schweißgebadet und dem Herzinfarkt nahe mussten wir ein paar Kopien mehr als üblich anfertigen, um Belege für die Unterlagen der Beamtin zu vervielfältigen. Nach drei, vier Seiten schlotterte der Kopierer in den Alarmmodus und meldete einen neuen Papierstau. Allein: es war kein verklemmtes Blatt zu sehen. Die eilig konsultierte Gebrauchsanweisung gab nur an, dass die Fehlermeldung bedeutet, dass Papier im Kopierer steckt. Die Autoren des Handbuches waren aber platzbewusst und verzichteten darauf anzugeben, wie der Fehler wohl zu beseitigen ist. Unter den strengen Augen der Finanzbeamtin kopierten wir die Belege dann einzeln im Faxgerät.

Eine Woche später kam unsere Mitarbeiterin aus dem Skiurlaub zurück, die sich normalerweise um den Kopierer kümmert. Da sie auch kein Papier aus dem Gerät hervorzaubern konnte, rief sie bei der Hotline an. Die kannten den Fehler und hatten sofort die Lösung parat: »Heben Sie das Gerät unten rechts etwa fünf Zentimeter an«, sagte die Frau am Telefon. »Und nun?«, fragte unsere Mitarbeiterin. »Jetzt lassen sie los.« Wumms. Der Kopierer knallte auf die Unterlage, es blinkte und die Fehlermeldung verschwand. Manchmal hakt da eben ¿was, meinte die Hotlinerin. Aha. Wenn das mal nicht der beginnende Untergang des Abendlandes ist, wenn solche Methoden zur Reparatur von Elektronik zum Einsatz kommen. Heute abend fahre ich zu meinem Freund, dem ich den alten Kopierer geschenkt habe, und tausche die Geräte heimlich aus. Zur CeBIT fahre ich auch nicht. Ich will gar nicht wissen, was es Neues gibt.

Carsten Scheibe