HOME

Scheibes Kolumne: Der virtuelle Arzt

Kolumnist Scheibe vertraut in letzter Zeit weniger den Ärzten, als vielmehr dem medizinischen Wissen, das aus dem Netz stammt. Denn endlich wird man einmal umfassend informiert und nicht wie in der Praxis mit einer Tüte Medikamenten und einem warmen Händedruck abgespeist.

Unsere kleine Nichte ist im Sommer gezwickt worden. Von so einer widerlichen Zecke. Auf der Pfaueninsel ist das passiert. Nachdem die Kinder durch eine Wiese getobt waren, entdeckten wir auf der Fähre zurück zum Berliner "Festland" überall krabbelnde Zecken auf den Kindern. Auf den Haaren, an den Beinen, überall krabbelte es plötzlich. Die meisten Blutsauger erwischten wir zum Glück noch, bevor sie sich festsaugen konnten. Ein paar von ihnen mussten dann aber doch mit dem Fingernagel entfernt werden. Einen Tag später hatte unsere Nichte einen weißen Kreis in der Größe eines Zwei-Euro-Stücks um eine Bissstelle herum, der von einem dünnen roten Ring abgeschlossen wurde.

Neues über Zecken

Sofort machten wir uns auf ins Internet und fütterten die Suchmaschine Google zunächst mit dem Suchbegriff "Zecke". Schnell waren da gleich mehrere Homepages gefunden, die umfassende Informationen zum Besten gaben. Vieles war da zu lesen, was der Volksmund anders sagt. So sitzt die Zecke gar nicht auf Bäumen, um sich fallen zu lassen, sobald ein nach Schweiß duftender Mensch unter ihrem Ast vorbei läuft. Stattdessen sitzen sie im Gras und klettern maximal auf eine Höhe von etwa einem Meter. Hier hängen sie die mit Krallen bewehrten Beine in die Luft und hoffen darauf, sich in einem vorbei flanierenden Hosenbein zu verhaken. Drei Blutmahlzeiten langen der Zecke zu ihrer Entwicklung. Dann legt sie ein paar hundert Eier und stirbt.

Unsere Online-Recherchen führten uns auch schnell zu Seiten, die ähnliche Fotos von der weiß und rot eingefärbten Bissstelle zeigten, wie wir sie bei unserer Nichte entdeckt hatten. Eindeutige Diagnose via Homepage: Borreliose. Das ist eine Krankheit, die durch ein Bakterium hervorgerufen wird, das im Darmtrakt der Zecke lebt. Vor allem beim Herausdrehen der Zecke kann das Bakterium durch "Erbrechen" des Tieres in die Wunde gelangen. Borreliose wird oft nicht erkannt und kann leicht chronisch werden. Entzündungen der Hirnhäute, des Gehirns und der Nerven des Rückenmarks sind dann leicht möglich. Also schnell zum Arzt. Mit Antibiotika-Gaben wurde die Borreliose dann bekämpft. Gut, dass wir das Internet gefragt haben.

Lingua geographica

Der Hang zur Selbstdiagnose über das Internet nimmt zu. So fiel uns unlängst bei einem Kind auf, dass es ein regelrechtes Loch in der Zunge hatte, das zunehmend größer wurde. Um Himmels Willen, ein Tumor vielleicht, irgendetwas ganz Schlimmes? In der Folge wurde die Zunge natürlich scharf beobachtet. Es zeigte sich, dass die "Löcher" ständig die Form veränderten, sich über die ganze Zunge ausbreiteten und auch mal wieder ganz verschwanden. Klar: Wir fütterten das Internet mit den Suchbegriffen "Zunge, Loch" und wurden schließlich bald fündig: Fotos mit exakt den gleichen Löchern waren auf den verschiedenen Homepages zu sehen. Die Lösung des Rätsels: Hier lag eine so genannte "Lingua geographica" vor, eine Landkartenzunge. Die ist zum Glück völlig harmlos und muss nicht behandelt werden. Bei dieser Ausprägung eines wahrscheinlich genetischen Defekts lösen sich die Fadenpapillen auf der Zunge auf. Es kommt also zu einem Abrieb der obersten Schleimhautschicht auf der Zunge. Das tut nicht weh, und die Zellen wachsen auch immer wieder schnell nach. Höchstens zu einem unangenehmen Zungenbrennen kann es bei bestimmten Speisen kommen.

Der Arzt schüttelt den Kopf

Der Arzt hat unsere Eigendiagnose inzwischen bestätigt, auch wenn er immer den Kopf schüttelt und aufs Internet schimpft: "Dafür sind doch die Ärzte da". Denkste. Inzwischen haben wir bei den Kindern der Bekanntschaft noch zwei weitere Landkartenzungen diagnostiziert. Und der Hammer: Ich habe selbst auch eine. Habe ich 36 Jahre lang nicht bemerkt und meine Eltern schon gar nicht.

Engelchen frisst nicht mehr

Inzwischen wird es zur Gewohnheit, das Internet zu konsultieren, um Informationen abzurufen. Unsere älteste Rennmaus "Engelchen", das Tier meiner Tochter Alisa, ist in den letzten Tagen ganz dünn geworden. Also schnell ins Internet und nach "Rennmaus, frisst nicht" gesucht. Schnell kamen wir auch dieses Mal zur Lösung des Problems. In einem Forum schrieb ein anderer Mäusehalter, dass es bei Tieren mit einer leichten Zahnfehlstellung dazu kommen kann, dass die Zähne nicht mehr richtig abgenutzt werden. Dann werden sie immer länger. So war es auch bei unserem "Engelchen". Die unteren beiden Nagezähne, sonst nur wenige Millimeter kurz, waren fast schon einen ganzen Zentimeter lang. Also schnell zum Tierarzt, der die beiden Zähne prompt mit einer Kneifzange stutzte. Das knackte ganz schön laut, ein wenig Blut spritzte, weil die Zähne durchblutet werden, und jetzt kann das "Engelchen" wieder futtern.

Wie gut, dass es eine DSL-Flatrate gibt.

Carsten Scheibe
Themen in diesem Artikel