Editorial "Die Macht des gedruckten Wortes"


Liebe stern-Leser!

Man muss nicht Ebay- Chefin, Talkmasterin oder Erbin sein, um zu den reichsten Frauen der Welt zu gehören. Es genügt, ein paar wirklich gute Bücher zu schreiben. Joanne K. Rowling hat gezeigt, dass das gedruckte Wort auch in Zeiten von Fernsehen und Internet nichts von seiner Macht und Magie verloren hat. Ihre Harry-Potter-Bücher sind besser geschrieben als 97 Prozent der Erwachsenenliteratur, meint Thomas Bodmer, der für den stern Joanne K. Rowling porträtiert. Er kann sich so ein Urteil erlauben: Bodmer, geboren 1951 in Zürich, kommt eigentlich von der "höheren" Literatur. Er war zwanzig Jahre Verlagslektor bei Diogenes und Haffmans, wo er Autoren wie Friedrich Dürrenmatt, Federico Fellini, Patricia Highsmith, Tomi Ungerer, Robert Gernhardt, Eckhard Henscheid, Julian Barnes und Peter Greenaway betreute. Seit 1992 arbeitet er als Herausgeber, freier Lektor, Journalist und Übersetzer. Vom Potter-Virus wurde Thomas Bodmer im Herbst 1998 angesteckt. Nach der Lektüre des zweiten Bandes war ihm klar, dass er unbedingt mit Rowling sprechen musste. Nach längeren Verhandlungen mit ihrem Agenten saß er ihr am 23. April 1999 in jenem Café in Edinburgh gegenüber, wo sie den ersten "Harry Potter" geschrieben hatte. Bis heute faszinieren ihn die Romane der Autorin. Der siebte und letzte Band ist auch für ihn ein Abschied, ein Abschied "aus einer Welt, die mir so viel Lesegenuss bereitet hat wie nichts sonst in den letzten zehn Jahren".

Die russische Zeitung "Nowaja Gaseta" ist für ihren Kampf um die Pressefreiheit im Mai mit dem Henri Nannen Preis ausgezeichnet worden. Bei der Preisübergabe in Hamburg rief ihr Chefredakteur Dmitrij Muratow der versammelten Prominenz aus Medien, Politik und Wirtschaft zu, wie sie die Kremlkritische Zeitung am wirkungsvollsten unterstützen können: "Schalten Sie Anzeigen in unserem Blatt!" Denn die "Nowaja Gaseta" leidet nicht nur unter Schikanen der russischen Behörden. Ihre wirtschaftliche Basis ist bedroht, da kaum Unternehmen den Mut haben, in der Zeitung Anzeigen zu veröffentlichen. Muratows Rede hat viele Kollegen und Gäste bewegt und aufgerüttelt. Sie verabredeten, in der "Nowaja Gaseta" Gratulationsanzeigen zur Verleihung des Henri Nannen Preises zu veröffentlichen. Das bringt der Zeitung dringend benötigtes Geld und zeigt auch, dass die russischen Kollegen Rückhalt in Deutschland haben.

Die erste Anzeige erscheint heute und kommt vom stern. Es folgen der "Spiegel", "Focus", der Axel Springer Verlag ("Bild"), "Süddeutsche Zeitung", "Handelsblatt", "VDI Nachrichten", "Auto Motor Sport", die Werbeagenturen Scholz & Friends, Draftfcb und Publicis sowie der Gesamtverband Kommunikationsagenturen GWA. Das erste - und bisher einzige - Unternehmen, das nicht aus der Medienbranche kommt, ist BMW. Allen ein herzliches Dankeschön. Wir hoffen, dass noch weitere Firmen Dmitrij Muratows Aufruf folgen werden. Die "Nowaja Gaseta", deren bekannteste Reporterin Anna Politkowskaja im vergangenen Jahr erschossen wurde, verdient unsere Unterstützung über den Abend der Preisverleihung hinaus. Sie ist eine der letzten freien Stimmen Russlands.

Herzlichst Ihr

Thomas Osterkorn

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