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Editorial: Eine Geisel gibt Einblick in die absurde Welt der Taliban

Liebe stern-Leser!

Er hat überlebt. 84 Tage durchlitt der deutsche Ingenieur Rudolf Blechschmidt, 62, als Geisel in den Händen der afghanischen Taliban. Vergangene Woche schilderte er - unversehrt zurück in Ottobrunn bei München - den stern-Reportern Christoph Reuter und Markus Götting die Odyssee zwischen Tod und Abenteuer. Auf beeindruckende Art nüchtern und äußerst detailreich lässt Blechschmidt die Monate in den Bergen noch einmal wie einen Film ablaufen. Seine Beobachtungen verschaffen uns auch einen einzigartigen Einblick in die Denkweise, die Lebensgewohnheiten und den Kodex der Taliban-Kämpfer. Wie menschenverachtend sie agieren, als sie Blechschmidts Freund Rüdiger Diedrich kurz nach der Gefangennahme erschießen, weil er entkräftet zurückbleibt. Wie plötzlich drei seiner Bewacher verschwinden, um sich in Kandahar und Kabul in die Luft zu sprengen. Und wie nach Wochen des Zusammenlebens in engen, kalten Höhlen manchmal doch so etwas wie Menschlichkeit zum Vorschein kommt. Pragmatisch, zäh und mit einer Mischung aus Widerstandsgeist und Fatalismus überstand der Deutsche die Tortur in dem kargen Hochgebirge. Auf einem der Märsche sagte er zu einem seiner Entführer: "Ich kann umfallen, dann bin ich auf der Stelle tot, dann habt ihr überhaupt nichts von mir. Das hat der alles zur Kenntnis genommen, der Sadist, und gesagt: Allah bestimmt. Er selbst habe da nichts mit zu tun, wenn Allah das will, dass ich sterbe, dann sterbe ich. Wenn er nicht will, sterbe ich nicht. Ich mein, das ist ein einfaches Rezept. Man muss bloß dran glauben."

In Latschen, aber mit ultramodernen Solarladegeräten für Handys verfolgen die Taliban unbarmherzig ihr Ziel, Geld zu beschaffen für den Krieg gegen die afghanische Regierung und die internationalen Truppen. Willkürlich werden Menschen verschleppt und deren Heimatstaaten erpresst. Das stellt Regierungen vor die ewig selbe Frage: Hart bleiben, um die Entführungsindustrie einzudämmen? Oder zahlen, um die Pflicht zu erfüllen, das Leben eines Staatsbürgers zu retten? Hier gibt es keine Schwarz-Weiß-Antwort. Sicher ist nur: Unerbittliche Staatsräson kostet eine Geisel fast immer das Leben. Es muss also verhandelt werden, auch wenn am Ende der Steuerzahler dafür aufkommt. Die Berliner Regierung vermeidet es, über Geld zu sprechen. Vor allem über konkrete Summen. Auch sollen Verhandlungen mit Entführern möglichst über lokale Behörden laufen, um deutsche Regierungsmitarbeiter rauszuhalten aus den schmutzigen Geschäften. Im Fall von Rudolf Blechschmidt standen die deutschen Diplomaten aber noch vor einem anderen Dilemma: Sich des Risikos bewusst, hatte Blechschmidt für die Fahrt nach Süden extra um Polizeischutz gebeten. Doch es war die afghanische Polizei, von Deutschland mit ausgebildet, die ihn nicht beschützte, sondern an seine Entführer verriet (Seite 30).

Herzlichst Ihr

Andreas Petzold

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