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Editorial: Gotteswahn: Ein Professor gegen den Rest der Welt

Liebe stern-Leser!

Schon als junger Wissenschaftler wusste der Mann, auf den die Titelgeschichte dieser Woche zurückgeht, zu provozieren. Vor mehr als 30 Jahren veröffentlichte der Brite Richard Dawkins sein Buch "Das egoistische Gen", einen Bestseller, mit dem er nicht nur unter Verhaltensforschern für Aufregung sorgte. Zu einer Zeit, als alle Welt über den Einfluss von Umwelt und Erziehung auf den Menschen redete, kam er mit der These heraus, dass nichts anderes uns präge als die Natur und die Gene, die wir in uns tragen. Inzwischen ist Dawkins 66 Jahre alt, Professor am Lehrstuhl für das Allgemeine Verständnis der Wissenschaften an der Universität Oxford und hat ein Buch geschrieben, das sich in der englischen Version bereits mehr als eine Million Mal verkauft hat. Seit voriger Woche taucht es nun auch auf der deutschen Bestsellerliste auf: "Der Gotteswahn". Es ist Dawkins’ Abrechnung mit dem Glauben an ein übernatürliches Wesen in jeglicher Form. Damit trifft er offensichtlich den Nerv von vielen, denen beispielsweise die wachsende Bedeutung des Islam Unbehagen bereitet. Und er wird zum verhassten Gegner all jener Fundamentalisten vor allem in den USA, denen das Christentum die Rettung der Welt verheißt.

Angesichts der harschen Worte, mit denen Dawkins das Unglück beschreibt, das im Namen der Religionen über die Menschheit gekommen sei, waren die stern-Redakteure Hans-Hermann Klare und Peter Meroth überrascht, in welch milder Stimmung sie den Autor in seinem Wohnzimmer in Oxford antrafen. Zwei Stunden diskutierten die drei über das Buch, den Glauben und die Thesen des erklärten Darwinisten. Sie fanden einen charmant plaudernden Naturwissenschaftler, der eine gesunde Skepsis immer für richtig hält, auch bei der Frage nach Gott und den anderen großen Fragen der menschlichen Existenz. Lesen Sie den Bericht über die Thesen von Richard Dawkins und das Interview ab Seite 30.

Woche für Woche ermittelt das Meinungsforschungsinstitut Forsa für den stern unter anderem die Wirtschaftserwartungen der Bevölkerung. Es fragt dabei, ob die Menschen glauben, dass sich ihre wirtschaftlichen Verhältnisse eher verbessern oder verschlechtern werden. Seit April erwartete eine solide Mehrheit den Aufschwung. Doch in den letzten Wochen ist der Trend gekippt. Zurzeit gibt es gerade noch 30 Prozent Optimisten in der Bevölkerung. Das Vertrauen in die Konjunktur schwindet. Die internationale Finanzkrise hat die Deutschen nachdenklich gemacht - viele Verbraucher fragen sich: Wie sicher ist eigentlich mein Geld? Einige Superstars in der Finanzwelt waren hoch gelobt und höher bezahlt. Jetzt haben sie ihren Kredit verspielt - durch den absurd verwinkelten Handel mit ungesicherten Krediten. Angesichts der verzockten Milliarden stellen Kleinsparer erstaunt fest: Das sind auch nur Menschen, die Fehler machen. Und nicht mal ihre Chefs, die Vorstände der großen Bankhäuser, können momentan sagen, wie viel diese Fehler am Ende kosten werden - wie viel Geld und wie viel Vertrauen. Letzteres ist das höhere Gut in der Finanzwelt, und hier ist der Schaden bereits dramatisch. Die Finanzindustrie wäre gut beraten, die Gefühlslage ihrer Kunden wieder stärker ins Kalkül zu ziehen. Schließlich sind sie es, die den Bankmanagern das Geld anvertrauen, mit dem die arbeiten und ihre hohen Gehälter verdienen. Der stern befasst sich ab Seite 180 mit den Ängsten, die das Finanzdebakel nun auslöst, und sagt, wo Ihr Geld sicher ist.

Herzlichst Ihr

Andreas Petzold

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