HOME

Richard Dawkins: Nach dem Gotteswahn

Mit dem Buch "Der Gotteswahn" schockte Biologe Richard Dawkins weltweit Gläubige. US-Politikerin Sarah Palin nennt er wegen ihrer Sympathie zum Kreationismus eine "sehr dumme, ignorante Frau". Nun erklärt Dawkins in "Geschichten vom Ursprung des Lebens" die Evolution. Und erläutert unter anderem die Penis-Theorie.

Von Christian Parth

Es ist erst einige Wochen her, da haben Wissenschaftler im schönen Harzvorland seltsame Fußabrücke entdeckt: Die Stapfen beeindruckten die gestandenen Paläontologen. Die 35 Zentimeter langen Abdrücke im Bernburger Kalk erinnerten sie zunächst an einen Prosauropoden. Doch bei genauerer Analyse wurde den Forschern klar, dass es Merkmale gibt, die eben nicht zu besagtem Frühsaurier passen. Obendrein sind die Abdrücke 15 Millionen Jahre älter als alle vergleichbaren. Seitdem rätselt die Gruppe, was für ein Tier sie hier im Germanischen Becken genau entdeckt haben könnte.

Wer sich mit Evolution beschäftigt, weiß: Die Geschichte muss permanent umgeschrieben werden. Neue Funde bringen neue Erkenntnisse. Das wusste schon Charles Darwin. Der Pionier der Evolutionsbiologen wäre 2009 bereits 200 Jahre alt geworden. In "Geschichten vom Ursprung des Lebens" (Ullstein Verlag, 29,90 Euro) beschäftigt sich Biologe Richard Dawkins mit dem britischen Naturforscher. Dawkins, Professor an der Universität Oxford, nimmt den Leser mit auf eine spannende "Pilgerreise" durch die Zeit. Als Vorbild für den Handlungsstrang wählte er Chaucers "Canterbury Tales". Die Neuerscheinung ist die erste deutschsprachige Version des bereits 2004 auf Englisch veröffentlichten Buches "The Ancestor's Tale".

Rückwärts hin zur Ursuppe

Dawkins begleitet die Evolution vom Menschen rückwärts und prüft, wer wann auf dieser Reise in die Vergangenheit zu uns stößt - bis hin zum Bakterium in der Ursuppe. Der Mensch ist nicht das Maß aller Dinge, sondern ein Produkt von Zufälligkeiten. Auf diese Regel legt Dawkins Wert. Diese Abwesenheit eines höheren Plans in der Natur ist eines der Lieblingsmotive des britischen Wissenschaftlers.

Vor einem Jahr schockte er die Gläubigen aller Welt mit seinem Buch "Der Gotteswahn", in dem er sich in philosophischer Manier reichlich über jene Menschen lustig machte, die der Meinung sind, es gebe einen allmächtigen Schöpfer. Diese Menschen bekommen auch in seinem neuem Werk ihr Fett weg - vor allem die Kreationisten, auf die er in den Fußnoten deftige Breitseiten abfeuert. Sie sollten ja nicht auf die Idee kommen, gewisse Widersprüche in den Ausführungen des Autors zu interpretieren, um sie als Wahrheit für ihre größenwahnsinnigen Schöpferideen zu nutzen, schreibt der Naturwissenschaftler.

In einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur äußerte sich Dawkins zur Debatte um Sarah Palin, der Republikaner-Kandidatin fürs US-Vize-Präsidentenamt. Sie setzt sich dafür ein, dass in der Schule gleichberechtigt neben der Evolutionslehre der Kreationismus gelehrt wird. "Die Frage ist, welchen Kreationismus sie da gelehrt haben will. Dass die Welt auf dem Rücken einer Schildkröte geschaffen wurde? Oder dass die Welt aus einem kosmischen Ei schlüpfte?", so Dawkins. "Wenn es die Bibelgeschichte ist (wonach Gott die Welt erschaffen hat), dann ist das ein Mythos, mit dem sie aufgewachsen ist. Sie ist eine sehr dumme, ignorante Frau."

Wie der Affe auf die Beine kam

Eines steht für Dawkins fest: Die Evolution hat nie Zeit verschwendet, weshalb sämtliche Arten stets unter gehörigem Entwicklungsdruck standen. Beim Menschen lässt sich das auf beeindruckende Weise nachvollziehen. Sein Gehirn ist sechs Mal größer, als es auf einer Skala der Säugetiere eigentlich sein dürfte. Der Leistungsgedanke war auch bei seinen Vorfahren schon ausgeprägt. So fühlte sich der Affe irgendwann bemüßigt, den aufrechten Gang zu erlernen. Allerdings konnten sich die Forscher auf keine einheitliche Version einigen, wieso das passierte.

Wie in den meisten Kapiteln, die umstrittene Forschungsthemen behandeln, stellt Dawkins die gängigsten Theorien kurz vor. Hier kann sich jeder Leser suchen, was ihm am besten gefällt. Bei der Frage, wie der Affe auf die Beine gekommen ist, gibt es beispielsweise die Penis-Theorie. Sie besagt, dass der Affe nur deshalb auf zwei Beinen geht, damit das Männchen die Pracht seines Geschlechts präsentieren und das Weibchen sie besser verbergen kann. Aber es gibt noch eine Variante, die sich ebenfalls trefflich auf die heutige Zeit übertragen lässt. Das Männchen konnte als Ernährer auf zwei Beinen mehr Nahrung nach Hause bringen als der krabbelnde Konkurrent. Zu Hause kam das gut an, weshalb die Weibchen fortan die Zweibeiner zwecks Fortpflanzung bevorzugten. Parallelen zum Verhalten mancher modernen Frau sind auch bei Dawkins betont kein Zufall.

Unsere Vorfahren - die Ausbeuter

Auf seiner Pilgerreise rückt Dawkins auch romantische Vorstellung über archaische Lebensweisen der ersten Menschen zurecht. Dass Jäger und Sammler im Einklang mit der Natur lebten, sei ein großer Irrtum. Die knapp beschürzten Männer hätten die Natur ebenso nach Kräften ausgebeutet, wie der moderne Mensch es tut. Unsere Vorfahren haben, schreibt Dawkins, zahlreiche Tierarten regelrecht ausgerottet.

Das Buch ist gespickt mit Anekdoten und kleinen Geschichten über unsere Vorfahren, die erklären, wie die Selektion manche Arten überleben und andere wegen Untauglichkeit aussterben ließ. So macht es Lust, den eigenen Spuren zu folgen.