Editorial Macht und Machenschaft


Es bestehen kaum noch Zweifel, dass Jürgen Möllemann Selbstmord begangen hat. Was stern-Reporter

Liebe stern-Leser!

Es bestehen kaum noch Zweifel, dass Jürgen Möllemann Selbstmord begangen hat. Was stern-Reporter über Pfingsten zusammengetragen haben, zeigt immer deutlicher das Bild eines Mannes, der körperlich und seelisch am Ende war.

Möllemann brauchte die Aufmerksamkeit, die ihm die Politik bescherte, wie ein Süchtiger die Droge. Nachdem er sich ins Abseits manövriert hatte, verfiel er in Depression. Es verstärkt sich auch der Verdacht, dass der FDP-Politiker seit langem für dubiose Rüstungsgeschäfte Schmiergelder in Millionenhöhe kassiert hat. Die strafrechtlichen Ermittlungen gegen Möllemann sind mit seinem Tod eingestellt worden - politisch aber steht die Aufklärung der Affäre erst am Anfang.

Wie kein anderes Magazin haben wir die Achterbahnfahrt von Möllemanns Karriere begleitet. Berichte des stern zwangen ihn zum Rücktritt als Bundeswirtschaftsminister, entfachten den Antisemitismus-Streit mit Michel Friedman und führten zum endgültigen Bruch mit Guido Westerwelle. Nachdem Möllemann letztes Jahr in der Flyer-Affäre acht Wochen lang abgetaucht war, gab er dem stern das erste Interview und überließ uns sein umstrittenes Buch "Klartext" zum Vorabdruck.

Das Reporterteam des stern kam gerade zurück aus Afghanistan, als die Meldung von dem mörderischen Bombenanschlag auf den Bundeswehrbus über die Agenturen lief. Cornelia Fuchs und Fotograf Yannis Kontos waren zweieinhalb Wochen in Kabul und Herat unterwegs und beschreiben ein Land, das ohne internationale Schutztruppe im Chaos versinken würde.

Obwohl es in Kabul keine Kleidervorschriften für Frauen mehr gibt, trägt die überwiegende Mehrzahl immer noch die blaue Burka - zu groß ist die Angst vor Schikanen, und zu oft werden Frauen, die unverhüllt sind, angegriffen und beleidigt. Deshalb trug auch Cornelia Fuchs in der Öffentlichkeit vorsichtshalber ein Kopftuch.

Der stern hat zum 26. Mal den Egon Erwin Kisch-Preis für die besten deutschsprachigen Reportagen vergeben. Den mit 10000 Euro dotierten ersten Preis erhielt Stefan Willeke, der in der "Zeit" den "Herrn der Pleiten" porträtierte, einen Münchner Insolvenzverwalter.

Den zweiten, mit 7500 Euro dotierten Preis bekam Kurt Kister von der "Süddeutschen Zeitung" für seine Reportage "Wolfslächeln und Nadelstiche" über das TV-Duell zwischen Unionskandidat Edmund Stoiber und Bundeskanzler Gerhard Schröder vor der Bundestagswahl 2002.

"Josef, der Panzerknacker" brachte Guido Mingels vom Magazin des "Tages-Anzeiger" in Zürich den mit 5000 Euro dotierten dritten Preis ein. Er beschrieb die bizarre Welt eines Ein- und Ausbrechers. Gratulation allen Preisträgern.

Herzlichst Ihr Thomas Osterkorn


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