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Neue Steinbrück-Biografie: "Peer? Peer? Peer?"

Ist das nicht eine Zigarettenmarke?, fragte ihn ein früherer Chef. Wer SPD-Schlachtross Steinbrück noch nicht richtig kennt: Eine neue Biografie schafft Abhilfe. Eine Rezension in sieben Schritten.

Von Andreas Hoidn-Borchers

Worum geht's hier eigentlich?

Um Supeerman. Den Kerl, der Helmut Schmidt im Schach schlägt. Der mit Angela Merkel den deutschen Sparer gerettet hat. Und der Deutschland ab 2013 natürlich viel, viel besser regieren würde als die gegenwärtige Kanzlerin. Es geht um Peer Steinbrück, 65 Jahre, SPD-Mitglied und im weitesten Sinne Sozialdemokrat, und wie er geworden ist, was und wie er ist; um seinen Weg vom Gymnasiasten mit "saumäßigen Zeugnissen", der für die Mittelstufe fünf Jahre brauchte, und späteren Hilfsreferenten im Forschungsministerium zum "präzisen Administrator" in den Regierungsapparaten von Düsseldorf und Kiel und letztendlich zum angesehenen Bundesfinanzminister der Großen Koalition, dessen Kenntnisse des Steuerrechts sich aber in weit engeren Grenzen halten, als man so glaubt.

Es geht um einen Mann, der Kino, Literatur, Kunst, das Schachspiel sowie die Ironie liebt - und der erkennbar von sich überzeugt ist. Der schon als Halbwüchsiger "immer gewinnen wollte", dessen Mutter rät: "Junge, du musst später etwas machen, wobei du quatschen kannst." Um einen Mann, der als Ministerpräsident in NRW seinen grünen Koalitionspartner aufs Blut reizte, die eigenen Genossen "Heulsusen" schimpfte und den sein Biograf Daniel Friedrich Sturm zutreffend als arrogant und selbstherrlich, aber auch als offen und neugierig charakterisiert: "Steinbrück ist niemand, der sich charakterlich gern anpasst. Er misstraut all jenen, die genau dies tun, um ihm vermeintlich zu gefallen. Steinbrück will argumentieren. Er sucht den Widerspruch." Von dem Jürgen Möllemann schwärmte: "Was für ein Typ!" Und über den Berndt Heydemann, für den Steinbrück in Kiel als Umwelt-Staatssekretär arbeitete, heute sagt: "Er kann vernichtend brutal sein." Kurzum: Es geht um einen alles in allem doch recht ungewöhnlichen Menschen und Politiker. Und, nebenbei, um ein kleines Stück jüngerer Zeitgeschichte.

Warum muss man das lesen?

Muss man ja nicht. Schadet andererseits auch nicht, als politisch interessierter Mensch mal ein Bild des Peer Steinbrück gepinselt zu kriegen, dass sich von den üblichen Heldengemälden absetzt und dem Gesamtkunstwerk Steinbrück (siehe: Kann man das Buch…) gerecht wird. Könnte ja tatsächlich passieren, dass die SPD in einem Anflug von kollektiver Selbstverleugnung ausgerechnet jenen Teilhaber der Troika zum Kandidaten kürt, der außerhalb der roten Stammwählerschaft den größten Zuspruch erfahren würde. Dann sollte man schon ein wenig genauer wissen, wen man da ins Kanzleramt wählen würde - und warum man es vielleicht doch besser sein ließe.

Die beste Passage?

Ist aus einem anderen Buch übernommen, macht aber nichts. Sie steht auf Seite 239. "Für den FDP-Vorsitzenden Westerwelle, mit dem Steinbrück einst in Nordrhein-Westfalen eine Koalition bilden wollte, hat er nur noch Verachtung über. 'Rüberkommen, Westerwelle! Keine Angst, wir reden nicht über Politik - wir sprechen hier über Literatur', zitiert der Autor Benjamin von Stuckrad-Barre im Reportagebuch 'Auch Deutsche unter den Opfern' einen Ausruf Steinbrücks beim Sommerfest des ZDF. 'Westerwelle geht auf Steinbrück zu, und der fordert sogleich drei Leseempfehlungen für den Sommerurlaub ab. Steinbrück schwingt abzählbereit den Arm in die Waagerechte, den Daumen schon gereckt: 'Los, erstens!' Westerwelle nennt 'Ruhm', den neuen Roman von Daniel Kehlmann. Enttäuscht lässt Steinbrück die Abzählhand sinken.' Es ist eine Szene, die vor intellektueller Arroganz strotzt. Politische Brücken lassen sich so nicht bauen."

Kann man das Buch auch in einem Satz zusammenfassen?

Nein. Aber in zweien. Hat der Autor selbst am allerbesten hingekriegt, in seinem Schlusskapitel: "Wer Peer Steinbrück kennenlernt, kann sich seiner Faszination kaum entziehen. Allzu oft aber lässt er nichts zurück als Fassungslosigkeit."

Gibt's auch was zu kritteln?

Doch, doch. Gibt es schon. Der Kollege Sturm hat sich große Mühe gemacht und mit sehr vielen Menschen über Steinbrück gesprochen, die ihm auch sehr viel erzählt haben. Eine echte Fundgrube, man wird manches Zitat, manche Episode in künftigen Porträts wieder finden - falls Steinbrück es zum Kandidaten bringt. Liest sich auch locker weg. Einiges aus der Sturmschen Sammlung muss man aber nicht wirklich wissen, es trägt zum tieferen Verständnis des Biografierten nicht bei. Es hätt' schon ein bissel weniger und etwas dichter sein dürfen. Auch die chronologische Erzählweise ist auf Dauer ein wenig ermüdend. Ach ja, und der Regierungssprecher des Ministerpräsidenten Steinbrück, hieß nicht Rudolf, sondern Oliver Schumacher (Hallo, Olli! Da nich für!)

Kann man dem Autoren trauen?

Aber hallo. Erstens ist er dem Rezensenten persönlich als ausgesprochen seriös bekannt, zweitens ist er ein heller Kopf, und wichtigstens arbeitet er zwar als Hauptstadt-Korrespondent bei der "Welt", kennt aber seinen Soz' dennoch in- wie auswendig und hat schon mal ein äußerst aufschlussreiches Buch über die Partei geschrieben ("Wohin geht die SPD")

Und sonst?

Gibt es Daniel Friedrich Sturm "Peer Steinbrück - Biografie", verlegt von dtv Premium, zu 14,90 Euro ab sofort bei den handelsüblichen Quellen.