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"Markus Lanz" "Wer geht hin und sagt´s ihm?“ – Steinbrück und Wagenknecht sehen keine Chance mehr für einen „Kanzler Laschet“

Markus Lanz 5. Oktober
Markus Lanz mit seinen Gästen: Sarah Wagenknecht (Linke), Peer Steinbrück (SPD), Juli Zeh (Schriftstellerin) und Cerstin Gammelin (Journalistin)
© Screenshot ZDF
Ein kompletter Rückzug aus der Politik? Wenn es nach Steinbrück geht, dann solle sich der CDU-Kanzlerkandidat dafür entscheiden. Überhaupt hatte Steinbrück viel zu sagen – und Wagenknecht kam viel zu wenig zu Wort. Das Dilemma: Die Talkrunde verlor sich in einem Wust aus Themen.
Sylvie-Sophie Schindler

Wer sich andere Kandidaten in die Regierung wünsche, könne sich die ja wünschen, nur zu. "Einstein, Helene Fischer, Tarzan", schlug Peer Steinbrück am Dienstagabend beim Lanz-Talk vor. Ernst gemeint war das freilich nicht. Auch wenn Armin Laschet vielleicht demnächst froh wäre, könnte er sich, tarzangleich, von Liane zu Liane hangeln – bloß weg aus der Nähe der Schlangengrube, über der er momentan baumelt. Wer aus der Union ist für die Durchstechereien aus den Sondierungsgesprächen verantwortlich? Und will Laschet damit sabotieren? Ist er nicht schon genug geschädigt? "Mein Mitleid mit Laschet ist begrenzt", sagte Steinbrück. Politisch werde er "nicht überleben". Ihn aber derart zum Sündenbock zu machen, er sei alleine schuld am katastrophalen Wahlergebnis der CDU, sei nicht fair. Mit verantwortlich seien "16 Jahre Politikmodell Merkel". Die ohnehin "profillose Union" haben mit einem "profillosen Kandidaten" nur noch einen draufgesetzt. "Ich halte es für undenkbar, dass Armin Laschet Kanzler wird", bekräftigte auch Sahra Wagenknecht.

Es diskutierten:

  • Cerstin Gammelin, Journalistin
  • Peer Steinbrück, SPD-Politiker
  • Sahra Wagenknecht, Linke-Politikerin
  • Juli Zeh, Juristin und Schriftstellerin

Auf der Suche nach den Durchstechern

Und was dann? Würde das für Laschet das politische Aus bedeuten? Steinbrück befand, man müsse "diese Art von Selbstwertgefühl" haben und sich komplett aus der Politik zurückziehen. Wenn der Zeitpunkt gekommen sei, müsse jemand zu Laschet gehen und ihm mitteilen: "Das war es." Wer aber soll das tun? Steinbrück nannte Wolfgang Schäuble. Lanz: "Aber der hat Laschet doch empfohlen." Steinbrück: "Genau deswegen." Aber jetzt mal Frau Gammelin gefragt. Sagen Sie, haben Sie eine Ahnung, wer das ist, der bei der Union "durchsticht"? Nun, antwortete Gammelin, es gäbe, in der CDU "so übliche Verdächtige". Lanz wollte das natürlich genauer wissen. "Na, ja, Jens Spahn, Michael Kretschmer", rückte die Journalistin dann raus, beteuerte aber, dass sie beide hier nicht beschuldige: "Wir wissen gar nichts." Im nächsten Satz legte sie allerdings nach: "Wir können aber eine Indizienkette legen."

Herr Steinbrück, wie war das eigentlich damals, Ihre Wahlniederlage 2013? Sie sind gescheitert, mit 25,7 Prozent für die SPD, Sie wissen ja, mit genau diesem Ergebnis wird Scholz wahrscheinlich Bundeskanzler. Wie fühlte sich das damals an? Steinbrück: "Ich habe das schon vorher gewusst". Lanz: "Wieviel vorher?" Steinbrück: "Mindestens sechs Monate". Doch Lanz wollte ran an Steinbrücks Emotionen. Nicht mit dem Kopf antworten, Herr Steinbrück, wir wollen ihr Herz kennenlernen. Das wiederum wollte Steinbrück nicht, der sich noch spröder gab als gewohnt. "Anticharismatiker", nannte Juli Zeh ihn. So nennt sie übrigens auch Olaf Scholz. Die Schriftstellerin zu Steinbrück: "Sie beide sehen sich auch optisch ähnlich." Naja, meinte Steinbrück. Und wie sei das eigentlich gemeint mit dem Anticharismatiker? Das sei jemand, so Zeh, die übrigens SPD-Mitglied ist, der "kein Schreihals" mit "wohlfeilen Parolen" sei, man könne auch sagen "das Gegenteil eines Populisten." Zusammengefasst: "Sachlich, clever, souverän." Das sei doch gut, oder? Ja, stimmte Steinbrück besänftigt zu.

Ausgefranzte Debatte um verschenkte Wahlkampfthemen

Und der Scholz-Sieg? Woran lag´s? "Das war kein Erfolg der Partei. Es ist ein klarer Erfolg von Scholz", machte Steinbrück deutlich. Scholz habe nicht wegen, sondern trotz der SPD so gut abgeschnitten. Eine SPD mit der Betonung auf der Politik von Kevin Kühnert und Saskia Esken hätte dieses Wahlergebnis nicht eingefahren. Und sonst? War es denn nicht eine "versöhnliche Wahl"? Das zumindest befand Juli Zeh. Sie hob hervor, dass die "extremen Ränder nicht gestärkt worden seien, trotz Corona-Jahr." Allerdings hätten ihr im Wahlkampf viele Themen gefehlt. Man hätte über die entscheidende Rolle der EU reden müssen. Klimapolitik sei ja kein deutsches Problem. Man müsse sich drum kümmern, in Partnerschaften zu gehen, um zukunftsfähig zu sein. Die EU sei außerdem der Garant, um "dauerhaft Frieden auf diesem Kontinent zu sichern." Falle sie auseinander, seien "alle anderen Probleme Makulatur". Steinbrück pflichtete bei: "Es geht nur mit Europa." Das gelte auch für unter anderem den Kampf gegen Steuerhinterziehung – siehe aktuell: Pandora Papers – und den Umgang mit den großen Internetkonzernen.

Das Thema EU wurde leider nur angerissen. Die Talkgäste hatten sich einfach zu viele und zugleich komplexe Themen vorgenommen und Lanz gelang es nicht, thematisch zu bündeln und konzentrierter dranzubleiben. Die Folge: ein verfranzter, unstrukturierter Gesprächsverlauf. Mal ging es um "Die Menschen haben Angst um ihr Erspartes", dann um die Renten – Steinbrück: "Ich würde im Wahlkampf nicht versprechen, dass die Renten bis 2070 stabil sind" – dann um "die Spaltung Stadt-Land", dann um Immobilienspekulationen und "Land Grabbing". Auch der Mindestlohn war auf der Talkagenda. "Die SPD wird den erhöhten Mindestlohn durchsetzen", war sich Sahra Wagenknecht sicher. Das sei längst überfällig. Die Linken-Politikerin ließ sich außerdem zu einem Lob für die FDP hinreißen. In der Coronapolitik, bei der Verteidigung der Grundrechte, hätte die FDP eine "anständige Figur" gemacht.

In der Ankündigung aus der Lanz-Redaktion hieß es über Wagenknecht: "Für die Linken-Politikerin ist das Ergebnis ihrer Partei bitter, aber "keine große Überraschung". Sie nennt Gründe für das Abrutschen unter 5 Prozent und skizziert Wege, nicht in der Bedeutungslosigkeit zu versinken." Leider fiel diese Analyse aus. Es gab nur Vages und Andeutungen. Auch das eine Nebenwirkung der vertrackten Themen-Odyssee. Dass das so einfach passieren kann, jemanden wie Sahra Wagenknecht in die Sendung einzuladen und ihr nicht mehr Raum zu geben, ist nicht nur bedauerlich, sondern auch: grob fahrlässig.


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