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NRW-Wahlkampf: Duell mit vertauschten Rollen

Es war ein erstmaliges und gewagtes Unterfangen: Zwei Wochen vor der Landtagswahl hat sich NRW-Ministerpräsident Peer Steinbrück seinem CDU-Herausforderer Jürgen Rüttgers in einem TV-Duell gestellt - und seine Taktik ging auf.

Es war eine Premiere für Nordrhein-Westfalen. Einem Fernseh-Duell mit einem Herausforderer von der CDU hatte sich noch kein SPD-Ministerpräsident gestellt. Für Johannes Rau und Wolfgang Clement galt vor Landtagswahlen stets die Devise, den Spitzenkandidaten der Opposition nicht durch ein Vis-á-vis-Treffen im Fernsehen aufzuwerten.

Noch liegt Steinbrück zurück

Peer Steinbrück, dessen Partei in den Meinungsumfragen klar zurückliegt, wich von dieser ehernen Regel ab. Am Donnerstag stellte sich der Düsseldorfer Regierungschef beim Privatsender RTL seinem CDU-Herausforderer Jürgen Rüttgers. Steinbrück und die SPD sahen in dem bundesweit übertragenen Duell eine gute Chance, ihren Rückstand auf die CDU zu verkürzen. Bislang liegt Rot-Grün noch neun Prozentpunkte hinter Schwarz-Gelb, und das zweieinhalb Wochen vor der Abstimmung am 22. Mai.

RTL hatte die beiden Kontrahenten in ein stillgelegtes Stahlwerk nach Duisburg-Meiderich geladen. Im Dampfgebläsehaus des Hüttenwerks, das jetzt als Veranstaltungshalle genutzt wird, hatte der Privatsender ein Studio aufgebaut. Zwischen Turbinen, Generatoren und riesigen Röhren stellten sich Steinbrück und Rüttgers den Fragen von RTL-Chefredakteur Peter Kloeppel und NTV-Moderator Heiner Bremer. Wo bis vor 20 Jahren heißer Hochofenwind zum Schmelzen von Roheisen erzeugt wurden, bemühten sich die Kontrahenten um Rückenwind für ihre Wahlkampagne.

Aggressiver SPD-Stakkato

Das Duell, bei dem Steinbrück und Rüttgers hinter Stehpulten Aufstellung nahmen, verlief mit verteilten Rollen. Amtsinhaber Steinbrück, der per Losentscheid die erste Antwort geben durfte, wirkte aggressiver - fast wie ein Herausforderer. Immer wieder griff er Rüttgers frontal an. "Sie sind nicht informiert, Sie wissen nicht Bescheid", hielt er dem Oppositionsführer mehrfach fehlende Sachkunde vor.

"Nur nicht so nervös", mahnte Rüttgers im Gegenzug Steinbrück, der ihn mehrfach unterbrochen hatte. Der CDU-Spitzenkandidat sprach langsamer als Steinbrück, der seine Argumente meist im Stakkato abspulte. Steinbrück griff während des Schlagabtausches auch die Kapitalismusschelte der SPD wieder auf: "Ich erwarte, dass Unternehmen, die Rekordgewinne machen, Arbeitsplätze schaffen", versuchte er seinen Gegenspieler in die Diskussion zu ziehen. Der Ministerpräsident sagte, dank der Steuersenkungen der vergangenen Jahre sei die Situation für die Unternehmen in der Bundesrepublik so gut wie noch nie. Jetzt müsse auch die Rendite in Form von Investitionen und Arbeitsplätzen in Deutschland fließen. Außerdem stehe die SPD mit der Kritik an den Auswüchsen des Kapitalismus nicht alleine. Der Papst habe sich ganz ähnlich geäußert.

Rüttgers fordert 40-Stunden-Woche

Rüttgers warf dagegen der SPD vor mit ihren Angriffen, Investoren zu verschrecken. Nicht Klassenkampf sei gefragt, sondern soziale Partnerschaft, damit es wieder aufwärts gehe in Nordrhein-Westfalen. Rüttgers warf der SPD in der teilweise erbittert geführten Diskussion Doppelzüngigkeit vor. Einerseits kritisiere sie Investoren aus "Heuschrecken", andererseits senke sie die Unternehmenssteuer. SPD-Chef Franz Müntefering sei bisher jeden konkreten Vorschlag schuldig geblieben, was er wirklich ändern wolle. Rüttgers selbst wurde dagegen in puncto Arbeitsmarktpolitik schnell konkreter. "Ich sage, dass wir mehr Arbeiten müssen für das gleiche Geld", so der CDU-Spitzenkandidat. Er denke dabei an eine flexible 40-Stunden-Woche.

Sein Schlusswort machte Steinbrück dann zur Wahlrede. "Aus Liebe zu Nordrhein-Westfalen" bat er die Zuschauer um ihre Stimmen. Eine Taktik, die offenbar aufging. Fast jeder zweite Zuschauer des TV-Duells sah in Steinbrück den Sieger. 48 Prozent der 302 Teilnehmer einer Forsa-Blitzumfrage im Auftrag des Fernsehsenders NTV nannten den Ministerpräsidenten als Gewinner. Der Amtsinhaber habe überzeugender, kompetenter und sympathischer gewirkt, gaben sie nach der Sendung am Donnerstagabend an. Allerdings fanden nur 46 Prozent der Befragten das Duell für ihre persönliche Wahlentscheidung hilfreich.

Zufriedenheit in beiden Lagern

Auch die Wahlkampfplaner waren mit dem Auftritt ihrer Spitzenleute zufrieden. "Der Ministerpräsident war angriffslustig", meinte Regierungssprecher Oliver Schumacher. Steinbrück habe Rüttgers von Anfang an in die Defensive gedrängt. Willi Hausmann, Ex-CDU Bundesgeschäftsführer und Rüttgers-Berater, sah dies natürlich anders. Der CDU-Kandidat habe mit seinem ruhigen und gelassenen Auftritt überzeugender gewirkt. Wahlforscher Dieter Roth, Ex-Chef der Forschungsgruppe Wahlen, sieht ein leichtes Plus für Steinbrück. Das TV-Duell könne bei der Mobilisierung der noch unentschlossenen SPD- Anhänger beigetragen haben, "falls sie vor dem Fernseher gesessen haben".

Claus Haffert/DPA/AP / AP / DPA