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Der große FDP-Wahlsieger: Zwei oder drei Dinge, die Sie noch nicht über Christian Lindner wussten

Parteigenosse Jürgen Möllemann bezeichnete ihn früher spöttisch als "Bambi". Heute versucht Christian Lindner gelegentlich "Rambo" zu sein. Wie der FDP-Vorsitzende zu einem großen Sieger dieser Bundestagswahl wurde.

Lindner: Das ist der Spitzenkandidat der FDP

Wenn Christian Lindner denkt, dass der Tag sein Freund war; wenn alles genauso geklappt hat, wie es klappen sollte; wenn er gegen Mitternacht endlich bei sich angekommen ist, dann lässt er sich gern eine Zigarre servieren. "Romeo y Julietta", "Montecristo" oder "Cohiba".

So machen es Männer, wenn sie wilde Kerle sein wollen. So macht es Christian Lindner. Fast vulgär wirkt dann dieser dicke Rauchstängel in seiner schmalen weichen Hand. Man denkt, dass der Qualm nicht zu diesem nur durch rotgraublonde Bartstoppeln älter gemachten Gesicht passen will. Egal. Lindners Pläne sind heute aufgegangen. Die FDP ist wieder im Spiel. Der Tag war sein Freund. Wir schlagen deshalb eine "Romeo y Julietta Wide Churchill" vor. Elf Euro achtzig das Stück.

Christian Lindner hat viele seiner Vorbilder verloren

An einem Wochenende im August sitzt Christian Lindner, 38, am Lago Maggiore und hackt auf die Tastatur seines Apples ein. Er sieht die schöne Landschaft nicht. Er hört nicht das Kinderlachen vom Pool nebenan. Er trinkt Cola und Cappuccino, und hackt und hackt im weißen Unterhemd schnell und konzentriert seine Sätze in die Maschine. Er sieht genauso aus wie in seinen Wahlwerbespots und auf den Plakaten. Die zarte Version von Daniel Craig, der kleine Bruder des Agenten. Jürgen Möllemann, der legendäre FDP-Politiker, nannte ihn zu Beginn der Karriere liebevoll spöttisch "Bambi". Vielleicht versucht Lindner auch deshalb gelegentlich "Rambo" zu sein. Jürgen Möllemann sprang 2003 mit dem Fallschirm in den Tod. Lindner hat seither viele seiner Vorbilder verloren. Einige sind alt und stumm geworden, andere sind gestorben. Jetzt ist er die FDP. Er allein. Jedenfalls sah das im Wahlkampf so aus.

"Hurra, wir leben noch!" Den alten Milva-Schlager hatte der FDP-Chef im Februar auf der berühmten Aachener Karnevalssitzung mit viel Gnadenhall und Chor gesungen. Es war vor allem Lindner, der überlebt hatte.

Dass ausgerechnet der schweißelnde Actionheld John Rambo eine seiner Lieblingsfilmfiguren ist, und nicht "Bambi", kann man nachvollziehen. Wer will schon ein Rehlein sein? Lindner kann die Kult-Filme auswendig: "Das ist blaues Licht", sagt der muskulöse Vietnam-Veteran in "Rambo III" und hält einem bärtigen afghanischen Krieger eine Leuchtstoffröhre hin. Lindner liebt die Szene, er kann den Dialog, er beherrscht den lidschweren Blick Sylvester Stallones. "Und was macht es?", fragt Hamid, der Afghane. John Rambo Lindner blickt matt und antwortet knapp: "Es leuchtet blau." Es ist besonders drollig, wenn einer mit Manschettenknöpfen, rheinisch-bergischer Tonfarbe und einem steif gebügelten Kragen den über Leichen gehenden Abräumer spielt.

An jenem Wochenende im August waren Meldungen hochgeploppt, weil Lindner einer Berliner Tageszeitung im Interview gesagt hatte, er fände, man müsse die Krim-Annexion, die Krise zwischen Russland und der Ukraine "einkapseln" und "als dauerhaftes Provisorium" ansehen, damit man an anderer Stelle Fortschritte erzielen könne. Schließlich müsste Deutschland, müsste Europa zukünftig weiter mit Russland klarkommen. Das ergab natürlich viel Gegenwind. Aus den Medien, aus der Politik. Lindner war in aller Munde. Er musste von seinem Platz unter dem Sonnenschirm aus antworten, nachladen, die Sache am Rauschen halten. Sogar die Kanzlerin schaltete sich ein und sagte, die völkerrechtswidrige Annexion der Halbinsel sei "keinesfalls zu akzeptieren".

PR-technisch war das mehr Aufmerksamkeit als Lindner an einem einzigen Wochenende mit FDP-Thesen zu Bildung und Digitalisierung oder mit dem erfolgreichen Ablegen der Jägerprüfung je hatte erreichen können. Darauf eine Zigarre!

Die schillerndste Person im Wahlkampf

Die Zeitung hatte im Vorspann des Interviews noch wissen lassen, dass das Interview auf Mallorca geführt worden sei und dass der Parteivorsitzende sich anschließend auf "der örtlichen Go-Kart-Bahn verausgaben" wollte. Kurz darauf war Lindner dann mit seiner Frau Dagmar zu einer Veranstaltung des schweizerischen Ringier-Verlags ins Tessin geflogen, um mit Hamburgs Erstem Bürgermeister Olaf Scholz, Altkanzler Schröder, Norbert Röttgen (CDU), dem Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses und Stephan Steinlein, dem Staatssekretär des Bundespräsidenten, mit Schriftstellern, mit Schauspielern, mit Unternehmern und der dänischen EU-Wettbewerbs-Komissarin Margarethe Vestager zu debattieren, zu essen und zu trinken - und am späten Abend auch zu paffen.

Von allen Persönlichkeiten, die diesen Wahlkampf beherrschten, ist Christian Lindner sicher die schillerndste - und die unwägbarste zugleich. Die einen halten ihn für den deutschen Emmanuel Macron. Die anderen für einen gnadenlosen Selbstdarsteller. Einen aalglatten Machtmenschen, herzlos sich allein den Besserverdienenden an den Hals werfend. Gerade junge Wähler empfinden den einzig Jungen unter den angetretenen Spitzenpolitikern oft nicht als neu und hoffnungsvoll, sondern als Teil des alten Establishments. Das ist eigentlich seltsam. Für einen, der in den vergangenen vier Jahren fast täglich morgens um neun aus dem Haus ging, im Düsseldorfer Landtag als Fraktionsvorsitzender stritt, durch die Lande zog, um seiner gefallenen Partei wieder auf die Beine zu helfen und für sie zu werben; für einen Polit-Profi, der nach der Arbeit oft erst weit nach Mitternacht auf die Matratze fiel, mag das nicht nur eine unzutreffende, sondern auch ungerechte Beschreibung sein. Christian Lindner ist schlau. Er traut sich was. Er ist fleißig. Jetzt hätte er die Chance, das als Minister in einer Bundesregierung oder wenigstens als Fraktionschef im Bundestag zu beweisen. Kann klappen, sagen seine Fans. Kann auch nicht, seine Hater.

Noch einmal kurz zurück ins Tessin. Es war ja klar, dass Gerhard Schröder der Einzige sein würde, der Lindner am anderen Morgen in der Krim-Sache beisprang. Zur Gesprächsrunde "bei Café und Croissants" im Innenhof des Luxushotels "Castello del Sole", war der FDP-Mann natürlich trotz der kurzen Nacht hellwach und es ging dann auch sofort um das Ei, das er am Vortag gelegt hatte. "Herr Lindner hat vollkommen recht", erklärte Putin-Versteher Schröder zum Vorschlag, die Völkerrechtsverletzung erst einmal zu akzeptieren, was sowohl Norbert Röttgen von der CDU, wie auch Olaf Scholz von der SPD aufheulen ließ. Lindner sei zu ahnungslos, zu unerfahren, seine Vorschläge seien gefährlicher Quatsch. Die Diskussion verlief leidenschaftlich bis hitzig.


"Probleme sind nur dornige Chancen"

In dem gerade wieder aufgetauchten Filmbericht über den 18-jährigen Christian Lindner, der vor einigen Tagen durchs Netz lief, sagt der Abiturient und Firmengründer den schönen Satz: "Probleme sind nur dornige Chancen." Probleme sind nur dornige Chancen! Vielleicht hatte er das Bonmot irgendwo aufgeschnappt. Vielleicht hatte er es von den Großeltern gelernt, in deren ausgebautem Dach seine Firmenzentrale beherbergt gewesen sein soll. Aber den Motto-Satz muss man auch erst einmal beherrschen, ohne dass er peinlich klingt! Und Lindner beherrschte ihn - mit Milchgesicht und Kuhfleck-Krawatte.

Dornige Chancen. Man stellt sich jetzt natürlich die Koalitionsmöglichkeiten, die sich nun für Lindner auftun, als "Rambo"-Szenen vor. Zum Beispiel diese hier, "Jamaika-Kolalition": "Wer sind Sie?", könnte der Pförtner in der Grünen-Parteizentrale durch die Scheibe fragen. "Ihr schlimmster Albtraum", würde Lindner Sylvester-Stallone-mäßig antworten. Oder die Szene beim Ringen um Schwarz-Gelb, wenn er hartleibig zwischen Peter Altmaier (CDU) und Horst Seehofer (CSU) auf seinen Vorschlägen zur Eurozone und zum Einwanderungsgesetz beharrt, nächtelang, bis alle von ihm genervt wären. "Wer glaubt dieser Mann, wer er ist?", würde Altmeier irgendwann völlig entkräftet Wolfgang Kubicki von der FDP fragen, "GOTT?"

Und Kubicki würde lächelnd zu Christian Lindner blicken und antworten: "Nein, Gott kennt Gnade, er nicht."