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Editorial: Parteichef ohne Parteibuch

Liebe stern-Leser!

Sie waren mit ganz anderen Erwartungen in die alte Bundeshauptstadt gefahren. Als stern-Vize Hans- Ulrich Jörges und stern-Autor Walter Wüllenweber das unscheinbare Einfamilienhaus in der Bonner Johanniterstraße, fünf Minuten Fußweg vom ehemaligen Bundestag, zum Interview mit Horst Friedrich Wünsche betraten, wollten sie mit ihm über die vielen Möchtegern-Erben Ludwig Erhards sprechen. Und darüber, was in den drei Jahrzehnten seit dem Tod des Vaters der Sozialen Marktwirtschaft aus dessen Lebenswerk geworden ist. Wünsche ist Erhards letzter Mitarbeiter und Geschäftsführer der Ludwig-Erhard-Stiftung, die im letzten Bonner Wohnhaus des Wirtschaftswunder-Mannes Quartier bezogen hat. Doch schon zu Anfang des Gesprächs fiel ein Satz, der die stern-Leute verblüffte und intensive Recherchen auslöste: "Er war nie Mitglied der CDU."

Ein Kuriosum in der deutschen Parteiengeschichte, denn Erhard war nicht nur Abgeordneter, Minister und Kanzler der CDU, sondern auch, obwohl nur kurz, deren Vorsitzender. Nach dem Gespräch führte Wünsche die Besucher durch das Haus, das einem kleinen Erhard-Museum ähnelt – Bücherwände, Schreibtisch und der Schreibtischsessel, in dem sich das Gesäß des schwergewichtigen Politökonomen eingegraben hat.

stern-Reporter Christoph Reuter ist in den vergangenen Jahren immer wieder nach Afghanistan gereist und kennt die kämpfenden Parteien aus eigener Anschauung: Diesmal nun besuchte er die Bundeswehreinheiten in Kabul, Masar- i-Scharif und Kundus im Norden. Die Deutschen mögen sich den ruhigsten Landesteil gesucht haben – aber ihr Erfolg dort beruht noch auf etwas anderem: Umsicht. Darauf, keine militärischen Auseinandersetzungen zu beginnen, die man kurzfristig gewinnen, aber langfristig nur verlieren kann. Das mag wie Schwäche aussehen, funktioniert aber besser als planlose Stärke. Wie gefährlich Recherchen im Süden Afghanistans mittlerweile sind, wurde am Ostersonntag auf tragische Weise offenbar: Adschmal Nakschbandi, jener afganische Kollege, mit dem das stern-Team im Sommer im bergigen Grenzgebiet zu Pakistan unterwegs war, wurde von den Schergen des Talibanführers Mullah Dadullah enthauptet. Er war Wochen zuvor zusammen mit dem italienischen Journalisten Daniele Mastrogiacomo entführt worden, der im Austausch für fünf inhaftierte Taliban freigelassen wurde. Für Adschmal Nakschbandi aber wollte Präsident Hamid Karzai niemanden freilassen.

Herzlichst Ihr

Andreas Petzold

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