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Editorial: Tiefe Krise am Horizont?

Liebe stern-Leser! Natürlich hat den Redner damals niemand ernst genommen: "Die tiefe Weltwirtschaftskrise

Liebe stern-Leser!

Natürlich hat den Redner damals niemand ernst genommen: „Die tiefe Weltwirtschaftskrise“, führte er aus, „wird unvermeidbar sein, sobald die Riesenseifenblase der Börsen platzt, die ihre Realwerte absurd hochgetrieben haben.“ Der Mahner war ausgerechnet Fidel Castro, Herrscher über eine moribunde Inselwirtschaft, auf einer Konferenz im Juli 1998. Auch wenn wohl eher der Wunsch der Vater seiner Gedanken war – nicht völlig ausgeschlossen, dass er Recht behält. In diesen Tagen stellen sich viele Menschen die Frage: Stehen wir vor einer Weltwirtschaftskrise? Die schlechten Nachrichten aus Politik und Wirtschaft – hohe Arbeitslosigkeit, gefälschte Bilanzen, Pleitewelle, Konsumstreik, faule Kredite, Steuerausfälle und so weiter – türmen sich zu einem bedrohlichen Berg. Und oft enden die Hiobsbotschaften mit der Klage: „…so schlecht wie seit Kriegsende nicht mehr“! Ist das alles nun das gar nicht mehr so ferne Wetterleuchten einer schweren Depression, die uns heimsuchen wird? An dieser Frage kann man sich wund scheuern, niemand weiß es. Auch die weisen Wirtschaftswissenschaftler nicht, bei denen ohnehin immer nur die Hälfte der Prognosen zutrifft, wobei wir aber nie wissen, welche Hälfte. Die Fakten, aktuelle Risiken der Weltwirtschaft und mögliche Szenarien haben stern-Redakteure aus dem Ressort Politik und Wirtschaft zusammengetragen (Seite 24 der Printausgabe). Am wenigsten berechenbar bleibt dabei die Psychologie der Anleger und Konsumenten. Ihre gereizte Stimmung zwischen Hysterie und Euphorie – wie Anfang dieser Woche – bleibt eine gefährliche Windung in der Abwärtsspirale. Der Kapitalismus diskreditiert sich derzeit bis auf die Knochen, weil nicht nur Gesetze, sondern auch Regeln des Anstands missachtet wurden. Aber vielleicht wirkt dieser Schock ja wie ein Schüttelrost, der die übelsten Profiteure aussortiert. Die Korrupten, die Regelverletzer, raffgierige Manager, die vor allem an ihr Wohl denken, kaum an ihr Unternehmen und überhaupt nicht an das Gemeinwesen. Auch Leute wie IG-Metall-Chef Zwickel, der mit seinem Jein zu den Millionenabfindungen bei Mannesmann die Interessen seiner Gewerkschafter verraten hat, das gar nicht schlimm findet und Staatsanwälte als „selbst ernannte Moralisten“ beschimpft. Sollte sich das Blatt nicht unerwartet schnell wenden, wird sich auch der Kanzler nicht mehr aus dem Abwärtssog befreien können. Denn die Bundestagswahl kann nur gewinnen, wer die Wirtschaftskompetenz am glaubwürdigsten für sich reklamiert. Schröder weiß das genau: In diesen Zeiten honorieren die Wähler nicht die (ohnehin kargen) Verdienste der vergangenen vier Jahre. Sie wählen die Hoffnung. Das ist auch Stoibers ganze Hoffnung.

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