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Erneuter Aktieneinbruch: Angst, Panik und Spekulanten

An den Börsen wächst die Angst vor einer neuen Weltwirtschaftskrise. Spekulanten und Computerprogramme beschleunigen den Kursverfall zusätzlich. Dabei ist die Lage gar nicht so schlecht.

Von Caspar Schlenk

Noch 27 Tage - dann jährt sich der Beginn eines dunklen Kapitels der Börsengeschichte. Am 15. September 2008 erklärte die Investmentbank Lehman Borthers ihre Insolvenz. Er war der Beginn der größten Wirtschaftskrise, die die Welt seit dem Zweiten Weltkrieg erlebt hatte. Drei Jahre später geht an den Börsen wieder die Angst um. Angst, dass die Wirtschaft wieder einknickt und die Welt in eine Rezession verfällt. Weltuntergangsstimmung in Frankfurt, Tokio, London: Schon am Morgen verzeichnete der Dax einen Jahres-Tiefststand von 5345,36 Punkten.

Angst vor einer Rezession

Zum Teil ist die Sorge der Anleger nicht ganz unbegründet: So gab es in den vergangenen Tagen schlechte Wirtschaftsdaten aus Philadelphia, ein wichtiger US-Verbraucherindex der Uni Michigan sank und nicht zuletzt schwellt in Europa eine Schuldenkrise. Auch das Krisenmanagement von Sarkozy und Merkel wird von den Anlegern als zu unkonkret bezeichnet. Wirtschaftsprognosen in Europa und den USA wurden nach unten korrigiert.

Der so genannter Herdentrieb hat den Kurzverfall in den vergangenen beiden Tagen immer wieder verschlimmert. "Es kommt mir schon wie eine Panik an den Märkten vor, so schlecht stellen sich die Fundamentaldaten momentan nicht dar", sagt Ulrich Stephan, Anlagestratege der Deutschen Bank im Gespräch mit stern.de. Auch wenn seine Bank die Wachstumserwartungen für das kommende Jahr von zwei Prozent auf unter ein Prozent herab gesenkt hat. Die Gefahr bestehe trotzdem, dass die Angst an den Märkten zu einer sich "selbst erfüllenden Prophezeiung" würden. "Nichts ist an der Börse rational", so Robert Halver, Börsenexperte der Baader Bank zu stern.de.

Geschäft mit dem Aktienverfall

Die Nervosität an den Märkten wird allerdings auch von Spekulanten ausgenutzt. Sie streuen Gerüchte beispielweise, dass eine Bank Probleme hat. Am Donnerstag war vom einem Tippfehler eines Anlegers die Rede, als die Kurse fielen. Die Spekulanten tätigen dann so genannte Leerverkäufe. Das Prinzip: Sie verkaufen Aktien, die sie noch gar nicht besitzen. Fällt der Kurs, kaufen sie dann die Aktie und verdienen den Differenzbetrag. Geschieht dies in großen Mengen, beschleunigen die Leerverkäufe den Kursverfall. "Wer mit großen Volumina handelt, kann damit richtig gutes Geld machen", sagt Halver.

Ein weiterer Mechanismus verschlimmert den Kursverfall: Viele der Aktien werden von Maschinen gehandelt. Da hinter steckt ein Algorithmus, der bei einem bestimmten Wert der Aktie ebenfalls verkauft. Sinkt der Wert zu tief, steigen auch langfristige Investoren wie Pensionsfonds aus. Experte Halver: "Die überlegen sich dann drei Mal, ob sie wieder einsteigen."

Der vermeintlich sichere Hafen

Stattdessen treibt es Anleger in sichere Anlagen, wie Gold, Bundesanleihen und Schweizer-Franken. "Und täglich grüßt der Gold-Rekord", titelt "Handelsblatt.de". 1287 Euro je Feinunze ist die momentane Marke. Vor zehn Jahren hatte die Feinunze noch rund 300 Euro gekostet. Auch US-Anleihen sind weiterhin heiß begehrt, obwohl die USA von einer Ratingagentur herabgestuft wurde, vertrauen immer noch viele Anleger in Stabilität des Landes. Stephan von der Deutschen Bank sagt: "Die Anleger suchen nach Sicherheit und verkaufen undifferenziert."

Besonders die Kurse mancher europäischen Banken schwanken stark, denn die Anleger haben weiterhin Angst, dass einzelne Banken Pleite gehen. Zu groß sind die Mengen an Anleihen aus europäischen Schulden-Staaten, welche die Banken selbst halten.

"Die Politiker müssen klare Kante zeigen"

Doch was kann die Politik tun? Experte Halver bemängelt das Krisenmanagement von Merkel und Sarkozy. Eine Wirtschaftsregierung sei zwar der richtige Schritt, aber noch ein sehr langer Weg. Auch die Schuldenbremse sei politisch nicht durchzusetzen. Besonders in Ländern wie Spanien, die mit einer Jugendarbeitslosigkeit von fast 50 Prozent zu kämpfen hätten. "Die Politiker müssen endlich klare Kante zeigen", sagt Halver. Für ihn seinen die Eurobonds ein solches Signal, trotz der vielen Nachteile.

Auch nach dem Wochenende soll es unruhig weiter gehen. "Die Investoren wissen, dass im September und Oktober wichtige Entscheidungen anstehen, wie die Ratifizierung des zweiten Hilfspakets für Griechenland", sagt Tammo Greetfeld, Aktienstratege der UniCredit zu stern.de und bis dahin werde sich der schwache Aktienkurs wahrscheinlich nicht nachhaltig erholen. Erstmal betrifft die Unruhe an den Märkten nicht die Realwirtschaft. Eine neue Wirtschaftskrise würde hingegen viele Arbeitsplätze kosten. Geld für Konjunkturpakete ist keins mehr da.