Editorial Über das ganz besondere Verhältnis zu den Niederlanden


Liebe stern-Leser!

stern-Autorin Stefanie Rosenkranz kennt die Niederlande seit ihrer Kindheit. In Belgien aufgewachsen, fuhr sie mit ihrer Familie an sonnigen Wochenenden häufig ins benachbarte Holland ans Meer: "Dort sind die Strände schöner und wilder als in Flandern, und gleichzeitig ist alles unendlich viel ordentlicher. Holland, das ist der Geruch von Freiheit und Meister Proper." Später durchquerte sie auf mehreren Reportage-Reisen das Land und stellte interessiert fest, dass sich offenbar kaum ein Mensch daran stört, wenn etwa der Nationalschriftsteller Maarten 't Hart im rosafarbenen Kostüm auf Buchmessen erscheint, während unterlassenes Unkrautjäten ziemlich schnell zu gesellschaftlicher Ächtung führt. Die Niederlande sind voller Paradoxe: Hier fusionieren himmelschreiende Spießigkeit und hochkultivierte Weltläufigkeit, ist der Geiz so grenzenlos wie die Generosität, löst das Bepinkeln von Häuserwänden mehr Erregung aus als die Euthanasie. Von außen betrachtet, so Rosenkranz, wirkten die Niederländer "total radikal, fast schon verrückt", in Wahrheit seien sie dagegen "vernünftig, nüchtern und dabei zumeist unglaublich offen und nett". Das Verhältnis zu den Deutschen ist - mindestens - ambivalent. Spätestens beim Thema Fußball quillt die gefühlte Rivalität aus jedem Knopfloch. Während der EM hat sich unser Nachbar Respekt verschafft (Seite 44).

Im April 2005 erschien in der Hamburger Lokalpresse eine Suchmeldung: Wer kennt diesen Mann? Auf dem Foto ein Mann um die fünfzig, der nicht wusste, wie er hieß, woher er kam, was er wollte. Die Diagnose der Ärzte: retrograde Amnesie. Der Patient hatte sein Leben vergessen. stern-Reporter Kuno Kruse besuchte den Mann in der Klinik, fuhr mit ihm Wochen später nach Berlin, wo er als vermisst gemeldet worden war, betrat mit ihm zusammen seine ihm fremde Wohnung, traf Freunde, die nun Fremde waren und ihm von einem fremden Leben erzählten, das seines sein sollte. Am Anfang waren Assoziationen. Er las zum Beispiel das Schild "St.-Josef-Krankenhaus" und spulte plötzlich ab: Joseph und seine Brüder - Thomas Mann - Tod in Venedig - Visconti - Filmmusik von Mahler - das Adagietto aus der 5. Sinfonie. Als er sich an ein Klavier setzte, stellte er fest, dass er es auswendig spielen konnte. Erst später riss das Dunkel über seiner Vergangenheit auf.

Drei Jahre lang begleitete Kuno Kruse Jonathan Overfeld, und immer wieder stand Kruse vor der Frage: "Kann es wirklich stimmen, was dieser Mann zu erinnern glaubt?" Aus seinem Erwachsenenleben sind bis heute nur Fragmente ins Gedächtnis zurückgekehrt. Doch die Bilder seines Aufwachsens als Pflege- und Heimkind im katholischen Westfalen kamen mit Wucht. Overfeld stieß auf eine traumatische Jugend voller Gebete, Schläge und Vergewaltigungen. Anfang Juni nun hat sich der spätere Leiter des katholischen Jugendheims, in dem Overfeld in den 60er Jahren untergebracht war, für seine Ordensbrüder bei ihm entschuldigt - für Overfeld Schlusspunkt seiner ersten Etappe auf dem Weg zurück zu sich selbst. Seine Geschichte beginnt auf Seite 60.

Herzlichst Ihr
Andreas Petzold

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