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Editorial: Wettbewerb um das richtige Image

Liebe stern-Leser! Die Glaubwürdigkeit der Politiker sackte laut Umfragen in der vorigen Woche auf Tiefstwerte

Liebe stern-Leser! Die Glaubwürdigkeit der Politiker sackte laut Umfragen in der vorigen Woche auf Tiefstwerte, als wären sie Insolvenz-Kandidaten am Neuen Markt. Das Misstrauen des Wählers wächst – und damit eine ungesunde Distanz zu den politisch Verantwortlichen. Nun hat auch der Letzte begriffen: Die da oben ringen um Macht und nicht um die Sache. Die Holzmann-Pleite erinnerte schmerzlich an Gerhard Schröders Rettungs-Show vor drei Jahren. Dann die Aufführung im Bundesrat: Es tanzte das Unions-Ballett, vorgeführt von den Sozialdemokraten.

Man fragt sich: Wozu das Geschrei um die Abstimmung und der angedrohte Gang nach Karlsruhe? Es bleibt der Union doch unbenommen, nach einem möglichen Wahlsieg das Zuwanderungsgesetz wieder zu ändern. Aber für diese Gelassenheit, scheint es, reicht das Selbstvertrauen nicht. Auf der anderen Seite versucht sich Ministerpräsident Sigmar Gabriel in einer Debatte über den Föderalismus. Offenbar sieht er den Bundesrat als Reformbremse und möchte die uneinheitliche Stimmenabgabe eines Landes ermöglichen. Mit anderen Worten: Das Grundgesetz ändern und dem Verhalten der Parteien anpassen. Und das nur, weil sich CDU und SPD in Brandenburg nicht an ihren Koalitionsvertrag gehalten haben. Der Bundesrat ist ein sinnvolles Gegengewicht zu einer sonst übermächtigen Zentralgewalt der Bundesregierung. Die Verfassungsväter würden sich im Grabe umdrehen, müssten sie mit ansehen, wie die Parteien die Länderkammer zum Kabarett verkommen lassen. Das Publikum jedenfalls wendet sich mit Grausen. Der Bürger lernt mal wieder: Mit Symbolik verkauft man Politik. Nicht Argumente zählen, sondern Bilder, Eindrücke, Eigenschaften. Der Wettbewerb der Spitzenpolitiker geht darum, wessen Image die „gefühlten Probleme“ des Wählers am besten lösen könnte. Man will dem TV-Konsumenten gerecht werden. Und wer wollte den Politikern übel nehmen, der Verlockung zu erliegen, sich vor der Kamera publikumswirksam in Szene zu setzen? Charmant und schlagfertig sollst du sein, es zählt weniger, was du sagst, als vielmehr, wie du es sagst. Das Fernsehen, insbesondere die ausufernden Talkshows, ist zur allmächtigen Kommunikationsbörse zwischen Politiker und Wähler geworden.

Die Folgen formulierte der amerikanische Autor und Gesellschaftskritiker Neil Postman schon 1985: „Im Fernsehen bietet der Politiker dem Publikum nicht so sehr ein Bild von sich an, er macht sich vielmehr zu einem Bild, das die Zuschauer gerne sehen.“ Deshalb sollen vor der Bundestagswahl zwei TV-Duelle „Kanzler gegen Kandidat“ stattfinden, eines vermutlich erst am Freitagabend vor der Wahl. Das kann, so rechnet Schröder, die Stimmung noch zu seinen Gunsten beeinflussen. Doch auch Stoiber wird bis dahin an seiner fernsehgerechten Ausstrahlung arbeiten, verbissen und pflichtbewusst, so wie ihn stern-Autor Arno Luik in einem Porträt ab Seite 60 der Printausgabe beschreibt. Aber Vorsicht, der Wähler ist ein unberechenbares Tier: Sein Instinkt könnte am Ende doch unterscheiden zwischen Sachlichkeit und Schauspielkunst, zwischen tolerabler Taktik und purer Polemik.

Herzlichst Ihr

Andreas Petzold