Editorial Wie groß ist die Macht der "Kosher Nostra"?

Liebe stern-Leser!

Vom Straßenkämpfer in Frankfurt zum Staatsmann auf der Weltbühne, vom Gastdozenten in Princeton zum gut gelaunten Großvater in Berlin: Joschka Fischer hat viele Wandlungen durchgemacht. Nun meldet er sich mit dem ersten Band seiner Memoiren "Die rot-grünen Jahre" zurück in der politischen Diskussion, obwohl er nur noch Privatmann sein will. Am vergangenen Wochenende empfing er den stern zu einem Gespräch über das Buch in seiner denkmalgeschützten Villa im Berliner Grunewald. Im Hintergrund bellte der zottelige kleine Mischlingshund, den seine Tochter aus New Jersey mitgebracht hat. Fischer warnte: "Versucht bloß nicht, ihn zu streicheln. Der kommt aus erbärmlichen Verhältnissen, der langt gleich zu." So knurrig war Fischer früher oft auch, wenn er Journalisten witterte - aber zwei Jahre fern der Macht haben ihn milde gestimmt, auch die Feinde von einst kommen in seinem Buch meist gut weg. "Nachtreten mag ich nicht", sagt Fischer, der wieder regelmäßig durch den Grunewald joggt. Nur wenn er über die Grünen als Partei redet, wird er bitter: "Qualvoll" seien die letzten Jahre gewesen. Jetzt genießt er das Familienleben, das er 25 Jahre lang nicht hatte. Seine Frau Minu hat in Berlin eine eigene Produktionsfirma gegründet und arbeitet am ersten Film. Sein Sohn aus zweiter Ehe - Koch in einem süddeutschen Sterne-Restaurant - hat ihn zum Opa gemacht. Im Souterrain liegen die Büroräume der "Joschka Fischer Consulting". Er hält gut bezahlte Vorträge, er berät. Auch die Grünen? "Ich misch mich nicht mehr ein, das ist vorbei", sagt er im Interview (Seite 40).

In den USA streiten Politiker und Akademiker noch immer über die wahren Hintergründe des Irak-Kriegs. Nun haben zwei angesehene amerikanische Wissenschaftler unter dem Titel "Die Israel-Lobby" auf 500 Buchseiten ihre Erklärung dafür ausgebreitet: Vor allem jüdische Neokonservative und die pro-israelische Lobby in den USA hätten Präsident Bush von dem Feldzug überzeugt, um einen Hauptfeind Israels aus dem Weg zu räumen. Eine gewagte These, die in Amerika heftige Debatten auslöste. Ohne Zweifel haben die Autoren John Mearsheimer und Stephen Walt ein äußerst heikles Thema angepackt: die Macht der pro-israelischen Lobby in den USA, der "Kosher Nostra", die jede Kritik am Judenstaat schon im Keim ersticke und Amerika großen außenpolitischen Schaden zufüge. Eine längst fällige Diskussion, urteilten die einen. Eine Steilvorlage für Antisemiten, die anderen. Die New-York-Korrespondenten des stern, Michael Streck und Jan Christoph Wiechmann, haben sich auf eine zweimonatige Reise zu den Schlüsselfiguren dieser Geschichte gemacht, zu jüdischen Organisationen und deren Kritikern, zu Nahost-Experten und Lobbyisten. Und immer wieder stellten die beiden ihren Gesprächspartnern auch die Frage: Was empfinden Sie, wenn Deutsche 60 Jahre nach dem Holocaust die Macht der pro-israelischen Lobby hinterfragen? Die gleichlautende Antwort von allen: kein Problem, solange Deutsche die Lektionen des Holocaust nicht vergessen und die Erinnerung wachhalten. Das Stück "Israel - der 51. Bundesstaat der USA?" lesen Sie ab Seite 72.

Herzlichst Ihr

Thomas Osterkorn

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