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Editorial: Zar und Biedermann

Liebe stern-Leser! "Humor ist die Lust zum Lachen, wenn einem zum Heulen ist", sagte der Kabarettist

Liebe stern-Leser!

„Humor ist die Lust zum Lachen, wenn einem zum Heulen ist“, sagte der Kabarettist Werner Finck (1902–1978). Angesichts der Wirtschaftslage und der rot-grünen Chaostage in Berlin ist es kein Wunder, dass Schröder-Witze und Polit-Kabarett derzeit Hochkonjunktur haben. Der Bundeskanzler darf sich nicht wundern oder gar beklagen, dass er mit Hohn und Spott überschüttet wird: Er hat die Menschen vor der Wahl getäuscht („Wir haben nicht die Absicht, die Steuern zu erhöhen“). Nun rächen sie sich mit Galgenhumor, denn feuern können sie ihn nicht mehr. „Gewählt ist gewählt... Das ist ja das Geile an der Demokratie“, lässt Elmar Brandt den Kanzler singen. Die stern-Reakteure Oliver Link und Peter Pursche beschreiben in diesem Heft nicht nur den kometenhaften Aufstieg des Schröder-Imitators, sondern blicken auch in die Geschichte des politischen Witzes. Ihr Bericht „Krise? Selten so gelacht!“ beginnt auf Seite 26 der Printausgabe.

„Herr Präsident, ich habe Hunger“, rief Fotograf Konrad R. Müller und ließ die Kamera sinken. „Ich muss jetzt was essen.“ Stundenlang hatten die stern-Reporter auf das verabredete Treffen mit Wladimir Putin gewartet – und der Fotograf hatte nicht gefrühstückt. Russlands Präsident ging an den Kühlschrank einer Gartenlaube im Park seiner Moskauer Residenz und schmierte dem Mann ein Butterbrot. Dazu reichte er grünen Tee und einen kurzen Vortrag über die Weltpolitik – auf Deutsch. Zum ersten Mal gewährte ein russischer Führer westlichen Journalisten Einblick in den inneren Zirkel der Macht. Fotograf Müller und die stern-Autorin und langjährige Moskau-Korrespondentin Katja Gloger erlebten einen Mann, der sich unkompliziert und neugierig gibt. Der Präsident präsentierte sich als Bürger von nebenan – ein bisschen privat, aber nicht zu viel. Seine Familie blieb tabu. Frau Putina hatte angeblich Terminprobleme, die beiden Töchter dürfen aus Sicherheitsgründen nicht fotografiert werden. Seit knapp drei Jahren herrscht Putin. Echte Reformen ist er bislang schuldig geblieben. Er propagiert die „gelenkte Demokratie“ und den starken Staat, während Kriminalität und Korruption explodieren. Doch sein Volk huldigt ihm als dem neuen Zaren – die Menschen schätzten seine „Anständigkeit“, heißt es in Umfragen. Auch der blutige Ausgang des Geiseldramas in Moskau tat seiner Popularität keinen Abbruch. Über Monate konnten die stern-Reporter den Präsidenten begleiten. Sie flogen mit ihm zum Staatsbesuch nach Turkmenistan, gingen mit ihm angeln und besuchten ihn im Privathaus. Sie erlebten ihn als hartnäckigen Verhandler in einem Petersburger Zarenschloss und als detailverliebten Bürokraten im Kreml. Sie sprachen mit seiner alten Lehrerin, mit ehemaligen Studienfreunden und Kollegen aus seiner KGB-Zeit, mit Ministern und Ratgebern. Und sie hörten seine Kritiker, die Putin als autoritären Führer sehen und seine brutale Tschetschenien-Politik anprangern. Der Bericht über „Die vielen Gesichter des Wladimir Putin“ beginnt auf Seite 70 der Printausgabe.

Herzlichst Ihr

Thomas Osterkorn

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