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AUSLAND: Endlich wieder lernen

Nach fünf Jahren dürfen Afghanistans Mädchen wieder in ihre Klassenzimmer zurückkehren. Und sie sind sehr froh darüber.

Chatera Mohammed hat eine Botschaft an die Kinder in aller Welt, denen die Schule oft eher lästig ist: Schätzt Euch glücklich, dass Ihr lernen dürft. In den vergangenen fünf Jahren hatte die 14-Jährige dieses Glück nicht. Nach der Machtübernahme der radikal-islamischen Taliban durften Mädchen keine Schule mehr besuchen und später nicht einmal mehr zu Hause unterrichtet werden.

Trotz der Risiken hat Chatera heimlich zu Hause in einem ärmlichen Stadtviertel im Westen der Hauptstadt Kabul weitergelernt. Sie hat gehofft, eines Tages wieder zur Schule gehen zu dürfen, um sich so ihren Traum zu erfüllen, Ärztin werden zu können.

So schnell wie die Taliban im Jahr 1996 die Macht übernommen hatten, so schnell wurden sie Ende des vergangenen Jahres von der oppositionellen Nordallianz und durch die Luftschläge der USA vertrieben. Damit wurde das undenkbare für Chatera und mehr als 10 000 andere Mädchen in Kabul jetzt Wirklichkeit: Am Dienstag sind sie wieder in ihre Klassenzimmer zurückgekehrt.

Auf die Frage, was denn die Schulkinder in reicheren Ländern aus ihrer Erfahrung lernen könnten, sagt Chatera nur: »Sie durften zur Schule gehen und wir durften das nicht. Sie sollten dankbar sein.« Chatera und einige ihrer Freundinnen waren vor lauter Vorfreude auf den Unterricht drei Tage zu früh vor ihrer Schule aufgetaucht.

Nach mehr 20 Jahren Bürgerkrieg zählt Afghanistan zu den ärmsten Ländern der Welt zählt. Dennoch sind sich die Bewohner des Landes - vom Bettler bis zum Chef der Übergangsregierung - einig, dass Bildung genauso wichtig ist wie der Wiederaufbau der Straßen, die Ernährung der hungernden Flüchtlinge oder die Beseitigung von Landminen.»Man kann es in ihren Gesichtern sehen«, sagt Ursula Müller, Beauftragte der deutschen Botschaft in Kabul. Sie hat am Dienstag die Wiedereröffnung einer Schule in Kabul miterlebt, in der die Mädchen möglichst viel von dem versäumten Unterrichtsstoff aufholen sollen. Das Bundesaußenministerium hat 518 000 Euro (mehr als eine Million Mark) bereitgestellt, um in den nächsten drei Monaten den Unterricht für 10 500 Mädchen in 15 Schulen in der Hauptstadt zu finanzieren. Ende März oder Anfang April sollen dann die staatlichen Schulen für Mädchen wie Jungen wieder öffnen.

In Industriestaaten wären die Bedingungen, unter denen die Mädchen derzeit unterrichtet werden, undenkbar. In der Naswan Schule im Westen Kabuls gibt es keinen Strom, die Klassenzimmer haben keine Fenster und in den meisten Räumen gibt es nicht einmal Pulte. In Chateras Klasse sitzen rund 20 Mädchen auf einem alten Teppich und machen Lese- und Schreibübungen. Die Fenster sind mit Plastikplanen verhängt und die Mädchen hören in Wintermänteln ihrem Lehrer zu.

Abhilfe ist aber schon in Sicht. Das von der Regierung in Deutschland bereitgestellte Geld wird dazu verwendet, die 15 Schulen wieder herzurichten, Fenster und Heizungen einzubauen und Stifte, Papier und Kreide anzuschaffen.

Die Schülerinnen nehmen vor Aufregung die schwierigen Bedingungen, unter denen sie unterrichtet werden, kaum wahr. Es stört sie auch nicht, dass sie wieder in dieselbe Klasse gehen, die sie vor fünf Jahren verlassen müssten. »Ich freue mich sehr, endlich wieder hier zu sein«, sagt Kida Abdullsatar, die mit 15 die 4. Klasse besucht und später auch einmal Ärztin werden will. Im Klassenzimmer ist es sehr still. Die Mädchen haben keine Zeit zu spielen oder zu schwätzen.

Joe Cochrane, dpa

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