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Der geheime Code der Liebe : Ich habe mich verliebt – und möchte am liebsten weglaufen

Sehr geehrte Frau Peirano,
Ich habe gelernt, dass ich keine Frau für eine Beziehung bin. Ich habe es versucht, aber es ist immer gescheitert. Wenn ich nicht hundertprozentig auf jemanden stand, hat es nicht geklappt, und genauso wenig bei Beziehungen, in denen ich meine Hand für meinen Partner ins Feuer gelegt hätte.
Also habe ich in den letzten Jahren alle auf Abstand gehalten - und habe damit vier Jahre lang blendend gelebt und war glücklich. Doch vor kurzem habe ich auf einer Feier gekellnert und jemanden kennengelernt. Ich habe ihm sogar am Anfang des Abends zugezwinkert. Und das, obwohl ich normalerweise bei Interesse Desinteresse vorschiebe. Den gesamten Abend sind wir umeinander her getänzelt, haben einen Vorwand nach dem anderen gesucht um zu plaudern und zu flirten. Am Ende haben wir uns sogar geküsst, was normalerweise auch nicht meine Art ist, schon gar nicht wenn ich arbeite. Bei ihm kriege ich weiche Knie. Er ist klug, belesen, witzig und attraktiv. Und küssen kann der ...
Anfangs dachte ich, dass er vergeben wäre, denn so ein Mann kann unmöglich Single sein. Ich wäre sogar erleichtert, wenn er eine Freundin hätte, denn da liefe ich nicht Gefahr, dass mehr entstehen könnte. Doch er ist nicht vergeben, und um mich ist es geschehen. Ich sitze hier und schreibe in einem diffusen Zustand zwischen Heul- und Lachkrampf. Ich kann nur noch an ihn denken, nicht mehr richtig arbeiten.
Ich verstehe nicht, was so ein Mann an mir findet. Ich: die blöde Möchtegernarchitektin, die ihr Studium wegen eines Burn-out abgebrochen hat, mit den viel zu dicken Beinen und den Fisselhaaren. Und er, der smarte Adonis, der eine eigene Firma hat und in die große weite Welt zieht. Irgendwas muss er ja bei mir sehen, was mir verborgen bleibt, das sagt mir mein vermaledeiter Verstand ja auch. Aber auch den kann ich nicht so recht abschalten. Ein Treffen hängt in der Luft. Einerseits würde ich gerne alles stehen und liegen lassen und von Hannover nach Berlin zu ihm fahren, andererseits müsste ich dafür alles andere über Bord werfen. Und plötzlich finde ich vieles an mir scheußlich und ich beginne, an mir zu zweifeln. Ich habe solche Angst, die Fortschritte, die ich auf dem Weg zu einem guten Selbstbewusstsein gemacht habe, wieder zu torpedieren.
Aber verdammt, ich finde den so toll. Ich bin hin und her gerissen. Einerseits denke ich daran, mich einfach nicht mehr zu melden und ihn zu ignorieren, andererseits könnte ich mir für diesen Ratschlag selbst eine Ohrfeige verpassen. Da ich offensichtlich doch nicht so selbstbewusst bin wie ich dachte (siehe Selbstzweifel) müsste ich doch besser auf Abstand gehen und mich erst einmal selbst finden. Oder ist es dumm sich so eine Gelegenheit entgehen zu lassen? Was meinen Sie?
Liebe Grüße
Chrissie

Liebe Chrissie,
ich freue mich für Sie, dass Sie jemanden kennen gelernt haben, der Sie so anzieht und fasziniert! Es liegt eine große Chance darin, Ihr festgefügtes Bild, dass Sie kein Beziehungstyp sind, noch einmal zu hinterfragen und zu sehen, wo sie nach den vielen Jahren als Single stehen. In der Liebe kann man ja nie genau wissen, was einem passieren oder auch nicht passieren wird, und es ist die einzige Möglichkeit, flexibel auf die Situation zu reagieren. Und Ihre Situation ist: Sie haben sich bis über beide Ohren verliebt, nach einem einzigen Abend! Ein Teil von Ihnen möchte das Naheliegende tun und sofort zu ihm nach Berlin ins Abenteuer zu wagen. Aber gleichzeitig gibt es einen anderen Teil in Ihnen, der voller Ängste und Selbstzweifel ist und am liebsten das Weite suchen möchte.
Ich möchte Ihnen Mut machen, den nächsten Schritt auf diesen Mann zu zugehen. Ob das nun Telefonate sind, Emails oder auch ein Wiedersehen - das liegt nur an Ihnen beiden. Aber wagen Sie den nächsten Schritt, wenn es sich weiterhin so gut anfühlt!
Allerdings möchte ich Ihnen raten, sich um eine andere Haltung zu bemühen, die Ihnen Schutz und Sicherheit gibt. Denn leider ist in Ihrem Kopf ein großes Selbstentwertungsprogramm am Wirken: Sie mäkeln und zweifeln an Ihrem Aussehen, Ihrer psychischen Stabilität, Ihrem beruflichen Erfolg und an noch viel mehr. Er hingegen ist in Ihrem Kopf bereits zu einem Super-Mann hochstilisiert, der eigentlich mit einer wie Ihnen nichts zu tun haben sollte. Diese Selbstentwertung ist Ihnen bewusst, und das ist schon mal sehr wichtig. Aber das hilft noch lange nicht dabei, sie zu unterbinden. Am Besten wäre es, wenn Sie sich selbst einen langen Brief schreiben, in dem Sie sich sagen, was Sie an sich selbst liebenswert finden. Ohne jegliches Wenn und Aber. Diese Eigenschaften und Ressourcen sind ja auch genau das, was Sie in Ihrem Single-Leben glücklich gemacht hat!
Und der zweite Schutz ist es, die Kirche im Dorf zu lassen und ganz kleine Schritte zu gehen, in Ihrem eigenen Tempo und auf Ihre eigene Art und Weise. Das heißt, dass Sie erst einmal nur an ein Wiedersehen denken. Sie müssen nicht, wie Sie schreiben, alles über Bord werfen. Sie können jederzeit gehen, und das werden Sie auch tun, wenn es blöd wird. Bemühen Sie sich, Ihre Erwartungen klein zu halten. Vielleicht ist die Anziehung im Alltag nicht mehr so groß wie am ersten Abend, vielleicht haben Sie sich nicht mehr so viel zu sagen. Vielleicht wird es aber auch alles ganz wunderbar, und dann gehen Sie den nächsten Schritt. Am Anfang kann man das ja nicht wissen. Gut wäre es, wenn Sie bei sich bleiben und Ihre eigenen Gefühle und Fluchtimpulse wahr nehmen, ohne sie gleich auszuleben. Vielleicht können Sie ein Tagebuch mitnehmen oder zwischendurch einer lieben Freundin mailen, wie es Ihnen geht? Das hilft, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Und noch etwas: Überlegen Sie noch einmal gut, ob Sie ihn lieber als Heimspiel bei sich in Hannover treffen möchten, wo Sie sich sicher fühlen, oder in Berlin, als Gastspiel.
Ich wünsche Ihnen alles Gute
Herzliche Grüße
Julia Peirano

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  • Julia Peirano
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