Der geheime Code der Liebe Ich kann das Kind meines Mannes nicht ausstehen


Liebe Frau Dr. Peirano,
ich bin nicht stolz darauf, das zu sagen, aber ich mag den Sohn meines Partners überhaupt nicht. Er ist 11 und lebt zur Hälfte bei uns und zur Hälfte bei seiner Mutter, die viele Probleme hat (Depression, wechselnde Jobs, dauernd neue Partner, Kaufsucht). Das Kind hat natürlich unter seiner Mutter und auch unter der dramatischen Trennung der Eltern vor 5 Jahren gelitten, das ist mir auch klar, aber trotzdem macht er mich wahnsinnig. Er kann keine Minute still sitzen, hat grauenhafte Tischmanieren (rülpst bei Tisch und matscht mit dem Essen), spielt andauernd mit allem, was ihm in die Hände kommt (Stifte, Kerzen, Feuerzeuge etc.) und gibt allen Erwachsenen freche Antworten, bei denen Beleidigungen wie "Arschloch" noch eher harmlos sind. In der Schule fällt er natürlich auch auf, und Gespräche mit den Lehrern sind an der Tagesordnung. Ich selber lege sehr viel Wert auf gutes Benehmen und kann es nicht ertragen, das mit anzusehen. Es ist mir auch furchtbar peinlich vor Fremden oder meinen Freunden und meinen Eltern. Als ich meinen Partner kennen lernte, war sein Sohn 7 Jahre alt und zwar etwas frech, aber lange nicht so ein Monster wie heute. Ich wäre auch sonst nicht mit meinem Partner zusammen gezogen, denn ich will bald noch eigene Kinder haben und kann mir nicht vorstellen, sie mit diesem "Bruder" zusammen leben zu lassen. In meiner Familie ging es früher meistens fröhlich und kultiviert zu, und jetzt komme ich mir vor wie im falschen Film. Mein Partner sieht die Probleme seines Sohnes teilweise so wie ich, aber teilweise verharmlost er das Problem auch, weil er Schuldgefühle wegen der Trennung hat. Er greift nicht konsequent durch, sondern verwöhnt den Jungen einerseits, andererseits bestraft er ihn mit Stubenarrest oder Taschengeldentzug, was nicht viel bringt. Die Mutter des Kindes steckt ihm dann Geld zu, was alle Versuche wieder zunichte macht. Mein Partner und ich haben oft Streit wegen der Erziehung seines Sohnes. Ich bin dafür, dass er eine Therapie machen soll, mein Partner findet immer wieder Gründe, um das nicht zu tun. Eigentlich liebe ich meinen Partner, aber die Zeiten, in denen sein Sohn bei uns ist, sind für mich der wahre Horror.
Was kann ich tun?
Ihre Petra M.

Liebe Petra M.,
Sie befinden sich in einer furchtbaren Situation: Sie fühlen sich in Ihrem eigenen Zuhause nicht mehr wohl, wenn der Sohn Ihres Partners da ist (und das ist die Hälfte der Zeit, also nicht selten!). Ich kann das gut verstehen, denn das Kind dominiert die ganze Situation mit seinen Schwierigkeiten, nimmt viel Raum ein, und alle anderen fühlen sich an die Wand gedrängt und haben kaum noch Luft zum Atmen. Sie selbst möchten etwas tun, um aus dieser Position heraus zu kommen, aber die Versuche laufen ins Leere. Ich sehe genau darin- und nicht in erster Linie bei dem Jungen- das eigentliche Problem. Sie und Ihr Partner haben sehr unterschiedliche Auffassungen über die Erziehung seines Sohnes. Sie selbst sehen das Verhalten des Jungen als sehr problematisch an und möchten etwas unternehmen, damit es besser wird: konsequente Erziehung, eine Therapie und klare Spielregeln in der Familie, damit sich alle wieder wohl fühlen. Ihr Partner hingegen ist hin- und hergerissen. Er nimmt die Probleme seines Kindes gelegentlich wahr, aber dann verleugnet oder verharmlost er sie wieder- und unternimmt dann nichts Nachhaltiges. Dadurch verpasst er die Chance, seinen Sohn dabei zu unterstützen, dass er sein auffälliges Verhalten ablegt. Das Kind bräuchte viel Zuwendung von seinem Vater, aber auch klare Grenzen.
Ich gebe Ihnen Recht, wenn Sie aktiv werden wollen. Aus meiner Sicht wäre eine gute Diagnostik der erste Schritt, und wahrscheinlich benötigt der Junge anschließend eine Kindertherapie. Dabei werden die Eltern (bzw. auch Sie als Stiefmutter) in der Regel eingebunden, damit alle Erziehungsberechtigten an einem Strang ziehen. Dies ist hier nicht der Fall, so wie es klingt. Und genau darin sehe ich das Problem: Ihr Partner verhält sich unklar und unternimmt keine Schritte, um die Situation zu verbessern. Und weil er nichts unternimmt und die Situation unverändert schlecht ist (oder sich sogar verschlechtert), fühlen Sie sich hilflos. Sie müssen in Ihrer eigenen Wohnung die Hälfte der Zeit problematisches Verhalten über sich ergehen lassen und haben keinen Handlungsspielraum, um etwas zu verändern oder zu verbessern. Das ist schwer auszuhalten und macht wütend. Und das bekommt das Kind zu spüren, das Sie von Tag zu Tag weniger mögen.
Ich würde Ihnen empfehlen, alles zu tun, um aus Ihrer Hilflosigkeit heraus zu kommen. Der erste Schritt ist es, mit Ihrem Partner zu sprechen. Sagen Sie ihm deutlich, wie es Ihnen mit ihm und seinem Sohn geht, aber wählen Sie bei allem Ärger vorsichtige Worte. Ihr Partner liebt seinen Sohn und wird wahrscheinlich sehr verletzt sein, wenn Sie ihm ungefiltert sagen, für was für ein Monster Sie ihn halten.
Erzählen Sie Ihrem Partner am Besten, wie hilflos Sie sich fühlen und suchen Sie mit ihm zusammen nach Wegen in der Erziehung des Sohnes, die Sie gemeinsam einschlagen können (z.B. eine Erziehungsberatung). Versuchen Sie, ein Mitspracherecht bei der Gestaltung der Spielregeln zu Hause (Tischmanieren, Ordnung) einzufordern, denn immerhin lebt der Junge ja die Hälfte der Zeit in Ihrem Haushalt.
Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass Ihr Partner nur schwer bereit ist, seinen Erziehungsstil zu verändern, denn er hat das Problem ja bereits seit einigen Jahren ignoriert. Mittlerweile ist der Sohn, so deprimierend das klingen mag, fast schon zu alt für eine Verhaltensänderung.
Ihre Situation ist kein Einzelfall. Leider ist es in vielen Patchworkfamilien so, dass die Mitglieder nicht so nahtlos und harmonisch zueinander finden, wie es am Anfang erhofft wurde. Statt dessen finden sich viele offene oder geheime Bündnisse, an denen zum Teil hart gegeneinander gekämpft wird. Darunter leiden die Betroffenen sehr. Manchmal ist es eine gute Lösung, in getrennten Wohnungen zu leben, so dass der Elternteil mit seinem Kind in gewohnter Weise leben kann und der neue Partner Abstand von dem Konfliktherd bekommt.
Ich hoffe, dass Sie bald friedlicher leben können!
Ihre Julia Peirano

Liebe Leserinnen und Leser,
ich bin sehr an Ihren Erfahrungen, Kommentaren und auch Ihren eigenen Fragen interessiert und freue mich über einen regen Austausch. Bitte seien Sie dabei respektvoll und konstruktiv, sowohl mit dem Ratsuchenden, anderen Lesern als auch mit mir.
Ihre Julia Peirano


Wissenscommunity


Newsticker