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Der geheime Code der Liebe : Mein Freund geht nächtelang aus und schaltet sein Handy aus Prinzip aus

Lotte fühlt sich von ihrem Freund schlecht behandelt: Wenn er mit seinen Kumpels abends weggeht, hält er sich nicht an Vereinbarungen und lässt sie manchmal die ganze Nacht warten. Julia Peirano empfiehlt ihr, ihrem Partner mal den Spiegel vorzuhalten.

Liebe Frau Peirano,

ich bin nun seit drei Jahren mit meinem Freund zusammen, letztes Jahr sind wir in eine kleine Wohnung in der Innenstadt zusammengezogen. Im Grunde fühle ich mich in der Beziehung sehr wohl, nur beim Thema Abends weggehen bin ich mittlerweile leider sehr skeptisch geworden.
Mein Freund und ich sind beide sehr gesellige Menschen, wobei ich mich mit meinen Freunden gerne tagsüber treffe, er sich mit seinen eher Abends. Durch die zentrale Lage unserer Wohnung geht mein Freund gerne Abends in Kneipen, um sich dort mit seinen Freunden zu treffen. Ich finde es schön, dass wir uns getrennt voneinander mit unseren Freunden beschäftigen, jedoch sagt mein Freund, bevor er Abends die Wohnung verlässt, ohne dass ich ihn frage (!), eine Zeitangabe, wie lange er ungefähr unterwegs ist.
Nach seinen Aussagen wird es sich dabei immer um ein bis zwei Stunden handeln. Oft haben wir eigentlich danach noch etwas vor; sei es ein Spaziergang zu zweit, Hausarbeit oder einen Film schauen. Nur bleibt es bei ihm nicht bei den zwei Stunden. Manchmal kommt er morgens um sieben Uhr nach Hause, ohne dass er sich bei mir meldet. Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass man während man unterwegs ist und der Abend schön ist, sich entschließt, länger zu bleiben. Nur beginne ich, mir nach vier oder fünf Stunden Sorgen zu machen, zumal er auch oft unter der Woche unterwegs ist, auch wenn er am nächsten Tag früh raus muss. Meines Erachtens ist es völlig legitim, sich in einem solchen Fall Sorgen zu machen. Es ist blöd gesagt, aber es kann ja wirklich mal etwas passiert sein.
Wenn ich ihn dann anrufe, um zu erfahren, ob alles in Ordnung ist und ob er schon weiß, wann er nach Hause kommt, geht er meist aus Prinzip nicht ans Telefon, obwohl wir wie gesagt eigentlich noch etwas gemeinsam vorhatten. Er begründet sein Verhalten damit, ich würde ihn in seiner Freiheit einschränken. Oft fangen wir an, uns danach zu streiten und reden tagelang nicht mehr miteinander, bis ich auf ihn zugehe. Ich fühle mich scheußlich, da ich mich von ihm in die Situation bringen lasse, auf ihn zu warten, um dann hinterher einen Schritt auf ihn zuzugehen, um des lieben Friedens Willen. Eigentlich möchte ich gar nicht so sein, doch ich kann einfach nicht verstehen, warum er mir von alleine sagt wann er nach Hause kommt, um mich dann komplett zu ignorieren, sobald er aus dem Haus ist. Ein wichtiger Punkt ist noch, dass es ihn andersherum genau so stören würde. Er hat zugegeben, dass er wütend wäre, wenn ich mich so verhalte!

Ich bin verzweifelt, da ich mich in diesen Situationen so ungeliebt fühle, dass er es nicht für nötig hält, unsere gemeinsamen Pläne abzusagen und kein Problem damit hat, dass ich zu Hause auf ihn warte. Außerdem ist dieses Verhalten nicht gerade vorteilhaft, wenn es um Vertrauen geht. Natürlich habe auch ich eine Schmerzgrenze, sodass ich auch schon einfach mal aus Prinzip abends die Wohnung verlassen habe, um mich abzulenken, das ist aber nur ein kleiner Trost, da es in meinen Augen die Situation nicht ändert.
Um Hilfe bittend,
Lotte G.

Liebe Lotte G.,
das Verhalten Ihres Freundes ist wirklich schwer zu verstehen. Möglicherweise hat sein Verhalten mehr mit seiner Familiengeschichte zu tun als mit Ihnen, und vielleicht muss er sich beweisen, dass er trotz der Beziehung frei über seine Zeit verfügen kann. Aber es klingt sehr unlogisch, was er macht, denn schließlich nennt Ihr Freund Ihnen von sich aus eine unrealistische Zeit, die er dann nicht einhält. Das setzt Sie als Wartende unter Stress - und ihn ebenso, wenn er die ganze Zeit weiß, dass Sie zu Hause warten, er sein Wort nicht einhält und er vor allem auch schon weiß, dass es am nächsten Tag Streit gibt.
Dieser Teufelskreis hat sich zwischen Ihnen beiden schon eingeschliffen. Das heißt aber nicht, dass es so bleiben muss. Wenn Ihr Freund mir geschrieben hätte, würde ich ihm raten: Machen Sie das Handy an und halten Sie Absprachen verbindlich ein.
Da aber Sie es sind, die mich kontaktieren und nicht Ihr Freund, habe ich folgende Empfehlungen:
- Wenn Ihr Freund in nächster Zeit abends ausgeht, akzeptieren Sie kein Zeitlimit. Wenn er sagt: "Ich bin in zwei Stunden zurück", bleiben Sie am besten realistisch und sagen: "Darauf möchte ich mich nicht verlassen, ich habe da andere Erfahrungen mit dir gemacht. Ich höre es so, dass du irgendwann zurück kommst und rechne heute Abend nicht mehr mit Dir." Das würde aus meiner Sicht Stress aus der Situation nehmen. Planen Sie nichts mit Ihrem Freund hinterher, sonst ärgern Sie sich nur. Machen Sie sich selbst eine schöne Zeit und treffen Sie sich noch mit einer Freundin oder machen Sie sich einen gemütlichen Abend. Und rufen Sie ihn nicht an!
Ich würde Ihnen auch empfehlen, selbst öfters mal lange auszugehen und das Handy abzustellen . So halten Sie ihm einen Spiegel vor. Wenn er sich aufregt, könnten Sie dann einfach argumentieren, dass das doch anscheinend die Spielregel in Ihrer Beziehung ist, dass jeder ungestört ausgehen kann und sich nicht melden muss. Wenn ihm das nicht passt (hoffentlich!)- gibt es einen Anlass zur Neuverhandlung der Spielregeln.
Noch ein paar Worte zu Ihren Sorgen: Vielleicht hilft es, wenn Sie sich davon überzeugen, dass Sie es erfahren würden, wenn Ihrem Freund etwas passiert wäre - und solange Sie keinen Anruf von seinen Freunden oder der Polizei bekommen, wird er sicher sein.
Und noch etwas: Als vertrauensbildende Maßnahme wäre es wichtig, dass Ihr Freund Ihnen am nächsten Tag spontan erzählen kann, mit wem er unterwegs war. Hören Sie aufmerksam zu und achten Sie auf Ihr Bauchgefühl. Wenn er Ihnen nicht sagen will, was er gemacht hat, wäre das ein klassischer Fall, ein deutliches Wort mit ihm zu reden!

Was ich allerdings problematisch finde, ist, dass Ihr Freund tagelang nicht mit Ihnen redet, wenn sich gestritten haben. Es wäre im Prinzip ja nicht schwer, eine konstruktive Lösung für dieses Problem zu finden - aber er verweigert sich und stellt Sie so hin, als wenn Sie die Stimmung verdorben hätten- und dann straft er Sie ab. Es wäre hilfreich, zusammen ein Kommunikationstraining zu machen oder einige Stunden beim Paartherapeut zu nehmen, um Ihr Streitverhalten zu beleuchten.

Herzliche Grüße
Julia Peirano

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Julia Peirano

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