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Der geheime Code der Liebe : Mein Mann ist dagegen, dass meine Familie sechs Wochen zu Besuch kommt

Liebe Frau Peirano,

ich bin Ecuadorianerin, lebe seit 13 Jahren in Deutschland und bin mit einem wunderbaren deutschen Mann verheiratet. Unsere Ehe besteht aus Liebe und Harmonie, mehr kann man sich als Frau nicht wünschen. Doch meine ganze Familie ist in Ecuador und obwohl ich sehr lange in Deutschland lebe, vermisse ich meine Mutter, Oma und Brüder jeden Tag. Vor 3 Jahren besuchten mich meine Mutter und Brüder zum ersten Mal in Deutschland. Wir haben eine große Wohnung, mit zwei Etagen, daher gibt es genug Platz für Gäste. Sie blieben sechs Wochen, das war für meinen Mann eine extrem lange Zeit. Er kommt aus einem kleinen Dorf aus Brandenburg und war noch nie von seiner Familie getrennt. In Südamerika spielt die Familie eine sehr wichtige Rolle, vor allem weil man sehr expressiv und liebevoll ist. Das Jahr danach kamen meine Mutter, Oma und Tante (auf Wunsch meiner 85-jährigen Oma. Die Strecke Ecuador-Deutschland ist sehr lang und anstrengend, das Ticket extrem teuer. Dafür lohnt sich die Reise nur wenn man eine lange Zeit bleibt, in diesem Fall blieben sie auch sechs Wochen. Mein Mann und meine Familie haben eine sehr gute Beziehung Mein Mann ist sehr nett und geduldig, er hat alles mitgemacht. Allerdings ist er etwas schüchtern und kann sich nicht wirklich durchsetzen, wenn ihm etwas nicht passt. Daher vermute ich, dass er viele Sachen, die ihn gestört haben, nicht offen geäußert hat.
Vor ein paar Monaten haben wir darüber gesprochen, dass ich sehr großes Heimweh habe und mir wünsche, meine Familie näher zu haben. Für ihn kommt es nicht in Frage, nach Ecuador zu ziehen (das würde ich auch nicht von ihm verlangen). Aber er möchte auch nicht, dass meine Familie mich besucht! Er sagt, er fühle sich in seiner Privatsphäre verletzt und kann nicht ertragen, noch mal sechs Wochen jemand aus meiner Familie bei uns zu haben. Das verletzt mich sehr, da ich niemals meiner Familie verbieten werde, mich zu besuchen und bei mir zu bleiben. Meine Mutter möchte uns im Sommer besuchen, ich habe ihm das noch nicht erzählt. Ich habe Angst dass unsere Beziehung kaputt gehen könnte, weil keiner von uns nachgeben wird. Ich habe noch nie in unserer Beziehung diesen kulturellen Unterschied so stark bemerkt wie jetzt. Wie kann ich ihn davon überzeugen, dass ich nur ein Mal im Jahr (wenn ich/wir nicht nach Ecuador fliegen) und nur sechs Wochen die Möglichkeit habe, meine Familie in meiner Nähe zu haben?
Vielleicht kennen sie dieses Problem, denn ich weiß es gibt viele Deutsche-Latino Beziehungen in Deutschland.
Auf Ihre Rückmeldung würde ich mich unheimlich freuen.
Mit freundlichen Grüßen,
Linda

Liebe Linda,
ich kann Ihre Gefühle gut verstehen! Sie haben einen innigen und liebevollen Kontakt zu Ihrer Familie, und seit Sie nicht mehr in ihrer Nähe wohnen, haben Sie starke Sehnsucht nach Ihnen. Dabei geht es nicht nur um Ihre Verwandten, sondern auch darum, wieder Ihre Herkunft zu spüren, indem Sie spanisch sprechen, die ecuadorianische Kultur pflegen, alte Geschichten erzählen und eben auch wieder mal Tochter, Schwester oder Enkelin sein dürfen. Das ist ein großer Teil Ihrer Identität! Und natürlich ist das für sie sehr kostbar.
Und jetzt entsteht in Ihrer Ehe ein großes Problem, weil Ihr Mann diesen Besuch nicht mehr bei Ihnen zu Hause haben möchte. Das ist eine sehr, sehr schwierige Situation. Die kulturellen Unterschiede zwischen Ecuador und Deutschland sind sehr groß. In Lateinamerika ist es selbstverständlich, seine Familie auch länger bei sich wohnen zu lassen. In Norddeutschland hingegen sagt man: "Besuch ist wie Fisch. Nach drei Tagen beginnt er zu stinken." Natürlich prallen da Welten aufeinander!
Ich schlage Ihnen vor, mit Ihrem Mann ein offenes Gespräch zu suchen und ihn zu fragen, was genau ihm am Besuch Ihrer Familie Schwierigkeiten bereitet. Ich hoffe, dass Ihr Mann zur Sprache bringt, was ihn stört bzw. was er braucht, um einen Familienbesuch gut zu überstehen. Vielleicht hat er zu wenig Rückzug und Ruhephasen? Oder er hat zu wenig von Ihnen und seine Beziehung mit Ihnen wird von der Großfamilie erdrückt?
Was auch immer es ist, versuchen Sie, ihn zu verstehen und mit ihm Vereinbarungen zu treffen, die beiden gerecht werden. Vielleicht kann er öfters mal abends allein ausgehen (z.B. zum Sport), wenn es ihm zu Hause zu lebhaft ist? Oder Sie verbringen trotz Ihres Besuches Zeit zu zweit, zum Beispiel ziehen Sie sich mal abends früher in Ihr Schlafzimmer zurück? Oder Sie unternehmen mal einen Ausflug mit Ihrer Familie und überlassen ihm die Wohnung für sich alleine? Oder Sie machen ab: Ein Jahr fahren Sie nach Ecuador und besuchen Ihre Familie, ein Jahr kommt Ihre Familie zu Ihnen?
Ich ergreife ungern Partei, wenn ein Paar Schwierigkeiten hat, denn natürlich ist jede Sichtweise berechtigt. Doch in Ihrem Falle scheint es mir, als wenn Sie viel mehr aufgegeben haben, als Ihr Mann, weil Sie beide in Deutschland leben. Und das schmerzt Sie sehr und zerreißt Sie etwas vor Sehnsucht. Deshalb tendiere ich dazu, Ihnen zu sagen, dass Sie ein Recht darauf haben, Ihre Familie zu Besuch zu haben.
Ich hoffe sehr, dass Sie da Kompromisse finden.
Alles Liebe,
Julia Peirano

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  • Julia Peirano
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