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Der geheime Code der Liebe Mein neuer Freund will mich ständig kontrollieren

Eigentlich ist Charlotte frisch verliebt und nach zehn Jahren endlich wieder bereit, ihr Leben mit einem Partner zu teilen. Doch ihr neuer Freund will immer wissen, wo sie ist und reagiert beleidigt, wenn sie ohne ihn unterwegs ist. Muss eine Beziehung so sein?

Hallo Frau Peirano,

vor 3 Monaten habe ich einen Mann kennengelernt. Wir verstehen uns sehr gut, haben viele Gemeinsamkeiten. Aber er versucht, mich ständig zu kontrollieren. Ich bin eine selbständige Frau, habe die letzten 10 Jahre meinen Sohn und meine Tochter alleine groß gezogen. Ich habe einen großen Freundeskreis, treibe viel Sport und bin eben viel unterwegs. Das Alleinsein bereitet mir keine Probleme. Natürlich wünsche ich mir einen Partner, weil es zu zweit eben doch schöner ist.

Nun habe ich diesen Mann kennengelernt und freue mich auch darüber, aber er muss immer wissen, was ich mache und wenn ich keine Zeit für ihn habe, gibt es immer Streit. Dann sagt er, dass ich mir nie Zeit für ihn nehme und dass man in einer Partnerschaft auf den Partner Rücksicht nehmen muss. Da wir 50 km auseinander wohnen, versuche ich es hinzu bekommen, dass wir uns zumindest am Wochenende sehen. Meistens sehen wir uns aber noch 1 bis 2 mal die Woche. Klappt dies aber mal nicht, dann gibt es Stress. Ich habe schon mehrmals versucht, mit ihm darüber zu reden, aber entweder sagt er, ich bin nicht beziehungsfähig oder er benimmt sich wie ein Kleinkind und sitzt dann da wie ein Trauerkloß und weint, und sagt du hast ja Recht. Und das Woche für Woche. Wenn ich da bin, ist alles super gut, nur wenn ich etwas ohne ihn machen will, dann ist Stress. Nun bin ich schon angefangen zu lügen, damit er nicht weiß, dass ich mit meiner Freundin unterwegs war, weil ich keine Lust hatte ihn zu sehen.

Das ist doch nicht richtig. Im Moment weiß ich nicht was ich tun soll. Eigentlich möchte ich das beenden, weil ich diesen ständigen Stress nicht aushalten kann. Aber anderseits mag ich ihn gerne. Aber wir sind ja auch erst 3 Monate zusammen, wie soll das noch weitergehen, wenn es jetzt schon so ausartet. Haben Sie einen Rat für mich?

Schönen Gruß von Charlotte

Liebe Charlotte,
Ihre Frage trifft es auf den Punkt: Wie soll es noch weitergehen, wenn es jetzt schon so ausartet? Sie fühlen sich nach drei Monaten schon unter Druck, weil Sie für Ihre Zeiteinteilung anscheinend dauernd Rechenschaft ablegen müssen und von Ihrem Freund zu hören bekommen, dass Sie "falsch" liegen. Von Falsch kann hier jedoch nicht die Rede sein, nur von zwei verschiedenen Sichtweisen!

Sie haben eine klare Vorstellung von einer Beziehung und wünschen sich ein ausgewogenes Verhältnis von Nähe und Eigenständigkeit. Gerade nachdem Sie viele Jahre für Ihre Kinder verantwortlich waren, genießen Sie es jetzt, auch Ihr eigenes, freies Leben zu führen. Das ist völlig verständlich.
Ihr neuer Freund hingegen scheint ein völlig anderes Modell von Beziehungen zu haben als Sie. Für ihn ist es wichtig, seine Partnerin dauernd in der Nähe zu haben und jederzeit zu wissen, was sie gerade macht. Er braucht Tuchfühlung rund um die Uhr. Anscheinend wird er von starken Verlustängsten geplagt. An seinem regressiven Verhalten - damit meine ich, dass er sich wie ein hilfloses, verlassenes Kind benimmt und vermutlich auch so fühlt, wird ersichtlich, dass er in seiner Kindheit wenig stabile Nähe und Geborgenheit erfahren durfte. Jetzt stülpt er Ihnen seine Wünsche über, obwohl Sie sagen, dass Sie sich das anders vorstellen. Ihr Freund klammert an Ihnen, damit er sich sicher fühlt. Vermutlich hat er sich unbewusst eine so selbstständige Frau wie Sie gesucht, um alte Muster aus der Kindheit zu wiederholen. Und fatalerweise erwirkt er damit genau das Gegenteil, nämlich dass Sie sich von ihm zurück ziehen und dass über kurz oder lang die Beziehung gefährdet wird. Nur eines ist klar: Sie haben damit nichts zu tun und aus Ihrer Schilderung wird deutlich, dass Sie damit auch nichts zu tun haben wollen.

Übrigens gibt es eine Bezeichnung für die Probleme Ihres Freundes: Er weist eine ängstlich-ambivalente Bindungsstörung auf. Wenn Sie Interesse haben, können Sie sich ja in die Thematik einlesen.
Ich rate Ihnen, sich von den Problemen Ihres Freundes abzugrenzen und ihm behutsam, aber bestimmt nahe zu legen, eine Psychotherapie zu machen. Sagen Sie ihm, wie Sie sich fühlen: Nämlich sehr belastet von seinen Anforderungen. Wenn Ihr Freund zu einer Psychotherapie bereit ist, besteht eine Chance, dass Sie Ihre Probleme in den Griff bekommen. Wenn nicht, ist wahrscheinlich das baldige Ende der Beziehung kaum abzuwenden.
Herzliche Grüße
Julia Peirano



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