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Der geheime Code der Liebe Mein Partner hat die Kontrolle über den Alkohol verloren

Liebe Frau Peirano,

ich bin seit zwei Jahren mit meinem Freund zusammen. In letzter Zeit ist mir aufgefallen, dass er wirklich viel Alkohol trinkt. Er hat schon immer viel getrunken, aber im letzten halben oder Dreivierteljahr ist es noch viel mehr geworden. Zum Brunch (an Wochenenden) öffnet er eine Flasche Prosecco, nachmittags trinkt er schon Rotwein, zum Abendessen immer mindestens eine Flasche Wein und so weiter. Wenn er getrunken hat, ist er meistens noch ganz kontrolliert, aber er weiß oft am nächsten Tag nicht mehr, worüber wir gesprochen haben. Ich komme mir dann ziemlich blöd vor. An Freitag- und Samstagabenden geht es ihm immer mehr ums Feiern, er nutzt wirklich jeden Anlass zum Trinken, und wenn ich nicht mitkommen will, geht er mit seinen Freunden aus und kommt meistens spät nachts abgefüllt zurück. Wenn ich auch nur halb so viel trinken würde wie er, könnte ich mich nicht mehr auf den Beinen halten.
Ich habe ihm oft gesagt, dass er zu viel trinkt und mal eine Weile, vielleicht zwei Monate, ganz aufhören soll, aber er hat es abgetan und gesagt, dass das für einen Mann normal ist und dass ihm der Alkohol halt schmeckt. Das Schlimmste ist aber, dass er nicht merkt, wie sehr mich sein Trinkverhalten nervt. Es macht mir auch Sorgen, dass er Alkoholiker wird (oder sogar schon ist?).
Das Schlimmste ist, wenn andere Leute dabei sind. Neulich Abend war mein Bruder mit seinen Kindern bei uns, und obwohl wir Kaffee getrunken haben, hat mein Freund erst Rotwein und im Laufe des Abends auch harte Sachen getrunken. Er wurde sichtlich immer betrunkener und hat dann meinen Bruder wegen einer Lappalie angegriffen (nur verbal, aber es war trotzdem extrem peinlich). Er ist irgendwann ohne ein Wort der Verabschiedung ins Schlafzimmer gegangen und hat laut geschnarcht. Ich wusste überhaupt nicht, was ich machen sollte. Am nächsten Morgen habe ich ihn zur Rede gestellt, und er hat sich zwar entschuldigt und gemeint, dass er einfach schlecht drauf war. Für mich ist das aber keine Entschuldigung. So geht das nicht weiter. Was kann ich machen?
Viele Grüße
Erika

Liebe Erika,

so wie es sich anhört, trügt Ihr Gefühl Sie nicht. Es gibt klare Anzeichen dafür, dass Ihr Freund gerade die Kontrolle über sein Trinkverhalten verliert. Sie haben das klar beschrieben: Er trinkt regelmäßig, auch vormittags und bei Gelegenheiten, in denen alkoholfreie Getränke passender wären (z. B. wenn Ihr Bruder mit seinen Kindern zu Besuch ist und alle anderen Kaffee bzw. Kakao trinken). An Wochenenden zieht es ihn abends zum "Feiern", was für ihn gleichbedeutend mit "sich betrinken" ist. Ein weiteres sehr ungutes Zeichen ist, dass er nicht offen für Ihre Beobachtung ist, dass er zu viel trinkt. Er blockt Ihre Wahrnehmung und Ihre Sorgen ab und verleugnet das Problem. Und obwohl er weiß, dass Ihnen das nicht gefällt, trinkt er weiter - mit oder ohne Sie. Dabei scheint er aus den Augen zu verlieren, wie sehr er damit seine Beziehung zu Ihnen gefährdet.
Ich habe den Eindruck, dass Sie sich ihm gegenüber zur Zeit sehr hilflos fühlen, und das ist keine gute Sache. Leider ist es so, dass Alkoholprobleme nicht nur denjenigen betreffen, der trinkt, sondern auch seine Familie und insbesondere den Partner oder die Partnerin. Man sagt, dass der eine abhängig ist und der Partner co-abhängig. Co-Abhängigkeit kann sich darin äußern, dass die Gedanken des Partners stark um das Trinkproblem kreisen und er sich Gedanken darüber macht, warum der andere trinkt und wie er damit aufhören könnte. Mitunter fühlt sich der Co-Abhängige schuldig, weil der Partner trinkt. Oft wendet der Co-Abhängige große Mühen auf, um das Trinkproblem des Partners gegenüber anderen zu vertuschen oder zu verharmlosen. Und in vielen Fällen übernimmt der Co-Abhängige die gesamte Verantwortung für den Haushalt oder die Kindererziehung, weil der trinkende Partner nicht zuverlässig ist.
Wie auch immer sich die Co-Abhängigkeit im jeweiligen Falle zeigt: Der Co-Abhängige unterstützt seinen Partner fatalerweise beim Trinken. Und der Co-Abhängige kümmert sich nicht mehr um seine eigenen Gefühle, sondern lebt in der Gefühlswelt des anderen, als Reaktion auf dessen Verhalten.
Ich habe in Ihrem Brief beobachtet, dass Sie kaum Persönliches über sich schreiben. Ich habe nichts über Ihr eigenes Leben, Ihre Wünsche oder Ihre Partnerschaft erfahren. Sondern es drehte sich alles um das Trinkverhalten Ihres Partners. Ich befürchte, dass Sie sich im Moment selbst verlieren, weil Sie mit dem Trinkproblem Ihres Partners überfordert sind. Deshalb rate ich Ihnen, sich Unterstützung dabei zu holen, wieder Ihre eigenen Gefühle zu spüren und dementsprechend zu handeln. Ich empfehle Ihnen, in eine Selbsthilfegruppe für die Angehörigen von Alkoholkranken zu gehen und sich dort mit anderen Betroffenen auszutauschen. Dann gewinnen Sie hoffentlich Klarheit darüber, wie Sie das Problem Ihres Freundes einschätzen, wie Sie sich ihm gegenüber verhalten und ob Sie die Beziehung mit ihm fortführen wollen.

Alles Gute für Sie!
Herzliche Grüße
Julia Peirano

Liebe Leserinnen und Leser,

ich bin an dieser Stelle sehr an einem offenen Austausch interessiert und freue mich sehr über Ihre Rückmeldungen, eigene Erfahrungen und gutgemeinte Ratschläge. Doch bitte bleiben Sie dabei stets konstruktiv und respektvoll, sowohl dem Ratsuchenden, anderen Leserinnen und Lesern als auch mir gegenüber. Denken Sie bitte daran, dass sich hier eine Person mit ihren Problemen offenbart und dass so etwas nur in einem geschützten Raum gelingen kann. Deshalb sind gehässige und abwertende Kommentare ausdrücklich nicht erwünscht.
Herzliche Grüße
Julia Peirano



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