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Der geheime Code der Liebe Mein Partner vernachlässigt mich. Soll ich bleiben, soll ich gehen?

Sehr geehrte Frau Peirano,

ich bin 35 Jahre alt und seit über 18 Jahren verheiratet, wir haben eine 9jährige Tochter.

Ich habe ein großes Problem. Mein Mann hatte vor gut 2 Jahren eine heimliche Affäre. Schon davor habe ich immer wieder versucht mit ihm zu reden, ihm klar zu machen, dass bei uns irgendwas schief läuft. Und dass wir schauen müssen, was wir daran ändern können. Sex war in dieser Zeit für meinen Mann ein Fremdwort. Entweder hatte er keine Lust oder war müde. Ständig gab es andere Ausreden. Dann kam die Zeit, in der er mehr Freiraum haben wollte. Jeder sollte mehr Zeit für sich haben. Nach Umarmungen und Küssen wollte er gefragt werden. "Ich liebe dich" war von ihm nicht mehr zu hören, er wollte es nicht mehr sagen, nur weil es sich so gehörte. Den Freiraum habe ihm dann gegeben, in der Hoffnung, dass es für uns besser werden würde. Er begann, intensiv ins Fitnessstudio zu gehen (5-7x die Woche), machte "Überstunden" und verabredete sich öfter (angeblich mit einem Freund, den er wieder getroffen hatte). Ich fühlte mich immer mehr allein gelassen, fragte, ob er nicht etwas weniger zum Sport gehen könnte und ob so viele Überstunden notwendig seien. Die Zeit für mich war sehr schlimm. Ich fühlte mich machtlos. Eines Abends wollte er dann ausgehen, ohne bestimmtes Ziel, "Mal sehen, wen ich so treffe". Als er nach Hause kam, roch ich das Parfüm schon von Weitem. Es gab einen großen Streit. Am nächsten Tag gab er die Affäre dann endlich zu. Eine Nacht verbrachte ich dann bei meinen Schwiegereltern. Nachdem wir abends noch telefonierten, trafen wir uns dann am nächsten Morgen zum Gespräch. Er weinte, entschuldigte sich und wir sprachen darüber, warum alles so gekommen ist. Für ihn war der Druck auf der Arbeit groß, der Druck zu Hause noch mehr. Ich sagte meinem Mann, dass er sich nun entscheiden müsse. Er sagte, dass er sich für seine Familie entscheiden würde. Danach verfiel er, auch durch die Arbeit bedingt, in Depressionen mit Suizidgedanken. Er verurteilte sich für das, was er getan hatte. Ich wollte stark sein und habe versucht ihn zu unterstützen. Bevor er dann eine Woche in die Psychiatrie ging, traf er sich ein letztes Mal mit der anderen Frau, um die Affäre zu beenden. Im Nachhinein habe ich erfahren, dass er noch ca. 3 Wochen telefonischen Kontakt mit ihr hatte. Wir meldeten uns bei der Diakonie zur Paarberatung an. Nach 4 Sitzungen brach mein Mann alles ab, weil es sowieso nichts bringen würde. Auch seine ambulante Einzeltherapie.

Nun versuche ich seitdem alles um unsere Ehe zu retten. Anfangs machte mein Mann noch Versprechungen, die er sowieso nie einhielt, mittlerweile will er mir auch gar nichts mehr versprechen, weil er es auch nicht einhalten würde. Eine sogenannte "Wiedergutmachung" hat es nie gegeben. Er unternimmt nicht mal den Versuch, Kompromisse einzugehen oder irgendwas an seinem Verhalten zu verändern. Manchmal ist er lieb und zärtlich, nur hält das leider nie lange an. Ich habe das Gefühl mit meinen Sorgen und Problemen immer allein dastehen zu müssen. Er entscheidet Dinge einfach über meinen Kopf hinweg ohne vorher mal ein vernünftiges Gespräch zu führen. Er zieht sein Ding quasi alleine durch. Er sagt jedes Mal, er würde mich lieben und er wolle mit mir zusammen bleiben, aber mittlerweile ist es schwer zu glauben. Immer habe ich das Gefühl, dass er sowieso lieber gehen möchte. Vernünftige Kommunikation ist schwer geworden. Ich hätte mir gewünscht, dass er sich ein bisschen mehr Mühe gibt, mir zu zeigen, dass ich die Frau bin, die er will.

Nachdem ich ihm jetzt vorgeschlagen habe, dass wir eine professionelle Paartherapie machen könnten, meinte er nur "Das kostet alles Geld", und er könnte das nicht so einfach entscheiden.

Ich liebe meinen Mann wirklich sehr, aber ist es jetzt an der Zeit sich zu trennen? Ich fühle mich leer und ratlos.

Mit freundlichen Grüßen
Lena S.

Liebe Lena S.,
Ihre Geschichte ist traurig und erinnert mich stark an eine Frau, die in einer sehr ähnlichen Situation war. In Hypnose bat ich sie, sich ein Tier vorzustellen, dem es genau so (oder sogar noch schlechter geht) wie ihr selbst. Und plötzlich erschien dieses Bild, wie eine Mäusemutter mit zwei kleinen Mäusekindern ganz schutzlos in einer felsigen Wand in den Bergen zusammengekauert war und zitterte. Weit und breit war kein Mäuserich zu sehen. Sie war ganz alleine. Dieses Bild traf die Situation sehr genau, und das war berührend und zugleich erschütternd.
Ich habe den Eindruck, dass auch in Ihrem Leben seit längerer Zeit kein Partner mehr ist. Das Verhalten Ihres Mannes legt nahe, dass er innerlich schon längst gegangen ist, auch wenn er die Trennung äußerlich nicht vollzogen hat. Da war zuerst eine lange Zeit, in der Ihre Beziehung nicht rund lief und er sich vor Ihren Versuchen verschlossen hat, darüber zu sprechen. Partnerschaftlich wäre es gewesen, Ihnen zu erzählen, dass er sich zu Hause und bei der Arbeit unter Druck gesetzt fühlt und zu versuchen, das zu verändern, bevor er sich anderweitig orientiert. Ihr Mann hat aber eine Mauer zu Ihnen aufgebaut und hinter dem Schutz dieser Mauer eine Affäre mit einer anderen Frau begonnen. Auch wenn es nicht mehr um diese Frau geht, lag dennoch eine Entscheidung über die Zukunft an. Ihr Mann hat sich, so wie es klingt, nicht entschieden. Er ist nicht innerlich, aber auch nicht in seiner Rolle als Ehemann und Vater, zu Ihnen zurück gekehrt. Kurzum: Ihr Mann kann nicht 'Nein' zu Ihnen sagen, aber er kann auch nicht 'Ja' zu Ihnen sagen. Und das bekommen Sie täglich zu spüren. Wäre er in einer Partnerschaft mit Ihnen, würde das heißen: Ich gehe Kompromisse ein, ich kümmere mich um meine Partnerin, ich komme ins Gespräch, wenn etwas nicht rund läuft.
Ihr Mann tut, so wie sie es schildern, wenig für die Beziehung. Er ist anscheinend sehr unzufrieden und hat sich in seinen eigenen Gefühlen verirrt. Das kann passieren, ist aber ein Anlass, Verantwortung zu übernehmen und herauszufinden, was man selbst möchte, und auch dem Partner möglichst bald wieder sagen zu können, wie es um die Beziehung und die gemeinsame Zukunft bestellt ist. Ihr Mann verhält sich nicht so, als wenn die Beziehung mit Ihnen für ihn kostbar ist. Und darunter leiden Sie. Sie schreiben, dass Sie sich leer und ratlos fühlen. Das kann ich gut nachfühlen! Ihre vielen Versuche, die Ehe zu retten, sind gescheitert. Und so paradox es klingt: Wahrscheinlich bemüht Ihr Mann sich um so weniger, je mehr Sie sich bemühen. Bei Menschen mit Depressionen geschieht das häufig, dass Sie sich die vielen Vorschläge und Angebote Ihrer Angehörigen anhören und dann nur sagen: Dies geht nicht, und jenes geht nicht. Das macht die Angehörigen sehr ohnmächtig, und oft auch (insgeheim) sehr wütend. Am Ende werden Sie selbst mutlos und wissen nicht mehr weiter. Und genau da befinden Sie sich jetzt. Jetzt haben Sie eigentlich nur noch zwei Möglichkeiten: Entweder Sie sitzen das aus und hoffen darauf, dass sich die Situation über die Zeit von allein bessert (was gelegentlich in Beziehungen passiert) oder Sie freunden sich mit dem Gedanken an, in nächster Zeit einen Schlussstrich zu ziehen. Natürlich kann ich Ihnen diese wichtige Entscheidung nicht abnehmen. Aber vielleicht helfen Ihnen die folgenden Fragen:
-Welche körperlichen und seelischen Symptome haben Sie in dieser Situation? Haben Sie Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, sind Sie dauernd verspannt oder fühlen Sie sich depressiv?
-Sind Sie mit der seelischen Belastung , die Sie haben, noch gut in der Lage, für Ihre Tochter zu sorgen?
-Wie geht es Ihrer Tochter in der Situation? Leidet sie unter den Spannungen zwischen Ihnen und Ihrem Mann? Was wäre in ihrem Interesse das Beste?
-Wie stellen Sie sich ein Leben ohne Ihren Mann vor: Könnten Sie gut alleine leben? Haben Sie eine Ersatzfamilie, z.B. Ihre Eltern in der Nähe oder Geschwister, sehr vertraute Freundinnen? Wie würde Sie die Wochenenden verbringen, wie die Ferien? Würde eine Trennung Sie eher einsam werden lassen oder geselliger? Und ganz wichtig: Kommen Sie finanziell zurecht?
-Haben Sie mit Ihrem Mann schon einmal über eine Trennung gesprochen - und wenn ja: Was ist dabei heraus gekommen? Würden Ihr Mann und Sie als getrennte Eltern vermutlich gut kooperieren oder gäbe es einen kompletten Kontaktabbruch (auch zur Tochter) bzw. erbitterten Krieg?
-Was lieben Sie an Ihrem Mann noch? Was hat Sie bisher davon abgehalten, sich zu trennen? Und was würde Ihnen an Ihrem Mann fehlen, wenn Sie ihn nicht mehr in Ihrem Leben hätten?
-Ich würde Ihnen empfehlen, eine Trennung zuerst einmal gedanklich durchzuspielen und dabei ganz genau darauf zu achten, wie Sie sich dabei fühlen. Wären Sie erleichtert, wenn Sie nicht mehr um Ihre Beziehung kämpfen müssten? Haben Sie große Angst- wovor genau?
Ich empfehle Ihnen, sich bei diesem wichtigen Schritt professionelle Begleitung zu suchen.

Alles Gute für Sie
Herzliche Grüße

Julia Peirano

Liebe Leserinnen und Leser,
ich bin an diesem Blog sehr an einem offenen und vertrauensvollen Austausch interessiert. Ich (und andere Leser) freuen sich, wenn Sie eigene Erfahrungen, gutgemeinte Ratschläge und Ihre Gefühle zu der Fragestellung teilen. Aber bitte: Denken Sie daran, dass sich hier ein Mensch mit einem Problem offenbart und einen geschützten Raum braucht.
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Gehässige und entwertende Kommentare sind ausdrücklich nicht erwünscht.
Herzliche Grüße
Julia Peirano


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