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Der geheime Code der Liebe : Meine Frau ist nur noch erschöpft

Liebe Frau Peirano,
meine Frau und ich haben uns immer gut verstanden. Doch seit zwei Jahren arbeitet sie in einem neuen Job. Dort läuft einiges drunter und drüber, es gibt viel zu wenige Mitarbeiter für die ganze Arbeit, und meine Frau arbeitet und arbeitet. Wenn sie nach Hause kommt, möchte sie nicht mehr reden, sondern legt sich ins Bett und schläft meistens auch schon gegen 21 Uhr ein. Am Wochenende kann man auch nichts mehr mit ihr anfangen. Wir erledigen den Haushalt zusammen, gehen, wenn es hoch kommt, noch mal spazieren, und dann legt sie sich aufs Sofa und sieht das ganze Wochenende fern. Wenn wir ins Gespräch kommen, dreht sich alles um ihre Arbeit. Um ehrlich zu sein, bin ich es leid, mir das alles noch anzuhören. Ich habe ihr schon oft gesagt, dass sie sich einen anderen Job suchen muss, und dann sagt sie, dass ich Recht habe. Aber sie macht weiter wie vorher.
Ich habe alles ausgeschöpft und weiß nicht mehr weiter. Haben Sie einen Rat für mich?
Viele Grüße
Henning B.

Lieber Henning B.,
Sie schildern einen Zustand, der immer mehr Menschen betrifft. In vielen psychotherapeutischen Praxen klagen Patienten über dauernde Erschöpfung, Kraftlosigkeit, Grübeln und Überlastung.
Meistens sind die Ursachen sehr ähnlich: Die Firmen sparen Personal ein, und die übrig gebliebenen Mitarbeiter arbeiten für mehrere. Wer gewissenhaft und ehrgeizig ist, gerät dann über kurz oder lang wie der sprichwörtliche Hamster im Laufrad in einen Überlastungszustand. Der Betroffene konzentriert sich nur noch auf die Arbeit und blendet eigene Belastungsgrenzen aus. Auf Dauer braucht der tägliche Kampf im Büro die Energiereserven auf, und in der Freizeit sind die Betroffenen dann ständig erschöpft und ausgebrannt, so wie Ihre Frau.
Das Problem ist, dass Ihre Frau sich im Moment noch im Kampfmodus befindet und alles dafür tut, um beruflich im Sattel zu bleiben. Sie spürt nicht, wie schlecht es ihr geht. Durch den Kampfmodus bleiben die notwendigen Regenerationsphasen auf der Strecke, die einem selbst wieder Kraft geben. Zum Beispiel durch ein erfülltes Wochenende, Sport, Spaß mit dem Partner und Abstand. Auf Dauer gerät man durch diesen Raubbau in einen ausgebrannten Zustand: Konzentrationsstörungen, Lustlosigkeit, Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen, Verspannungen und viele weitere Symptome sind die Folge. In vielen Fällen ist der Betroffene monate- oder sogar jahrelang nicht mehr arbeitsfähig.
Sie- als sorgender Mann, sehen, wie schlecht es Ihrer Frau geht, und dass von ihr als Persönlichkeit nur noch ein Schatten übrig ist. Leider hört Ihre Frau nicht auf Sie, sondern ackert weiter. Dabei haben Sie mit Ihren Sorgen sicher Recht und Ihre Frau bräuchte Ferien, eine Kur oder eine längere Krankschreibung, um sich selbst langsam wieder zu spüren und diesen ungünstigen Verlauf zu stoppen.
Was können Sie tun? Ich würde Ihnen raten, noch deutlicher zu werden und Ihrer Frau zu sagen, was Sie an ihr gerade beobachten. Sie können Ihr auch mitteilen, wie es Ihnen gerade in der Situation geht- wie unzufrieden und allein gelassen Sie sich fühlen und dass Sie gerade keine Partnerin an Ihrer Seite haben. Wenn es der Wahrheit entspricht, können Sie auch sagen, dass Sie das so nicht mehr lange mitmachen.
Eventuell hilft es auch, wenn Sie Ihrer Frau Literatur über Burn-Out zum Lesen geben. In vielen Artikeln finden sich Tests zum Ausfüllen, die ermitteln, wie weit man selbst davon betroffen ist. Das kann in vielen Fällen ein Aha-Erlebnis geben.
Und ganz wichtig: Kümmern Sie sich gut um sich selbst! Gehen Sie am Wochenende raus, auch ohne Ihre Frau, und machen Sie das, was Ihnen gut tut. Denn die Kraftlosigkeit und Erschöpfung eines ausgelaugten Partners färben auch auf einen selbst ab, und um das zu kompensieren, ist es wichtig, dass Sie selbst sich gut tun.
Ich wünsche Ihnen alles Gute!
Herzliche Grüße
Julia Peirano

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  • Julia Peirano
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