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Der geheime Code der Liebe : Meine Patchwork-Kinder tanzen mir auf der Nase herum

Hallo Frau Dr.Peirano,

ich befinde mich in einer Situation, die im Moment nicht ganz leicht ist. Ich habe einen Mann mit drei Kindern geheiratet. ( 2 Söhne, 21 und 19 Jahre alt und eine 13-jährige Tochter). Der älteste Sohn lebt schon alleine, der 19-jährige mit uns und die Tochter bei ihrer Mutter.

Ich hab immer öfter Ärger mit meinem Mann, weil sein Sohn der mit uns lebt, mich überhaupt nicht erst nimmt. Er macht grundsätzlich nicht das, worum ich ihn bitte und lebt wie im Hotel Mama. Wenn seine Tochter am Wochenende oder in den Ferien zu uns kommt, entsteht bei den beiden Kindern ein Bündnis und ich weiß, dass sie über mich lästern. Mein Mann sagt immer: Das sind Blagen, lass sie doch, die mögen dich. Er ist relativ blauäugig und verharmlost immer alles. Seine Tochter ist jetzt auch in der Pubertät und zickt ständig rum, wenn sie zu Besuch ist. Manchmal redet sie einen Tag nicht mit uns wenn ihr etwas nicht passt. Normalerweise kommt sie 1 x im Monat zu uns, zieht aber vielleicht bald wieder in unsere Gegend und dann würde sie alle 2 Wochen kommen. Das halte ich nicht aus!

Seit ein paar Monaten haben wir ein gemeinsames Kind. Mit ist klar, das sich erstmal alle auf diese neue Situation einstellen müssen, aber für mich ist das auch total schwer, mich in die neue Rolle als Mutter einzufinden und dann auch noch die Kinder von meinem Mann zu betreuen. Nächstes Jahr wollten wir mit unserer kleinen Tochter in den Sommerurlaub, und mein Mann möchte, dass seine andere Tochter mitkommt. Ich kann verstehen, dass er immer zwischen zwei Stühlen steht, aber ich ärgere mich, dass er mich nicht gefragt hat. Ehrlich gesagt habe ich keinen Bock auf das Gezicke im Urlaub.
Am Liebsten hätte ich, dass sein 19-jähriger Sohn auszieht. Er hat ein Einkommen von ungefähr 700-800€, ich hab jetzt durchgesetzt das er monatlich 100€ an uns bezahlt. Das gab erst einmal einen Riesenaufstand.
Das Problem ist, dass ich mich manchmal hilflos und ohnmächtig fühle, wenn alle seine Kinder kommen. Es fühlt sich so an, als ob ich teilweise keine Kontrolle darüber hätte, was in meiner Wohnung/meinem Leben stattfindet.

Mein Mann macht es sich sehr einfach und entzieht sich aus der Verantwortung. Wenn ich mal sage, wie es laufen soll, sagt er immer nur: Schatz, ich kann es nicht mehr ändern, das war schon immer so. Er hat ein schlechtes Gewissen gegenüber seinen Kindern und kann nicht streng mit Ihnen sein.

Danke im Voraus fürs Lesen und Antworten
Celine B.

Liebe Celine B.,
es hört sich für mich so an, als würde Ihnen das Leben mit den Kindern ihres Mannes gehörig über den Kopf wachsen. Wie ist diese Situation denn überhaupt entstanden? Mochten Sie seine Kinder, als Sie sie kennengelernt haben? Konnten Sie sich damals vorstellen, mit ihnen zusammen zu leben und täglich für sie da zu sein, wie Sie es ja jetzt für den 19-jährigen Sohn sind? Oder hatten Sie Bedenken? Hatten Sie die Möglichkeit, mit zu entscheiden, welche Kinder bei Ihrem Mann leben und welche bei der Mutter? Wahrscheinlich nicht.
Sie hatten nur die Wahl, die Situation so anzunehmen, wie sie ist- den Mann mit den Kindern- oder es zu lassen. Und Sie haben sich für den Mann und die Kinder entschieden. Und das bedeutet auch, dass es so etwas wie "Ihre Wohnung" und "Ihr Leben" nicht mehr wirklich gibt. Sie leben jetzt in einer Familie, die allerdings nicht wirklich zusammen passt.
Ich höre von Ihnen, dass Sie die Kinder Ihres Mannes als Störung empfinden: Das Gezicke der Tochter, die Widerworte des 19-jährigen, das Geläster der beiden- all das geht Ihnen gehörig auf den Geist. Sie fühlen sich ohnmächtig und benutzt und versuchen, Spielregeln aufzustellen und den Kontakt zu den Kindern nach Möglichkeit zu begrenzen. Die Kinder spüren das wiederum, und fühlen sich bei Ihnen und ihrem Vater nicht mehr wirklich willkommen- das verschärft die Situation. Auch zwischen Ihrem Mann und Ihnen gibt es immer mehr Reibereien: Er gefällt sich in der Rolle des netten Vaters, der alles einfach laufen lässt, und je mehr er das macht, desto mehr kommen Sie in die Rolle der strengen Stiefmutter. Sie gefallen sich selbst in der Rolle nicht und fühlen sich ohnmächtig- und aus der Ohnmacht heraus kämpfen Sie gegen die anderen und es führt zu noch stärkeren Konflikten.
Ich würde Ihnen empfehlen, einen anderen Ansatz zu versuchen. Ich kann verstehen, dass es schwierig ist, mit Kindern zusammen zu leben, die nicht die eigenen sind. Ob das gelingt, hängt meiner Erfahrung nach stark damit zusammen, ob die "Chemie" auch mit den Kindern stimmt und man sie gerne mag. Das kann man selbst nicht so stark willentlich beeinflussen. Aber es wäre einen ernst gemeinten Versuch wert, da es sehr wichtig ist, dass Sie sich mit den Kindern Ihres Mannes gut verstehen. Zeigen Sie den Kindern, dass sie willkommen sind. Unterhalten Sie sich mehr mit ihnen, binden sie seine Tochter vielleicht mit bei der Betreuung Ihrer Tochter mit ein, gehen Sie mal alleine mit ihr ins Kino oder shoppen. Zeigen Sie dem 19jährigen zwar klare Grenzen auf, aber versuchen Sie, herauszufinden, was ihn interessiert. Sprechen Sie mit Ihrem Mann unter vier Augen über Spielregeln, die in der Familie wichtig sind (Mithelfen, Sauberkeit, Ton) und bitten Sie ihn darum, dass er den Kindern die wichtigen Ansagen macht- dann müssen Sie es nicht selbst machen. Möglicherweise kommt Ihr Mann Ihnen entgegen, wenn er merkt, dass Sie sich stärker um seine Kinder bemühen.
Ich sehe in diesem Ansatz den einzigen Weg, um die nächsten Jahre zusammen gut zu überstehen. Wenn Sie merken, dass Sie sich nicht um die Kinder bemühen möchten oder können, wäre es eventuell besser, Sie würden sich eine eigene Wohnung suchen.
Alles Gute für Sie
Julia Peirano

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Julia Peirano

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