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Der geheime Code der Liebe : Meine Schwiegermutter stört unsere Ehe mit Ihrem Gezicke

Sehr geehrte Frau Peirano,
meine Schwiegermutter stört unsere Ehe immer wieder. Schon als meine Frau und ich uns vor 6 Jahren kennen gelernt haben und Sie mich Ihrer Mutter vorgestellt hat (was ein angenehmes erstes Treffen war), gab es ein paar Tage später ein Drama. Die Mutter meiner Frau schrie meine Frau an, dass sie sich nicht genug um sie kümmern würde und dass sie erwarte, immer im Mittelpunkt ihres Lebens zu stehen. Meine Frau war von dieser Ansage wochenlang völlig fertig.
Immer wieder wirft meine Schwiegermutter meiner Frau vor, dass sie eine schlechte Tochter und schlechte Mutter ist (wir haben eine dreijährige Tochter). Sie kritisiert und macht meine Frau schlecht, obwohl meine Frau sich extrem um ihre Mutter bemüht.
Ich weiß gar nicht mehr, wie ich meiner Frau noch helfen kann. Manchmal nerven mich aber auch die ewigen Dramen mit meiner Schwiegermutter, das muss ich zugeben. Ich selbst halte mich aus diesen Geschichten raus, dass heißt, ich bin höflich, aber distanziert zu meiner Schwiegermutter. Aber meine Frau leidet extrem, und damit auch unsere Ehe. Ihre Stimmung wird immer wieder von der Mutter ruiniert, von gehässigen Kommentaren, Druck, Forderungen und Kritik. Immer muss sich alles um meine Schwiegermutter drehen, und wenn nicht alles nach ihrer Nase läuft, verhält sie sich wie ein bockiges Kleinkind.
Ich habe das meiner Frau schon oft erklärt, aber mittlerweile bin ich mit meinem Latein am Ende. Ich würde gerne weit wegziehen, damit Frieden ist, aber wir können wegen unserer Berufe nicht wechseln.
Was raten Sie mir?
Liebe Grüße
Frederic B.

Lieber Frederic B.,
ich kenne Ihre Schwiegermutter nicht persönlich, aber aus den Schilderungen hört es mich so an, als wenn das Leben in ihrer Nähe extrem anstrengend und nervenaufreibend ist. Es klingt nicht gesund, was Ihre Schwiegermutter macht. Ihr Verhalten hört sich so an, als wenn sie unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leidet. Natürlich kann ich nur nach einem Brief keine Diagnose stellen, aber als sogenannte Verdachtsdiagnose, die mit Vorsicht zu behandeln ist, könnte es gut sein.
Narzisstische Mütter fordern, dass sich alles um sie selbst dreht. Sie können sehr entwertend sein und bestrafen Ihre Angehörigen mit Missachtung, Schmollen und Liebesentzug, wenn Ihre Erwartungen nicht erfüllt werden. Oft rechnen sie zu ihren eigenen Gunsten auf, was sie für andere getan haben und entwerten das, was sie dafür zurück bekommen haben. Sie zeichnen sich durch wenig Mitgefühl aus und können ihren Kindern keine bedingungslose Liebe entgegen bringen. Es gibt noch eine Reihe weiterer Symptome, die sich von Person zu Person unterscheiden können. Einige narzisstische Mütter fordern immer Höchstleistungen von ihren Kindern, andere reagieren auf Frustrationen mit psychosomatischen Beschwerden, um ihren Willen durchzusetzen.
Um sich selbst mit diesem Thema zu beschäftigen, empfehle ich Ihnen folgende Literatur: Die Internetseite: www.narzissmus.org informiert sehr verständlich auf deutsch. Karyl McBride hat ein hervorragendes Buch geschrieben: Will I ever be good enough". Leider ist es nur auf englisch erschienen, aber in Deutschland erhältlich.
Die Töchter narzisstischer Mütter leiden oft unter dem Gefühl, nicht gut genug zu sein. Sie haben Schuldgefühle, wenn sie die Erwartungen der Mutter nicht erfüllen. In der Regel sind sie von ihren Müttern co-abhängig, das heißt, sie bemühen sich, besonders perfekt zu sein, um die Mutter zufrieden zu stellen. Nur die Bemühungen der Töchter sind nie von Erfolg gekrönt, sondern die Beziehungen zu der Mutter sind von hoher Anpassung bis hin zur Selbstaufgabe geprägt.
Meistens spielt die narzisstische Mutter im Leben der Tochter eine sehr zentrale Rolle, und die Tochter dreht sich um die Mutter und stellt eigene Bedürfnisse zurück.
Für Sie und Ihre Familie bedeutet es, dass Ihre Frau noch sehr viel Energie aufwendet, um die problematische Beziehung mit ihrer Mutter unter Kontrolle zu halten. Sie ist psychologisch noch eng mit ihrer Mutter verbunden und kann sich nicht ausreichend von ihr abgrenzen.
Dass dies Ihr Familienleben und Ihre Ehe belastet, ist nur zu gut verständlich! Denn letztendlich drehen auch Sie und Ihre Frau sich etwas mit um die Mutter, und wer will das schon? Ich kann Ihren Wunsch, in weite Ferne zu ziehen, gut verstehen! Wenn Ihre Frau dazu bereit ist, gäbe es jetzt wichtige psychologische Arbeit zu erledigen (die wird in dem oben geschilderten Buch von Karyl McBride detailliert beschrieben):
-In einem ersten Schritt ginge es darum, die Störung der Mutter klar zu erkennen und sich intensiv mit der Diagnose und den Auswirkungen auf das Familiensystem ihrer Ursprungsfamilie zu beschäftigen
-In einem zweiten Schritt geht es darum, die eigenen Gefühle zu erleben, die im Zusammenhang mit der Mutter standen und stehen: z.B. Trauer darüber, sich immer anstrengen zu müssen, Wut auf die Mutter, Selbstzweifel
-In einem dritten Schritt würde man der Mutter gegenüber gesunde Grenzen ziehen, sich psychologisch von ihr so weit abzugrenzen, wie es gut tut. Ihre Frau würde lernen, ihre eigenen Bedürfnisse zu erfüllen, sich mehr auf ihr eigenes Leben zu konzentrieren und ihr Selbstwertgefühl zu verbessern.
Diese Arbeit ist sehr wichtig, damit die narzisstischen Verhaltensweisen nicht von einer Generation auf die nächste übertragen werden, sondern unterbrochen werden können. Das ist im Hinblick auf Ihre Tochter und Ihre Ehe außerordentlich wichtig!
Ich hoffe, dass diese Schilderung Ihnen Anregung gibt, herauszufinden, ob Ihre Schwiegermutter wirklich eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hat. Das ist aus meiner Sicht ein ganz wichtiger Schritt, um sich aus den unguten Verhaltensmustern befreien zu können. Aber die Arbeit können nicht Sie erledigen, sondern Ihre Frau. Und sie weiß selbst am besten, wann die Zeit dafür reif ist. Insofern rate ich Ihnen, sie zu informieren, aber sie nicht zu drängen.
Mit freundlichen Grüßen
Julia Peirano

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Julia Peirano

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