Der geheime Code der Liebe Meint er es ernst genug mit mir?


Liebe Frau Dr. Peirano,

seit fast zwei Jahren bin ich mit meinem Freund zusammen. Wir haben uns auf einer Party kennen gelernt, und ich fand ihn von Anfang an toll. Er ist sehr charmant, intelligent und sieht gut aus. Er hat mir auch schon oft bei beruflichen Problemen oder Ärger mit meinen Eltern aufmerksam zugehört. Im ersten Jahr blieb unsere Beziehung sehr unbeständig und unverbindlich. Mal liefen wir uns wie zufällig über den Weg, mal verabredeten wir uns. Er übernachtete ein paarmal bei mir und verbrachte manchmal sogar das Wochenende mit mir, dann sah ich ihn wieder wochenlang nicht. Wenn ich gerade dachte, dass wir jetzt zusammen sind, war er wieder wochenlang auf Reisen und meldete sich nicht, dann sahen wir uns doch wieder, und er freute sich sehr, mich zu sehen. Mich hat das sehr nervös gemacht, dass ich ihn nicht einschätzen konnte. Denn manchmal haben wir uns mehrmals pro Tag SMS geschrieben, dann wieder antwortete er nicht auf meine SMS. Ich habe mich absichtlich zurück gehalten, weil ich ihm keine Schwäche zeigen wollte. Ich hatte auch Angst, dass er den Kontakt mit mir abbricht, wenn ich Forderungen stelle. Mittlerweile hat sich das alles gegeben. Wir sehen uns seit einem Jahr regelmäßig und verbringen auch die meisten Wochenenden miteinander. Allerdings denke ich oft darüber nach, dass er mir nie gesagt hat, dass er mich liebt oder dass er in mich verliebt ist. Ich sage ihm auch nicht, dass ich in ihn verliebt bin, weil ich Angst habe, dass ihn das abschreckt. Meine Freundinnen raten mir, sehr vorsichtig zu sein oder mich zu trennen. Ich sehe aber die Fortschritte in unserer Beziehung und hoffe, dass es mit der Zeit noch enger wird oder zumindest so bleibt. Was mich aber wirklich stört, ist, dass wir nicht streiten können. Wenn ihn etwas stört – und das können Kleinigkeiten sein- dann rastet er erst einmal aus, beschimpft mich als „blöd“ und sieht nur seinen Standpunkt. Etwas später versucht er dann, besonders nett zu mir zu sein, aber ich fühle mich wie versteinert und kann nicht einlenken. Ich tue dann so, als ob nichts gewesen sei und mache äußerlich weiter wie bisher. Innerlich fühle ich mich davon aber sehr verunsichert. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mir eine ehrliche Einschätzung der Situation geben.

Vielen Dank und herzliche Grüße

Mia S.

Liebe Mia S.,

es klingt so, als wenn Sie doch erheblich mehr unter der Situation leiden, als Sie es sich anmerken lassen. Ich habe durch Ihre Schilderung den Eindruck gewonnen, dass es Ihnen sehr schwer fällt, Ihre Gefühle (vor allem negative Gefühle wie Ärger) zu zeigen. Das fiel mir sehr stark auf, als Sie vom ersten Jahr mit Ihrem Freund geschrieben haben: Sie hatten, wie es klingt, starke Gefühle für ihn und schwankten zwischen Sehnsucht, Hoffnung und Verletztheit, wenn er sich wieder mal nicht gemeldet hatte. Das muss Sie sehr viel Kraft gekostet haben! Denn eigentlich passierte in diesem ersten Jahr das genaue Gegenteil von dem, was Sie sich eigentlich gewünscht haben: Sie wollten Nähe und Verlässlichkeit, er hingegen zeigte sich unverbindlich und spielte Katz und Maus mit Ihnen.

Mich interessiert vor allem, was in Ihnen Sie dazu bewogen hat, dies stillschweigend zu dulden. Was genau hat Sie davon abgehalten, ihm zu sagen, dass es Sie nervös macht, wenn er tagelang nicht auf Ihre SMS antwortet? Was hat Sie angetrieben, ihn immer weiter zu machen, obwohl Sie anscheinend gelitten haben? Was hat Sie daran gehindert, ihm Ihre Gefühle für ihn zu offenbaren und ihn nach seinen Gefühlen für Sie zu fragen?

Ich bin sicher, dass Sie etwas sehr Wichtiges über sich selbst heraus finden, wenn Sie sich diese Seite in sich selbst angucken, die das alles hat mit sich machen lassen, ohne etwas zu sagen. War es die Angst, alleine zu sein oder möglicherweise niemanden anders zu finden? Fällt es Ihnen grundsätzlich schwer, für sich selbst einzutreten und zu sagen, was Sie wollen? Haben Sie das Gefühl, immer nach den Spielregeln anderer spielen zu müssen, damit Sie gemocht werden?

Ihre Freundinnen haben Ihnen nahe gelegt, diesen Mann aufzugeben. Warum haben Sie immer weiter Hoffnungen in ihn gesetzt, obwohl er Sie offensichtlich nicht umworben oder erobert hat und Ihnen bis heute seine Gefühle nicht zeigt?

Es mag altmodisch klingen, aber meine Erfahrung ist die, dass Männer insbesondere am Anfang eine Frau, die ihnen gefällt, jagen und erobern wollen. Doch es ist in der Tat auch heute noch ein sehr gutes Zeichen, wenn ein Mann sich wirklich um seine Auserwählte bemüht und dabei am Ball bleibt, indem er sich schöne gemeinsame Unternehmungen einfallen lässt, ihr seine Hilfe anbietet, charmante SMS schreibt und auch regelmäßig anruft. Ich frage mich, was Sie dazu bewogen hat, so lange auf einen Mann zu setzen, der so offensichtlich nicht um Sie geworben hat. Leider besteht dieses ungünstige Muster auch heute: Ihr Partner meldet sich, wann und wie es ihm gefällt und lässt sich nur so tief (oder auch gerade nicht) ein, wie es ihm passt. Sie geben sich auch heute noch mit dem wenigen zufrieden, was Sie bekommen. Ihr Partner verbringt zwar mittlerweile mehr Zeit mit Ihnen, aber er hat sich immer noch nicht verbindlich zu Ihnen bekannt, indem er Ihnen sagt, dass er Sie liebt oder Ihnen versichert, dass Sie beide zusammen sind. Es klingt für mich so, als wenn er sich ständig ein Hintertürchen aufhält.

Das Fatale an Ihrer Beziehung ist, dass sie beide nicht das Gefühl haben, einander zu vertrauen und sich gegenseitig nicht Ihre Gefühle anvertrauen können. Somit halten Sie und Ihr Freund etwas sehr Wesentliches voreinander verborgen, nämlich genau das, was eine Beziehung eigentlich ausmachen sollte: Ihre Gefühle füreinander. Und da der eine „mauert“ und sich nicht offenbart, macht der andere in der Regel auch dicht, weil er sich nicht alleine entblößen will. Es liegt auf der Hand, dass Sie in einer solchen Beziehung, in der das Vertrauen und die starke Bindung zueinander fehlen, sich auf Dauer immer unsicher und allein gelassen fühlen. Das merken Sie ja auch jetzt, wenn Ihr Freund Sie scharf kritisiert und sich Ihnen gegenüber respektlos verhält und Sie ihm nicht sagen können: „Bitte rede nicht so respektlos mit mir, das verletzt mich.“

Wenn Sie und Ihr Freund eine wirkliche Chance miteinander haben wollen, wäre es wichtig, dass Sie über Ihre Gefühle zueinander sprechen. Ich bin mir nicht sicher, ob Ihr Freund sich darauf einlassen wird, weil er ja genau das die ganze Zeit vermieden hat. Aber vielleicht können Sie selbst einen Anfang wagen und ihm Fragen stellen, die Sie die ganze Zeit stellen wollten (Vor allem: „Was bedeute ich Dir eigentlich? Wie siehst Du unsere Beziehung?“).

Das wird sicher ein recht langer, steiniger, aber auch spannender Weg, der Sie selbst in eine aktivere Rolle in der Beziehung bringt. Versuchen Sie es! Und wenn Ihr Partner nicht dazu bereit ist, offen zu Ihnen zu sein, wäre es an der Zeit, sich zu fragen, ob Ihnen jemand genügt, der sich nicht zu Ihnen bekennt.

Ich wünsche Ihnen dabei alles Gute.

Herzliche Grüße

Julia Peirano

P.S. Wenn Sie Fragen zu Ihrer Beziehung oder Partnersuche haben oder Unterstützung nach einer Trennung brauchen: Schreiben Sie mir!


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