HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

Der geheime Code der Liebe : Soll ich meinem Freund zuliebe bei einem Dreier mitmachen?

Liebe Frau Dr. Peirano,
mir ist es sehr unangenehm, über dieses Thema zu sprechen, aber ich brauche Ihren Rat.
Ich (22) bin seit neun Monaten mit einem älteren Mann (39) zusammen. Wir verstehen uns sehr gut und haben viel Spaß miteinander. Unsere Beziehung ist für mich eine ganz neue Welt, weil er ein erwachsener Mann ist und kein Junge mehr wie die Männer in meinem Alter. Meine Freundinnen machen oft kritische Bemerkungen über unseren Altersunterschied, aber ich finde es gerade gut, dass mein Freund schon mehr Lebenserfahrung hat. Nur in einem Punkt weiß ich nicht, was ich machen soll. Mein Freund ist sehr entspannt mit Sex, er kann frei darüber reden (während ich mich oft schäme). Ich weiß, dass er Pornos guckt, weil er die DVDs offen bei sich herumliegen lässt. Er hat mir auch erzählt, dass er schon sehr viel ausprobiert hat. Manchmal redet er über eine Freundin, mit der er sexuell keine Tabus kannte, wie er sagt. Sie haben über Zeitungsannoncen bisexuelle Männer gesucht, mit denen sie zu dritt Sex hatten. Und als wir mal zusammen den Film "Eyes wide shut" gesehen haben, hat er mir beiläufig erzählt, dass er mit dieser Freundin auch mehrmals auf solchen Partys war, wo man Masken trägt und mit Fremden Sex hat. Er guckt mich dann immer so erwartungsvoll an, und ich glaube, dass er will, dass ich mit ihm auch mehr ausprobiere. Ich fühle mich dabei aber ziemlich unwohl. Manchmal verletzt es mich auch, so viel über seine Vergangenheit zu wissen. Ich hatte vor ihm erst einen Freund, und der Sex war normal, es hat aber nicht so gut geklappt. Mit meinem neuen Freund ist der Sex sehr schön und auch spannend. Ich finde ihn auch super attraktiv. Aber bis jetzt ist es alles noch "normaler" Sex, wenn man das so sagen kann, und das finde ich auch gut. Manchmal kommen mir Gedanken, dass er schon so viel erlebt hat, und dass es für ihn mit mir so "normal" langweilig sein muss. Dann fühle ich mich total schlecht.
Mein neuer Freund hat mich in letzter Zeit öfters gefragt, was für sexuelle Phantasien ich habe. Das war ihm ganz wichtig. Ich muss ehrlich sagen, dass ich gar nicht so spezielle Phantasien habe, sondern eher ganz normalen Sex mag. Ich habe Angst, ihn zu verlieren, wenn ich ihm das sage. Jetzt denke ich öfter darüber nach, ob ich nicht einfach mehr ausprobieren soll. Ich habe mal von einer Frau gelesen, die ihrem Freund einen Gutschein für Sex zu Dritt geschenkt hat. Ich weiß aber nicht, wie das ausgegangen ist. Und eigentlich will ich das auch nicht. Was raten Sie mir?
Viele Grüße
Nina H.

Liebe Nina H.,
als ich Ihre Geschichte gelesen habe, hatte ich ein ganz ungutes Gefühl im Bauch! Ich kann Ihnen auch sagen, warum! Mir kommt es so vor, als wenn der Sex mit Ihrem Freund keine sichere Sache ist, sondern irgendwie "gefährlich". Zum Einen erzählt er Ihnen ungefragt von seinen intimen Erfahrungen mit anderen Frauen und vor allem dieser Ex-Freundin. Ich finde, dass man solche Geschichten für sich behalten sollte und nur auf wirklich ernst gemeinte Nachfragen davon erzählen sollte. Schließlich ist es sehr kränkend, Bilder im Kopf zu haben, bei denen der eigene Liebste mit einer anderen Frau schläft. Dazu kommt noch, dass er anscheinend mit seinen Geschichten Vergleiche anstellt. Und bei diesem Vergleich kommen Sie leider schlecht weg. Seine Ex-Freundin war experimentierfreudig und offen, während Sie in seinen Augen "normal", "langweilig" und vielleicht auch ängstlich sind. Aus meiner Sicht sind die Erzählungen Ihres Freundes, sein unverhohlener Pornokonsum und auch seine Betonung, wie abenteuerlustig er ist, kontraproduktiv. Sie helfen Ihnen nicht, Ihre eigenen Wünsche zu entdecken und spielerisch etwas auszuprobieren, sondern Sie verkrampfen und blockieren Sie innerlich. Wahrscheinlich würde es jeder Frau an Ihrer Stelle so gehen. Beim Sex sollte man sich idealerweise frei und sicher fühlen, damit man sich dem anderen hingeben und auch etwas ausliefern kann. Dazu braucht man eine vertrauensvolle Atmosphäre und einen geschützten Raum, in dem ganz klar ist: Wir machen nur, was wir beide wollen. Und in diesem Raum gibt es auch nur uns beide.
Die Menschen sind sehr unterschiedlich im Bezug auf Ihre sexuelle Abenteuerlust. Einige probieren sehr gerne Neues aus, flirten mit dem Reiz des Verbotenen und testen immer wieder ihre Grenzen. Für sie ist Sex eher ein Spiel. Andere möchten oder brauchen das nicht. Sie mögen Sex als eine Begegnung von zwei Menschen, die sich lieben und im Sex nah sind. Sie gehören eindeutig zu diesen Menschen, jedenfalls im Augenblick. Und dabei, und das sage ich ganz klar, gibt es keine Wertung, kein Falsch und kein Richtig. Die einen Menschen sind so, die anderen so. So wie es auch Menschen gibt, die im Urlaub unbedingt ans Meer fahren wollen, und andere, die es in die Berge zieht.
Nur leider scheint es sexuell dann auf lange Sicht zwischen Ihrem Freund und Ihnen nicht so gut zu passen. Denn Sie werden immer das Gefühl haben, ihm nicht zu genügen, und er wird sich möglicherweise mit Ihnen wirklich eingeengt fühlen, wenn Sie bei sich und Ihren Bedürfnissen bleiben.
Aber eines möchte ich Ihnen auf jeden Fall raten: Machen Sie bitte nur das, was Sie wirklich selbst wollen! Tun Sie nichts, was Ihnen Angst macht, denn das geht nur nach hinten los. Sie können Dinge, die geschehen sind, nicht ungeschehen machen. Sexuelle Erlebnisse, die man nicht wirklich will, können sehr starke negative Gefühle auslösen (denken Sie an Missbrauch oder Vergewaltigungen). Also lassen Sie es am Besten alles sein, zu dem Sie nicht voll und ganz Ja sagen können.
Und wenn Ihr Freund sich deswegen trennt, dann ist ihm das sexuelle Abenteuer wichtiger als Ihre Beziehung - und vermutlich passt dann eine Partnerin, die gerne und freizügig mitmacht, viel besser zu ihm. Und Sie werden dann auch jemanden finden, bei dem Sie sich geborgen fühlen können.
Alles Gute für Sie!
Julia Peirano

Liebe Leserinnen und Leser,
ich bin in diesem Blog sehr an einem offenen und angeregten Austausch interessiert. Bitte teilen Sie mit uns Ihre Erfahrungen, Gedanken und gerne auch gut gemeinte Ratschläge. Aber bitte bedenken Sie, dass die ratsuchende Person etwas sehr Intimes von sich preis gibt und dafür einen geschützten Raum braucht. Deshalb seien Sie bitte stets respektvoll und konstruktiv, sowohl der Ratsuchenden, anderen Leserinnen und Lesern und auch mir gegenüber.
Abwertende und gehässige Kommentare sind ausdrücklich nicht erwünscht.
Herzliche Grüße

Wissenscommunity