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Integrationsdebatte: Türkisch sprechen kostet 50 Cent

Von wegen kein Interesse an Bildung. Immer mehr türkische Eltern sehen ihre Kinder im deutschen Schulsystem benachteiligt und gründen private Einrichtungen. Wie die Vision Privatschule im bayerischen Jettingen.

Von Sebastian Kemnitzer und Julia Temmen

Wenn Ayse in der Schule türkisch spricht, muss sie 50 Cent Strafe zahlen. Ob ein Satz oder nur ein Wort - das Taschengeld der Zwölfjährigen oder ihrer Mitschüler wandert in die Klassenkasse. Denn in der Vision Privatschule in Jettingen bei Augsburg sollen die Schüler deutsch sprechen, im Unterricht und auf dem Schulhof. Auch wenn sie fast alle in türkischen Familien aufgewachsen sind.

Im vergangenen Jahr haben sechs türkische Trägervereine das Mädcheninternat im bayerischen Jettingen gegründet. Ein kleiner Ort mit vielen Bauernhöfen. Am Ortsrand, direkt an der Autobahnauffahrt, steht das fünfgeschossige, graue Schulgebäude, ein ehemaliges Hotel. In zwei Gymnasial- und zwei Realschulklassen lernen hier insgesamt 67 Mädchen, fast alle haben türkische Eltern. Ihnen wollen die Schulgründer eine bessere Zukunftschance eröffnen. "Bei uns bekommen sie, was sie in der Regelschule nicht finden", sagt Geschäftsführer Mehmet Pekince. Damit meint er vor allem Aufmerksamkeit, Förderung und Erfolg.

Sämtliche Schulstudien der vergangenen Jahre zeigen den schulischen Misserfolg vor allem türkischer Einwandererkinder. Nur acht Prozent der türkischen Kinder bekommen eine Empfehlung für das Gymnasium, 30 Prozent von ihnen verlassen die Schule ganz ohne Abschluss.

Zahl der türkischen Schulen wächst

Damit wollen sich viele bildungsbewusste Türken nicht abfinden. Sie wollen nicht, dass ihre Kinder pauschal auf die Hauptschule geschickt werden, nur weil deutschen Lehrer ihnen nichts zutrauen. Und weil sie ihre Kinder im staatlichen Schulsystem benachteiligt sehen, weichen nicht wenige, die es sich leisten können und wollen, auf Privatschulen aus oder gründen gleich selbst welche. Ob in Köln, Hamburg, Paderborn oder Berlin - in den letzten Jahren haben rund ein Dutzend türkische Schulen den Unterrichtsbetrieb aufgenommen. Und die Zahl wächst.

"Die Bestrebungen in diese Richtung werden stärker", bestätigt der Bildungspsychologe Haci Halil Uslucan von der Universität Duisburg-Essen. "Türkische Eltern erkennen immer mehr, wie wichtig Bildung für den Erfolg ihrer Kinder ist." Dafür nehmen sie auch hohe Kosten in Kauf. Ein Platz im Jettinger Internat kostet 600 Euro im Monat. In Berlin zahlen Eltern 350 Euro für das Privatgymnasium des türkisch-deutschen Trägervereins Tüdesb. Der dortige Schulkoordinator kennt Eltern, die in eine kleinere Wohnung umziehen, um mit dem ersparten Geld die Schule bezahlen zu können. Die vielfach verbreitete Meinung, Migranten seien nicht an Bildung interessiert, stimme nicht, erklärt Bildungspsychologe Uslucan. "Die Realität sieht ganz anders aus. Die Kinder werden häufig einfach nur unterschätzt."

Unterricht nach bayerischem Lehrplan

Eigentlich sollte Ayse auf die Hauptschule gehen. Das hatten zumindest ihre Grundschullehrer empfohlen. Doch die Eltern glaubten daran, dass mehr in ihrer Tochter steckt, und meldeten sie an der Privatschule an. "Wir waren davon überzeugt, dass sie dort besser auf die Kinder eingehen als an staatlichen Schulen", sagt der Vater, Fikri Akici. Heute besucht seine Tochter die Gymnasialklasse.

Dort wird genauso gelernt wie an staatlichen Schulen, die Lehrer unterrichten streng nach bayerischem Lehrplan. Die Unterrichtssprache ist Deutsch, und statt Islamkunde steht Ethik auf dem Plan. "In ein paar Jahren werden unsere Schülerinnen Karriere machen", ist Mehmet Pekince überzeugt.

In Jettingen konnten die Verantwortlichen bisher keine deutsche Schülerin für ihr Internat gewinnen. Doch sie betonen, dass jedes Mädchen willkommen sei. An der Sprachbarriere wird es wohl nicht scheitern, dafür sorgt die Strafkasse. Nur 20 Euro sind im letzten Schuljahr zusammengekommen. Davon haben sich die Mädchen Eis gegönnt.

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