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Die Mutter berichtet: 15-Jährige überlebt Amoklauf, ihre Freunde sterben: Diese Erzählung geht unter die Haut

In Texas tötete ein Amokläufer zehn Menschen an einer High School. Die 15-jährige Isabelle überlebte in einem Schrank. Für ihre Mutter waren es Stunden der Ungewissheit – auf Facebook erzählt sie, wie sie und ihre Tochter den Tag erlebt haben.

Von Linda Göttner

Der Freitag begann ganz normal für Isabelle Laymance, doch er sollte der schlimmste Tag ihres Lebens werden. Es war der Tag des Amoklaufs an ihrer High School in Santa Fe, in der Nähe von Houston, Texas. Ihre Mutter, Deedra Van Ness, hielt ihn in einem Gedächtnisprotokoll fest, das sie auf Facebook veröffentlichte.

Der längste Tag ihres Lebens

Deedra bringt Isabelle morgens zur High-School. Die freut sich schon auf das anstehende Wochenende. Doch kurz nachdem die Mutter wieder zu Hause ankommt, klingelt bereits ihr Handy – auf dem Display steht der Name ihrer Tochter. Am Telefon flüsterte die 15-Jährige kaum hörbar: "Mom, sie schießen in der Schule, ich verstecke mich in einem Schrank. Ich liebe dich, Mom." Im Hintergrund hört Deedra Schüsse. Sie bittet Isabelle, am Telefon zu bleiben, doch die will ihren Mitschülern im Versteck auch ermöglichen, ihre Eltern anzurufen. "Ich war erstarrt", schreibt Deedra.

Wie von Sinnen informiert sie ihren Mann und weckt den 18-jährigen Sohn, der die Schule bereits beendet hat. Sie weist alle Familienmitglieder an, Isabelle auf keinen Fall anzurufen, um sie in ihrem Versteck zu schützen. Die Eltern steigen ins Auto, auf dem Weg zur Schule werden sie von Dutzenden Rettungswagen überholt. 

Die Eltern müssen hilflos abwarten

An der High School angekommen, treffen sie auf zahlreiche andere Eltern. In dem Wissen, dass die Polizei sie nicht zum Gebäude lassen würde, versammeln sie sich vor dem Gelände. Die Ungewissheit und Machtlosigkeit ist für alle kaum auszuhalten. Endlich ruft Isabelle an und teilt mit, dass sie sicher aus der Schule gebracht wurde. Als Zeugin soll sie noch Aussagen bei der Polizei machen. 

Für die Familie beginnen Stunden des Wartens. Sie werden aufgefordert, in einer anderen Schule auf ihre Tochter zu warten. Dort angekommen werden sie zu einem anderen Ort geschickt und dort wieder zu einem anderen. An dem Punkt hat der Vater Kenny genug. Er will sich keinen Zentimeter mehr bewegen, bis er seine Tochter sehen kann. Irgendwann kommt der erlösende Anruf von Isabelle: Sie ist auf dem Weg zu ihnen.

Nach Stunden in der Hitze können die Eltern Isabelle endlich empfangen. Weinend und blutüberströmt fällt sie Deedra in die Arme. Als die Medien vor Ort eintreffen, beeilt sich die Familie nach Hause zu kommen. "Es tut mir Leid, dass ich dich angerufen und nervös gemacht habe", sagt Isabelle. Ihre Mutter kann nicht glauben, dass sie sich in der Situation am meisten Sorgen um andere macht. Sie versichert ihr, dass sie sich richtig verhalten habe, indem sie sich in Sicherheit brachte, die Polizei alarmierte und ihren Mitschülern ermöglichte, zu telefonieren. 

Isabelle erzählt vom Amoklauf

Hypersensibel kann Isabelle die Nähe ihrer Familie zunächst nicht ertragen. Ihr Bruder Kam ist mit der Situation überfordert und beginnt ebenfalls zu weinen. "Ich habe jetzt zwei Kinder, die weinen und wir sind hilflos und können nichts tun, als sie festzuhalten und zu versuchen, dass sie sich geliebt und geborgen fühlen", schreibt Deedra. Dann erfährt Isabelle, dass ihre beste Freundin unter den Toten ist. Es bricht aus ihr heraus und sie erzählt, was passiert ist.

Am Morgen hatte sie sich auf den Kunstunterricht gefreut, wo sie an einem Projekt arbeitet. Plötzlich hört sie den ersten Schuss. Kurz darauf betritt der Attentäter, Dimitrios P., die Klasse und trifft mit seinen Schüssen zwei Schüler.  Alle anderen rennen wild durcheinander. Es gibt eine zweite Klassentür, doch die ist versperrt, die Schüler sitzen in der Falle. Isabelle schafft es, sich mit sieben anderen Schülern in einem Wandschrank zu verschanzen und ihn abzuschließen. Doch der bietet nicht genug Schutz – der Attentäter erschießt drei der acht Kinder, zwei sind sofort tot.

Während der Amokläufer von dem Schrank ablässt, ruft Isabelle die Polizei. Die weist sie an, ruhig zu bleiben, Hilfe sei unterwegs. Doch der Schütze kehrt zurück. Als die Handys der Schüler klingeln, ruft er in Richtung des Schranks "Denkt ihr, es ist für euch? Wollt ihr kommen und ran gehen?" Isabelle ruft noch einmal die Polizei, hört draußen den Schusswechsel zwischen dem Amokläufer und den Polizisten und schließlich, wie der 17-Jährige aufgibt. 

Als Isabelle den Schrank verlassen kann, läuft sie an toten Mitschülern vorbei. Stunden später weiß sie immer noch nicht, wer von ihren Freunden unter ihnen ist. Zuhause starrt sie gebannt auf den Fernseher, wo die Namen der Opfer bekanntgegeben werden. Der Washington Post gibt sie selbst ein Interview, um als Zeugin den wahren Ablauf des Geschehens zu schildern. Später erfährt die Familie, dass auch der beste Freund von Kam und der Cousin ihr Leben verloren haben. 

In ihrem Text erinnert Deedra auch an die anderen Opfer, die die Familie alle kannte. Zehn Menschen wurden bei dem Amoklauf getötet. "Unsere Gemeinschaft hat ihre Unschuld und ihr Gefühl von Sicherheit verloren." In einem weiteren Text auf Facebook beschreibt sie, dass nun ein langer Heilungsprozess beginnt. 

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