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Baby-Tausch im Krankenhaus: So leicht werden Kinder nach der Geburt verwechselt

Immer wieder werden Babys im Krankenhaus verwechselt und wachsen in den falschen Familien auf. Doch wie kann es so weit kommen - und wie oft passiert ein solch folgenschwerer Fehler?

Von Viktoria Meinholz

Auf einer Geburtsstation werden Säuglinge oft von vielen verschiedenen Menschen betreut. Immer wieder kommt es dabei vor, dass Babys verwechselt werden.

Auf einer Geburtsstation werden Säuglinge oft von vielen verschiedenen Menschen betreut. Immer wieder kommt es dabei vor, dass Babys verwechselt werden.

Sie hat plötzlich viel mehr Haare. Das dachte Sophie Serrano, als eine Krankenschwester ihr vor mehr als 20 Jahren ein Baby in die Arme legte. Die damals 18-Jährige war erst seit ein paar Tagen Mutter und von der Geburt so erschöpft, dass sie sich noch nicht viel um ihre Tochter gekümmert hatte, wie sie im vergangenen Jahr der "Zeit" erzählte. Sie vertraute den Ärzten und Schwestern.

Ihre Tochter litt nach der Geburt unter Gelbsucht und musste mehrere Stunden unter einer Lampe mit blauem Licht verbringen. Das Licht lasse die Haare wachsen, mit diesem Argument wischte die Krankenschwester die Bedenken der jungen Mutter zur Seite. Dabei hatte Sophie Serrano mit ihren Zweifeln recht - die Krankenschwester hatte zwei Babys vertauscht, und das Mädchen in Sophies Armen war nicht ihre leibliche Tochter.

Doch bis dieser schwerwiegende Fehler ans Licht kam, sollten noch einmal zehn Jahre vergehen. Am heutigen Dienstag hat ein Gericht Sophie Serrano, ihrer Tochter und der anderen betroffenen Familie fast zwei Millionen Euro Schadensersatz zugesprochen. Weil eine Krankenschwester, die alkoholkrank und depressiv gewesen sein soll, vor zehn Jahren zwei Babys verwechselt hatte.

Dunkelziffer größer als gedacht

Wie kann so etwas nur passieren? Babys bekommen nach der Geburt ein Namensbändchen. Doch dieses kann beim Waschen oder Umziehen abfallen. Wenn die Sorge der Mutter dass ihr Kind anders aussieht als noch ein paar Stunden zuvor, nicht ernst genommen wird, ist das Drama schnell perfekt.

Zahlen darüber, wie viele Babys vertauscht werden, existieren nicht. Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe fragte für eine Untersuchung im Jahr 2008 bei 481 Kliniken nach und erfuhr von zwölf Verwechslungen, die jedoch alle noch im Krankenhaus behoben wurden. Außerdem gaben fast 40 Prozent der Geburtsstationen an, dass die Namensbändchen schon mal versehentlich vom Handgelenk rutschten.

Wie hoch die Dunkelziffer ist und wie viele Verwechslungen vielleicht niemals erkannt wurden, das trauen sich noch nicht einmal Experten einzuschätzen. Doch es gibt immer wieder Schicksale, die öffentlich werden.

Bekannte Fälle von vertauschten Kindern

1991: Nach einer Blutuntersuchung bei einem Fünfjährigen wird klar, dass der Junge 1985 im Kreiskrankenhaus Wittmund (Niedersachsen) mit einem anderen Baby vertauscht wurde. Die Elternpaare beschließen, den jeweils von ihnen großgezogenen Jungen zu adoptieren und keinen Kontakt zueinander aufzunehmen.

2006:

Nachdem sie monatelang mit einer "falschen" Tochter gelebt haben, erfahren zwei Paare aus Tschechien, dass ihre Kinder nach der Geburt vertauscht wurden. In der Klinik in Trebic kam es wohl zur Verwechslung, weil beide Mütter mit Vornamen Jaroslava heißen. Kurz vor dem ersten Geburtstag kommen die Kinder zu den leiblichen Eltern.

2008:

In einer Klinik in Saarlouis werden zwei neugeborene Mädchen vertauscht. Nach einem halben Jahr wird der Irrtum entdeckt, als bei einem Kind mit einem Gentest die Vaterschaft geklärt werden sollte. Dabei wird festgestellt, dass weder "Vater" noch "Mutter" mit dem Mädchen verwandt sind. Die Kinder kommen zu ihren leiblichen Eltern.

2009:

Eine Klinik in Kuri (Südkorea) muss einer Mutter umgerechnet 40.000 Euro Schmerzensgeld zahlen, weil eine Krankenschwester 17 Jahre zuvor ihr Baby mit einem anderen Neugeborenen vertauscht hatte.

2012:

37 Jahre lang wachsen zwei Russinnen in falschen Familien auf, weil sie nach der Geburt vertauscht wurden. Die Frauen aus Orenburg am Ural sind seit der Schule befreundet und hatten sich gewundert, dass sie ihren Eltern nicht ähneln. Ein DNA-Test bringt Klarheit.

2013:

In Vietnam erwartet eine Mutter einen Jungen und bekommt im Krankenhaus ein Mädchen in den Arm gelegt, eine andere wird mit einem Sohn statt einer Tochter überrascht. Nach drei Monaten stellt sich heraus: Die Säuglinge wurden in der Klinik wohl beim Waschen verwechselt. Die Eltern tauschen Junge und Mädchen zurück.

2015:

Ein Gericht in der südfranzösischen Stadt Grasse spricht den Familien zweier vertauschter Mädchen fast zwei Millionen Euro Schadensersatz zu. Manon und Mathilde kamen im Sommer 1994 im gleichen Krankenhaus zur Welt. Beide Säuglinge litten unter Gelbsucht und wurden aus Platzmangel gemeinsam in ein Bettchen gelegt. Obwohl Sophie Serrano, eine der Mütter, Zweifel anmeldete, kam der folgenschwere Fehler erst zehn Jahre später ans Licht, als Manons Vater einen Vaterschaftstest forderte. Die beiden Familien entschieden sich gegen einen Rücktausch. Die Mädchen hatten zeitweise Kontakt zu ihren leiblichen Eltern, der aber inzwischen wieder abgebrochen ist, zu verwirrend war die Situation für alle Beteiligten.

mit DPA
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