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Millionenklage gegen Krankenhaus: Betrunkene Pflegerin vertauschte Babys

Eine Pflegerin vertauscht zwei Babys kurz nach der Geburt. Erst nach Jahren bemerken die Familien, dass etwas nicht stimmt. Nun richten sie eine Millionenklage gegen die Klinik. Das Trauma sitzt tief.

Eine Familie, aber nicht verwandt: Manon (l.) und Sophie Serrano kommen am 1. Dezember aus dem Gerichtssaal im südfranzösischen Grasse

Eine Familie, aber nicht verwandt: Manon (l.) und Sophie Serrano kommen am 1. Dezember aus dem Gerichtssaal im südfranzösischen Grasse

Sophie Serrano wirkt kaum älter als ihre Tochter. Die beiden könnten auf den ersten Blick Schwestern sein, mit ihren langen dunklen Haaren und dem melancholischen Blick. Doch bei genauem Hinsehen fällt auf, dass die 20 Jahre alte Manon exotischer aussieht als ihre Mutter. Jahrelang hatte die heute 38-Jährige deswegen Zweifel. Vor zehn Jahren dann die erschütternde Erkenntnis: Manon und Sophie sind überhaupt nicht verwandt.

Kurz nach ihrer Geburt war Manon im Krankenhaus versehentlich mit einem anderen Baby vertauscht worden. Sophies leibliche Tocher wuchs nur 30 Kilometer entfernt bei anderen Eltern auf. Zwanzig Jahre nach dieser folgenschweren Verwechslung gehen die beiden Familien gerichtlich gegen die Klinik vor - und fordern nun mehr als zwölf Millionen Euro Schadensersatz. Dafür, dass ihr "Leben in den Grundzügen erschüttert wurde", wie Sophie Serrano in einem Interview mit der "Daily Mail" sagte.

Krankenschwester war alkoholkrank

Mit nur 18 Jahren, im Jahr 1994, brachte Sophie in einer Klinik in Cannes eine Tochter zur Welt. Das Baby litt an Gelbsucht und kam deswegen in einen Brutkasten, in dem ein anderes Mädchen ebenfalls behandelt wurde. Die Krankenschwester übergab den Eltern ihre Mädchen nach wenigen Tagen. Es ist nicht geklärt, wie es passieren konnte, doch es war der Moment, als die Babys vertauscht wurden. Wie sich später herausstellte, war die Pflegerin depressiv und alkoholkrank. Womöglich war sie betrunken, als sie Manon und das andere Kind behandelte.

Sophie Serrano wunderte sich, dass das Baby plötzlich mehr Haare auf dem Kopf zu haben schien. Das liege an den Wärmelampen im Brutkasten, hieß es nur. Doch je älter Manon wurde, umso größer wurde die Verwirrung. Ihr Teint wurde dunkler, das glatte Haar kräuselte sich. Manon hat heute Ähnlichkeit mit Popsängerin Rihanna. Schließlich verlangte der Vater von Manon, von dem die Mutter längst getrennt lebte, einen Vaterschaftstest. Dieser lieferte nicht nur Gewissheit darüber, dass er nicht der biologische Vater ist - er ergab auch, dass Sophie nicht die leibliche Mutter von Manon ist.

Sophie und ihre Tochter Manon (r.) kommen aus dem Gerichtssaal in Grasse

Sophie und ihre Tochter Manon (r.) kommen aus dem Gerichtssaal in Grasse

"Leben auf den Kopf gestellt"

Eine Zeit der Angst und Unsicherheit begann. "Ich hatte Angst, dass sie mir Manon wegnehmen", zitiert "Daily Mail" die 38-Jährige. Bei Nachforschungen fand sie heraus, dass die andere Familie, die anonym bleiben will, nicht weit entfernt wohnte. Die Paare trafen ihre leiblichen Kinder dann erstmals im Alter von zehn Jahren. "Es war ein ein verstörender Moment, sehr bizarr", so Manon gegenüber "Daily Mail". "Du sitzt vor einer Frau, die biologisch gesehen deine Mutter, dir aber völlig fremd ist."

Manons leibliche Eltern stammen nach Angaben von "Zeit Online" aus dem französischen Überseedepartement La Réunion, von wo sie später in die Provence zogen.

Schon bald gingen die Familien wieder getrennte Wege. Zu schmerzhaft war das, was die Kontakte auslösten. Sophie und Manon stehen sich heute sehr nah, laufen Hand in Hand. Doch trotzdem ist nichts mehr so, wie es war. Sophie Serrano wirkt wie eine gebrochene Frau. Trotz ihres jugendlichen Charismas sieht sie angespannt und ausgemergelt aus. "Es hat unser Leben komplett auf den Kopf gestellt", sagte sie.

Klinik gibt Müttern die Schuld

Nachdem eine Strafanzeige keinen Erfolg hatte, gehen die Familien der beiden heute 20-jährigen Frauen nun zivilgerichtlich gegen die Klinik, die Ärzte und die damalige Pflegerin vor. Für jedes ausgetauschte Mädchen verlangen sie drei Millionen Euro Schadensersatz sowie 1,5 Millionen Euro für die Eltern und 750.000 Euro für jeden Bruder und Schwester.

Die Klinik hat den Fehler eingestanden, will aber keinen Schadensersatz zahlen. Zudem gibt sie auch den Müttern selbst die Schuld - dafür, ihre leiblichen Töchter nicht erkannt zu haben. Manon Serrano hält das für eine "unmenschliche" Anschuldigung. Das Urteil soll am 10. Februar fallen.

kis mit AFP

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