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Camp für Einzelkinder in China: Hier werden "kleine Kaiser" zu harten Kerlen

Chinas Ein-Kind-Politik produziert Millionen von "kleinen Kaisern". Eltern und Großeltern verwöhnen den Nachwuchs. Ein Militärcamp will die verzogenen Kinder fit fürs Leben machen.

Der zwölfjährige Mingzhe hält das Maschinengewehr aus Plastik im Anschlag. Er hat sich hinter einem Ölfass verschanzt. Aus allen Richtungen kommen Schussgeräusche. Dann beginnt seine Schutzweste zu piepen. Er ist getroffen, das Spiel ist damit vorbei. "Du bist tot", ruft ihm lachend ein Schüler in Militäruniform zu. Mingzhe hat schon wieder eine Runde auf dem künstlichen Schlachtfeld im Pekinger Militärlager für Schüler verloren.

Mingzhe ist einer von knapp 2000 Schülern im Alter von sieben bis 17 Jahren, die das Ausbildungslager in diesem Jahr durchlaufen. Während der Schulferien sind sie von ihren Eltern in das Militärcamp im Süden Pekings geschickt worden.

Seit Jahren klagen Lehrer und Erzieher über Chinas verwöhnte Einzelkinder. Vergangenes Jahr hatte ein Forscherteam aus Australien eine Studie im amerikanischen Wissenschaftsmagazin "Science" veröffentlicht, der für viele Chinesen die schlimmsten Befürchtungen bestätigte: Die Ein-Kind-Politik in China erzeugt laut Forschern weniger lebenstüchtige Einzelkinder. Als "kleine Kaiser" aufgewachsene Chinesen seien nicht so wettbewerbsfähig, scheuten Risiken und schenkten anderen Menschen deutlich weniger Vertrauen.

"Soldaten weinen nicht"

Das hat der Erfinder des Militärlagers für Schüler für sich als Marktlücke entdeckt. "Wir bringen den Kindern Disziplin bei", sagt Zhao Heshan. Vor fünf Jahren gründete er das Ausbildungszentrum südlich von Pekings sechstem Stadtring. Heute hat er Nachahmer im ganzen Land.

Unbeholfen stolpert der 13 Jahre alte He mit seinem Plastikgewehr auf einer Straße neben dem künstlichen Schlachtfeld. Die Mütze in Tarnfarben hat er sich tief ins das runde Gesicht gezogen. Über seinem großen Bauch wölbt sich das Militärhemd. Etwas neidisch schaut er zu den anderen Jungen, die sich zwischen einem ausrangierten Helikopter und Panzer ein neues Gefecht liefern. He muss aussetzen, weil er sich verletzt hat. "Manchmal vermisse ich mein Zuhause. In unserem Zelt hat gestern auch ein Junge geweint", sagt er. "Aber ich habe noch nie geweint", fügt er dann schnell hinzu.

In einem grünen Zelt hat sich Captain Gan Shaosong seine Kommandozentrale eingerichtet. Uniformen von Chinas Heer, Luftwaffe und Marine hängen an den Wänden. Poster werben für Chinas Volksbefreiungsarmee. "Etwa jedes dritte Kind hat Heimweh", sagt Gan Shaosong. Das lege sich meist nach einigen Tagen. "Ich sage ihnen: 'Ihr seid jetzt Soldaten. Soldaten weinen nicht!'"

"Die Kinder sind verweichlicht und unfähig"

Gan Shaosong hat selbst eine Militärausbildung durchlaufen. Dann arbeitete er bei der Militärfeuerwehr. Nun will er Patrioten für die Landesverteidigung heranziehen. "Die Kinder in unserem Land sind verweichlicht", klagt er. Vielen Heranwachsenden fehlten grundlegende Fähigkeiten für das Leben. "Wir geben ihrem Leben hier wieder eine klare Struktur. Bei uns lernen sie Patriotismus, Mannschaftsgeist und Disziplin", sagt der Captain.

Mit einem großen Schritt tritt Gan Shaosong aus seinem Zelt. Mit seiner Hand deutet er auf Jungen und Mädchen, die vor ihrem Zelt auf kleinen Hockern sitzen. In Plastikschalen waschen sie ihre Wäsche. "Viele Kinder haben noch nie in ihren Leben selbst gewaschen", sagt Gan Shaosong.

Schüchtern schaut der neunjährige Haochu auf. Mit leiser Stimme sagt er: "Das ist gar nicht so schlimm." Im Militärlager lerne er Nützliches für sein Leben, plappert er wie auswendig gelernt herunter. "Zuhause habe ich aber auch schon gewaschen", erzählt er dann. Wieder und wieder taucht er demonstrativ den Militäranzug in das Seifenwasser.

Ausbilderin Wang Wei grinst. "Meist sind nicht die Kinder, sondern ihre Eltern das Problem", sagt die 24-Jährige. Kurz nach der Gründung des Militärcamps vor fünf Jahren stieß sie zur Gruppe der Ausbilder hinzu. Seitdem ist sie jeden Sommer dabei. Während der bis zu vierwöchigen Kurse könnten sie den Kindern immerhin Grundlegendes zeigen. "Die Kinder können ja nichts dafür, wenn ihnen ihre Eltern viele Dinge nicht beigebracht haben."

Stephan Scheuer, DPA / DPA
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