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C. Tauzher: Mutter in Rage und ihre Kinder: Das Haus am See – eine Bruchbude, in der wir uuunbedingt übernachten mussten

Manchmal läuft nicht alles so, wie man es plant. Als Christiane Tauzher ihrer Tochter die Sommerfrische ihrer Kindheit zeigte, konnte sie nicht ahnen, was das für Konsequenzen haben würde.

Sonne, Wasser und ein Haus am See, wer wird da nicht sofort glücklich? Die Mama ... (Symbolbild)

Sonne, Wasser und ein Haus am See, wer wird da nicht sofort glücklich? Die Mama ... (Symbolbild)

Getty Images

Die Mücke war sechs Jahre alt, als ich ihr die meiner Kindheit zeigte. Das Haus am See. Ein geheimnisvoller Ort, in dem eine Geruchsmischung aus altem Lack, Kaffee und Staub hing, die einen umhüllte, sobald man das grasgrün gestrichene Stiegenhaus betrat. Unter unseren Füßen knarzten die Holzlatten und über unseren Köpfen umschwirrten ein paar Fliegen die Messing-Laterne, in der eine schwache Birne brannte, deren gelbliches Licht über die Altersflecken des Hauses gnädig hinwegsah.

Wer hier seinen Urlaub verbrachte, durfte nicht zimperlich sein. Pro Etage standen den Gästen nur ein Gemeinschafts-Badezimmer und eine Toilette zur Verfügung. Das Bettzeug war klamm und alt und an manchen Stellen schon so dünn wie Pergamentpapier. Zum Nachrichten-Schauen trafen sich die Sommergäste abends im "Salon", in dessen Zentrum auf einer wackeligen Kommode ein Fernsehapparat stand. Es durfte nicht gesprochen werden und ich erzählte der , dass ich mich immer schrecklich langweilte. Als wir den Salon betraten, sah ich, dass bis auf einen neuen Fernsehapparat jeder Stein auf dem anderen geblieben war. Das Einzige, was sich hier verändert hatte, war ich. Sogar die gelben Strohblumen und die vielen Tropfkerzen, deren Wachsgeflechte sich wie Geschwüre um die Flaschen gelegt hatte, waren nicht von der Stelle gerückt worden.

Übernachten in der Villa Kunterbunt? Bitte nicht!

"Schön", sagte ich melancholisch, setzte mich auf einen wackeligen Sessel und schaute durch das Fenster auf den See.

"Hier hast du deine Ferien verbracht?", fragte die Mücke ungläubig und fand, dass es sie an die Villa Kunterbunt von erinnern würde.

Der Hausherrin, einer alten fülligen Dame mit pechschwarzem Haar und sonnenbrauner Haut, die genauso wenig gewelkt war wie die Strohblumen im Salon, gefiel der Vergleich mit der Villa Kunterbunt.

"Willst du auch einmal hier übernachten?", fragte sie die Mücke.

"Ja, bitte, bitte, bitte", war die Mücke von dem Vorschlag sofort begeistert.

Ich fand die Idee weniger reizvoll, mir mit zehn anderen Menschen ein Bad und ein Klo teilen zu müssen. Soweit ich mich erinnern konnte, verfügte das Bad nur über eine Wanne und das Schloss klemmte manchmal. Zum Duschen musste man auf den Dachboden klettern, wo der mittlerweile verstorbene Hausherr in einem finsteren Kobel hinter einem notdürftigen Vorhang auf dringenden Wunsch der Stammgäste eine Nasszelle eingerichtet hatte.

"Vielen Dank für das Angebot", sagte ich, "wir sind nur auf der Durchreise."

Die Mücke zupfte mich am Ärmel. "Aber das stimmt doch gar nicht", flüsterte sie. "Wir bleiben doch die ganze Woche da."

Ich lächelte entschuldigend und hoffte, dass zumindest die Hörkraft bei der alten Dame nachgelassen hatte.

"Überlegt es euch", sagte sie zu mir und dabei zwinkerte sie der Mücke verschwörerisch zu, "wenn du magst, kannst du auch im Bootshaus schlafen."

"Jetzt hast du es gesehen und wir können wieder gehen"

Oh, nein, stöhnte ich innerlich. Der Olaf und ich hatten in einem hübschen Hotel gebucht. Einem Hotel mit Internetanschluss, SAT-TV, Klimaanlage und Panoramablick-Balkon.

"Ich wollte dir nur zeigen, wo ich meine Sommerferien verbracht habe", sagte ich, "jetzt hast du es gesehen und wir können wieder gehen."

Aber die Mücke wollte nicht ins hübsche Hotel, sie wollte im "Haus am See" bleiben.

"Kann ich mir das Bootshaus einmal anschauen?", fragte sie.

Die Hausherrin lächelte und händigte ihr einen großen schweren Schlüssel aus, der aussah, als würde er eine Schatztruhe sperren.

"Die Treppe über den Hügel hinunter und dann geradeaus. Das Zimmer mit dem Loch in der Tür könntest du heute Nacht haben", sagte sie und deutete mit der Hand in Richtung See, der schwarz und glatt zu unseren Füßen lag.

Schon war die Mücke bei der Türe draußen und nahm zwei Stufen auf einmal.

"Sie haben doch sicher ein volles Haus", sagte ich an die alte Dame gewandt, die mich von klein auf kannte, "es ist doch jetzt Hochsaison."

Sie nickte. "Da hast du recht", sagte sie," aber im Bootshaus habe ich noch ein ganz kleines Schlupfzimmer mit einem Stockbett, das vergebe ich so gut wie nie, weil es so winzig ist. Aber deiner Tochter würde es bestimmt gefallen."

Und wie es ihr gefiel.

Mir schlug muffiger Geruch entgegen

Die alte Dame hatte keine und wusste vielleicht nicht, dass man eine Sechsjährige nicht allein in einem Bootshaus übernachten lassen konnte. Aber ich wusste, was mir blühen würde, als ich der Mücke ins Bootshaus folgte. Von außen sah das Häuschen auf dem Wasser nicht größer aus als ein Geräteschuppen. Dass hier fünf Zimmer untergebracht waren, erschien mir unmöglich. Als Kind war ich immer nur auf dem Bootssteg gelegen, das Innere des Hauses hatte ich nie inspiziert. Es war mir nicht geheuer gewesen. Zwei alte Ruderboote schaukelten ruhig im Wasser. Über eine schmale Holzleiter kletterte ich nach oben. Muffiger Geruch schlug mir entgegen.

"Komm schnell, Mami", rief die Mücke aufgeregt. Am Ende eines dunklen, engen Ganges sah ich schon die Türe mit dem handtellergroßen Loch. Zwei Jugendliche mit Rasterzöpfen und Bierfahne drängten sich grußlos an mir vorbei. Als ich in der Kammer angekommen war, saß die Mücke bereits im Schneidersitz auf dem wackeligen Stockbett und schaute durch eine Luke auf den See, die die Bezeichnung Fenster nicht verdiente. "Bitte können wir hier übernachten", flehte sie, "nur eine Nacht."

Ich ließ mich breitschlagen. Meine einzige Bedingung war, dass der Olaf aus dem hübschen Hotelzimmer, das er jetzt für sich allein hatte, die Bettwäsche herausschmuggelte.

"Das wird ja ein richtiges Abenteuer", sagte er, als er Pölster (österr. für Kissen) und Decken bei uns ablieferte.

"Magst du nicht mit der Mücke dieses tolle Abenteuer erleben", fragte ich ihn.

Er legte sich probeweise ins schmale Bett und stand dann kopfschüttelnd wieder auf. "Es tut mir wirklich leid, aber ich bin einfach zu groß."

Sex und Marihuana

Dass auch ich zu groß war für die Gefängnispritsche, auf der die dünnste und härteste Matratze lag, die ich je gesehen hatte, fand er "nicht so schlimm". Es wäre ja nur für eine Nacht. Als sich die Abenddämmerung über den See legte, bezogen wir unser spartanisches Quartier. Ein Gewitter zog auf. Ich blieb aus Angst vor Insekten voll bekleidet, erzählte der Mücke eine Gute-Nacht-Geschichte und lauschte kurz darauf ihren regelmäßigen Atemzügen. Bald kam der Regen dazu, der wie ein Kanonenfeuer auf das Dach des Bootshauses krachte. In der Kammer über uns schien eine Fete abzugehen, dumpfe Bässe ließen die dünnen Wände vibrieren und durch das Loch in unserer Tür zog sich der süßliche Geruch von Marihuana.

Aus dem Nebenzimmer drangen eindeutige Geräusche. Die papierdünne Wand zwischen mir und dem Paar, das offensichtlich gerade über einander herfiel, erzitterte.

Was machte ich hier? Ich hielt mir die Ohren zu. Dieses Bootshaus war ein einziges Irrenhaus und ich war mittendrin. Erst um sechs Uhr früh kam das Häuschen endlich zur Ruhe. Ich hatte kein Auge zugetan und fühlte mich seelisch und körperlich gefoltert. Die Mücke war um kurz vor sieben putzmunter, nahm ein Bad im See, sprach von der "aufregendsten Nacht" ihres Lebens und umarmte mich stürmisch.

Das war das Einzige, was zählte.

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