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Daddylicious: Deutschland, Du bist nicht familienfreundlich!

In den Städten fehlen Betreuungsplätze, die Politik kommt nicht hinterher und auch die Wirtschaft ist alles andere als familienfreundlich. Deutschland hat ein Problem, meint Mark Bourichter.

Ja, Du hast ein Problem! In den Städten fehlen massiv Betreuungsplätze, die Politik jedoch rechnet sich die Zahlen schön, weil in den strukturschwächeren Regionen die Anforderungen übererfüllt sind. Und in der Wirtschaft fehlt es immer noch an tiefgreifenden Reformen von Arbeitszeitmodellen für mehr Flexibilität der Arbeitnehmer. Wer aus der Stadt kommt, der kann ein Lied davon singen. Nicht selten werden 50 Kita-Bewerbungen versendet, meist schon vor der Geburt des eigenen Kindes. Haben die Eltern einen Platz im "vertretbaren" Umkreis von zehn Kilometern gefunden, klatschen sie in die Hände. Egal, wie die Kita aussieht, egal, wie die dünn die Betreuungsdecke ist oder vermeintlich unprofessionell die Betreuung wirkt. Egal, wie abgerockt die Räumlichkeiten oder sanitären Anlagen sind, weil das Geld für die Sanierung fehlt oder schlicht und einfach zu viele Kinder auf zu engem Raum den Tag verbringen. Ja, warum eigentlich freuen sich die Eltern?

Seit August letzten Jahres haben Kinder zwischen dem vollendeten ersten und dritten Lebensjahr einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. Beschlossen wurde das Ganze im Jahre 2008, also vor rund sechs Jahren. Warum? Weil das herkömmliche Familienmodell ausgedient hat. Weil Erziehungsberechtigte zurecht die Möglichkeit haben sollen, nicht erst ab dem dritten Lebensjahr des Kindes wieder ins Berufsleben zurückzukehren. Leider hat sich die Politik nicht auf diesen Termin vorbereitet, der dann im Jahre 2013 ganz plötzlich im Kalender des Familienministeriums aufpoppte: "In vier Wochen gilt der Rechtsanspruch auf Kitaplatz. ACHTUNG: Bundestagswahl im September!"

Es gibt definitiv zu wenig Kita-Plätze für U3-Kinder (0 bis 3 Jahre). Die Gruppen in den vorhandenen Einrichtungen werden vergrößert, das Personal durch die Erweiterung des Fachkräftekataloges mit weniger gut ausgebildeten Leuten nicht im ausreichenden Maße aufgestockt. Tagesmütter noch und nöcher werden eingesetzt, um der Nachfrage ein wenig Herr zu werden. Aber was ist mit den Eltern, die ihr Kind nicht zu einer Tagesmutter geben möchten, von der Kommune jedoch mehr oder weniger dazu gezwungen werden? Eine Wahlmöglichkeit besteht kaum, ein Anspruch auf einen Platz in einer Kindertagesstätte erst recht nicht. Das rasante Ausbügeln des Defizites geht auf Kosten der Kinder. Die Anzahl der Beschwerden von Eltern mit Kindergartenkindern beim Landesjugendamt ist laut Medienberichten in diesem Jahr um 150 Prozent angestiegen. Kein Wunder, denn nicht nur der Platz fehlt, sondern auch eine gesunde Personaldecke an Fachkräften. Einer der häufigsten Gründe für Beschwerden ist der Mangel an Fachpersonal.

Da lese ich heute ein Wahlplakat der SPD auf dem Heimweg: "Für Münster erreicht: 1.139 neue Kitaplätze. 9.587 insgesamt." Vergleiche diese tolle Leistung kurz mit meiner eigenen Erfahrung von rund 40 Bewerbungen und 40 Absagen verbunden mit der Sorge, eine geeignete Einrichtung zu finden und denke mir: Wenn ihr die Frechheit besitzt, den Bürgern das als Erfolg zu verkaufen, dann schreibe ich heute abend mal einen Artikel für die Öffentlichkeit, Genossen! Dabei ist nicht nur die Aussage auf dem Wahlplakat zu hinterfragen. Warum in Münster ein Kitajahr am 01. August beginnt und Eltern auch nur dann die Möglichkeit haben, die Betreuung zu starten ist ein weiteres Rätsel familienunfreundlicher Politik. Wäre mal spannend zu erfahren, warum das in anderen Ländern und Kommunen jederzeit möglich ist. Nicht jedoch in Münster.

So, und zum Schluß ist da noch die Wirtschaft, die es immer noch nicht geschafft hat, für einen Großteil der Arbeitnehmer Arbeitszeitmodelle zu schaffen, die eine gewisse Flexibilität beinhalten. Und das eine solche Flexibilität von den Verantwortlichen auch gelebt wird. Bei einer Befragung der IG Metall unter mehr als 500.000 Beschäftigten hatten im vergangenen Jahr 82 Prozent der Befragten angegeben, dass sie sich wünschen, ihre Arbeitszeit kurzfristig an private Bedürfnisse anpassen zu können. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird von der immer noch weit verbreiteten Präsenzkultur in deutschen Unternehmen gehemmt. Und mehr Flexibilität der Arbeitszeit ist meist mit der Position auf der Karriereleiter verbunden. Gleichwohl ist aber anzumerken, dass ein so genanntes "Home-Office" kein "Home-Office" ist, wenn man sich alleine um das Kind kümmert, weil der Partner beispielsweise krank ist. Ich kenne niemanden, der neben der Kinderbetreuung noch locker flockig ein Backoffice bedient, E-Mails beantwortet oder Telefonate führt.

Doch es gibt auch Lichtblicke. Münster startet den Kita-Navigator. Leipzig baut im kommenden Jahr 26 neue Kitas. Und diese auch noch pädagogisch sinnvoll gestaltet. Vier neue Mitarbeiter kümmern sich um die Vermittlung der Plätze. Immer mehr Unternehmen lassen sich in Sachen Familienfreundlichkeit auditieren oder schaffen eigene Kinderbetreuung für den Nachwuchs der Mitarbeiter. Also echtes Employer Branding. Weiter so und vielleicht verdienst Du ja bald das Prädikat "familienfreundlich", liebes Deutschland. Mit der Elternzeit für beide Erziehungsberechtigten bist Du auf einem guten Weg. Bis es soweit ist, sollten wir nicht aufhören, darüber zu sprechen.

Copyright Fotos/Grafiken: DADDYlicious.de

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