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Daddylicious: Erziehung von Teenagern: Zivilcourage oder besser wegsehen?

Nach dem Tod von Tuğçe stellt sich Kai Bösel die Frage, wie er seine Kinder schützen und trotzdem zur Zivilcourage erziehen kann - oder ist das inzwischen zu gefährlich?

Im Moment sind die Medien für mich als Vater gerade voller düsterer Geschichten. Am letzten Samstag veröffentlicht ein offensichtlich vernebelter Redakteur der österreichischen „Die Presse“ einen Beitrag über die Erziehung von Kindern am Beispiel seines dreijährigen Sohnes. Darin fallen verstörende Sätze wie „Ich habe manch gewaltfrei erzogenes Kind erlebt, sie neigen zu Rücksichtslosigkeit und verbreiten oft negative Schwingungen.“ Und wenn man kurz denkt, man hat den Satz vielleicht falsch verstanden, geht es mit Klartext weiter: „Ich stehe zum Ohrenzieher. Wozu ich wirklich stehe, ist der Ohrenzieher als strengste Sanktion: Da wird (Sohn) M. nach „1, 2, 3“ am Ohr gezogen. Nicht fest, aber doch.“ Inzwischen hat sich sowohl der Verlag vom Autor als auch der Autor von seinem eigenen Text distanziert.

Das macht es aber nicht besser und sorgt bei mir als treusorgenden Vater für eine Träne im Knopfloch. Denn Gewalt gegen Kinder ist ein absolutes NO GO und in keinem Fall gerechtfertigt. Auch nicht mit einer Aktion, von der man meint, sie täte ja gar nicht weh und sei eher spielerisch. Es war ein langer Kampf vieler engagierter Menschen, dass heute Gewalt gegen Kinder in jeder Form rechtswidrig und strafbar ist. Und das dieses Empfinden auch unsere Gesellschaft durchdrungen hat. Das Aufweichen dieses Tabus durch solch hingerotzte Beiträge ist einfach nur unverantwortlich.

Wenn die Gewalt dann nicht in den eigenen vier Wänden stattfindet, so muss man die Gefahren auf der Straße fürchten. Ich habe zwei Patchwork-Kinder in der Familie, die inzwischen 17 und 18 Jahre alt sind. Sie sind gewaltfrei erzogen worden, haben soziale Werte vermittelt und beigebracht bekommen, dass ein Mensch ein Mensch ist, egal wie er aussieht, woher er kommt und an was er glaubt. Und wir haben sie dafür sensibilisiert, hilfebedürftige Personen zu unterstützen. Aber ist das überhaupt clever? Nach dem Tod von Tuğçe bin ich irgendwie nicht mehr sicher. Denn vor dem Schutz der Mitmenschen steht für mich als Elternteil der Schutz der eigenen Kinder an erster Stelle. Und wie kann man heute noch sicher sein, zu welchen Reaktionen andere Menschen in der Lage sind?

Wir haben die Großen meist von Parties und Events abgeholt, weil wir die U-Bahnhöfe in Hamburg nach Einbruch der Dunkelheit für nicht mehr sicher gehalten haben. Wir haben so manches Mal im Auto vor Häusern von Freunden gewartet, weil wir vermeiden wollten, dass die Teenies nachts durch die einsamen Straßen laufen. Wir saßen mal mit der damals 14-jährigen Tochter bei der Polizei, weil Sie von einem Unbekannten angesprochen und zur erotischen Fotografie eingeladen wurde. Solche Erlebnisse und die Meldungen über Gewalt lassen die Sorgen um die Kinder steigen.

Und das macht die Erziehung nicht einfacher. Wie lässt sich Zivilcourage vermitteln, wenn diese in dem schlimmsten aller Fälle, nämlich dem Tod, enden kann? Für die Eltern von Tuğçe dürfte es ein schwacher Trost sein, dass Ihre Tochter sogar nach dem Tod dank Organspendeausweis noch Leben rettet. Ich wünsche Ihnen die Kraft, nicht zu fühlen , dass sie eine Mitschuld am Tod Ihrer mutigen Tochter tragen, weil sie ihr beigebracht haben, sich einzumischen und andere Menschen zu beschützen.

Und ich bin der Meinung, dass der Keim zur Gewaltbereitschaft schon in frühester Kindheit durch die Erziehung eingepflanzt wird. Da sind wir wieder bei der eingangs erwähnten Geschichte. Denn so ein dreijähriges Kind wird irgendwann verinnerlichen, dass es OK ist, andere am Ohr zu ziehen, um seine Meinung zu verdeutlichen. Und bei anderen mündet das dann in der fliegenden Faust, wenn jemand widerspricht oder sich wehrt. Oder einfach anderer Meinung ist.

Ich wüsste gern die Lösung, wie man Kinder schützen und trotzdem zur Zivilcourage erziehen kann. Ich wüsste gern, wie Ihr Väter dazu steht. Aber denkt noch einmal drüber nach, bevor Ihr gleich alle schreibt: „auf jeden Fall soll mein Kind sich einmischen“. Denn es ist vielleicht nicht immer gesund, ein Held zu sein. Auf der anderen Seite wünsche ich mir für die eigenen Kinder Hilfe, wenn die mal in Not sind. Eine verfluchte Zwickmühle…

Fotos: oben © kmiragaya (Fotolia) // unten ©jofischer

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