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Daddylicious: Lassen Sie mich durch, ich bin Vater!

Wenn sie den sperrigen Kinderwagen samt Nachwuchs die steile Treppe zur Bahn hochtragen, machen auch die stärksten Väter mal schlapp. Kai Bösel wünscht sich mehr Hilfe von seinen Mitmenschen.

Seit der Geburt meiner Tochter vor gut zwei Jahren habe ich recht viele Touren allein mit ihr unternommen. Oft haben wir dabei für unseren Trip durch den Hamburger Großstadtdschungel öffentliche Verkehrsmittel genutzt. Und dabei ist mir eines aufgefallen: bezüglich der Hilfsbereitschaft der Mitmenschen gibt es noch eine ganze Menge unbestelltes Ackerland.

In einer perfekten Welt werden Mamis und Daddies mit Baby an der Supermarkt-Kasse durchgewunken, ihnen wird in Bus und Bahn sofort ein Sitzplatz angeboten und vor steilen Treppen finden sich immer hilfsbereite Passanten, die den schweren Wagen mit auf die nächste Ebene schleppen. Wie aber sieht die Realität aus? Mütter und Väter sind fast immer komplett auf sich allein gestellt. Hochschwangere stehen in langen Schlangen an der Kasse, weinende Kinder werden missmutig angeschaut. Und wenn jemand Verständnis aufbringt und Hilfe anbietet, dann sind es meist andere Mütter. Gebt es zu, Männer: wenn Ihr beim CheckIn in den Urlaubsflieger ein schreiendes Baby hört, dann denkt Ihr doch auch: „…hoffentlich ist das nicht meine Reihe...“. Und wann habt Ihr das letzte Mal bei einem Kinderwagen mit angepackt? Jetzt ist es mal Zeit für ein bißchen Pfadfindertum.

Denn die schwere Tür des Stammcafes ist ganz allein mit Kinderwagen kaum zu passieren. Während Elternteile auf dem Spielplatz ihren Kindern hinterherhetzen, kann sich das mitgebrachte Spielzeug durchaus mal in Luft auflösen, wenn keiner hinguckt. Und wie soll man bloss beim Fahrer ein Ticket kaufen, wenn man mit Kinderwagen weiter hinten in den Bus einsteigt? Das Kind bei der wilden Meute lassen? Never. Mit Baby auf dem Arm einen Spießrutenlauf durch den anfahrenden Bus starten? Auch nicht. Man benötigt hilfsbereite Mitmenschen.

Aber das Problem an der Sache speziell für uns Väter ist: ein cooler Daddy fragt nicht gern nach Hilfe. Wir sind immerhin die Nachfahren von John Wayne und empfinden es als Schwäche, eben diese zuzugeben. Dann wird lieber der sperrige Kinderwagen samt Kind gepackt und schnaufend aus dem U-Bahn-Schacht gebuckelt, während links und rechts die Leute schnellen Schrittes, aber mit abgewandtem Blick, vorbeihuschen.

Jungs, Ihr dürft gern mit anfassen. Da ist nix Schlimmes dabei, wenn ein Mann einem anderen Mann behilflich ist. Schließlich geht es nur darum, gemeinsam einen Kinderwagen zu tragen. Oder dabei mitzuhelfen, dass Papi mit Nachwuchs und Gefährt in den Bus kommt. Wenn Ihr dann noch so aufmerksam seid und einen Platz anbietet, damit der Zwerg nicht im Gang stehen und Kniekehlen bewundern muss oder Daddy die ganze Fahrt sein Kind auf dem bereits tauben Arm hat, während er sich an der Haltelasche festkrallt und mit einem Fuss den Kinderwagen fixiert, dann seid Ihr ganz weit vorne. Dass Ihr ab jetzt allen Müttern behilflich seid, setzen wir einfach mal voraus.

Natürlich haben Männer schon ganz andere Sachen geschafft. Pyramiden erschaffen. Länder erobert. Und MacGyver hat sogar aus einer Sicherheitsnadel einen Panzerwagen gebaut. Aber eins kann ich Euch versprechen: sicherlich hatten die dabei kein Kind auf dem Arm. Denn dann wäre das alles ganz anders geworden.

Und wenn Ihr jetzt denkt „mimimi“, was stellt der sich denn so an, dann freu ich mich auf Eure Rückmeldung, wenn Ihr mit Eurem kleinen Stöpsel den ersten Ausflug unternommen habt. Denn dann werdet Ihr Euch an diesen Text erinnern und denken: „Verdammt, hätte ich ja gar nicht gedacht, dass es mir auch mal so gehen wird…“. Jede Wette!

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