HOME

Daddylicious: Mehr Unabhängigkeit und Verantwortung den Kindern

Per Interrail mit den Freunden durch Europa reisen, ohne Handy und oft auch ohne Geld: Mark Bourichter wünscht seinem Sohn für die eigene Jugend ein bisschen was von dieser Freiheit.

Hurra! Wir leben noch! Ich werde dieses Jahr vierzig Jahre alt und viele meiner Freunde ebenfalls. Die meisten sind davon Väter und tragen jetzt die Verantwortung, Kinder zu erziehen, Kohle ranzuschaffen und dabei noch ein guter Ehemann zu sein. Und was haben wir alles durchgemacht.

Wir sind von Geburt an mit reichlich Konservierungsstoffen versorgt worden, haben Plastik mit Weichmacher geschluckt und haben während unserer ganzen Kindheit nicht einen Bio-Joghurt gegessen. Literweise Sanostol geschluckt, auf Bäume geklettert, heimlich Feuer gemacht. Wir waren auf der Rückbank im Auto nicht angeschnallt, während sich die Eltern vorne ne Kippe angesteckt haben und wir sind ohne Helm Rennen auf dem Fahrrad gefahren. Als wir älter wurden haben wir uns vor die Höhensonne von Muttern gesetzt und sind nachts in Schwimmbäder eingestiegen. Mit dem Skateboard in die Stadt gefahren, um einen auf dicke Hose zu machen. Das ganze Wochenende weg bei Freunden. Ohne Handy und ohne Internet. Ohne den Eltern Bescheid zu sagen oder etwas bei Facebook zu posten.

Die Erziehung der Kinder durch mehr Verantwortung gestalten

Was haben unsere Eltern gelitten, als wir vier Wochen per Interrail durch Europa getourt sind? Ohne Kreditkarte und lediglich mit Travellerchecks oder dem guten alten Postbank-Konto. Hätten Sie gewusst, wie oft wir uns verfahren haben und das es Tage gab, an denen wir keinen einzigen Centime oder keine einzige Pesete in der Patte hatten? Ein Albtraum. Verhütung? Nicht immer. Dass wir uns nur alle zwei Wochen vom Münzfernsprecher gemeldet haben - war normal. Auch, dass wir uns in der Zeit zusammen durchs Leben schlagen mussten. Wir haben uns aufeinander verlassen und uns gegenseitig unterstützt. Bei Liebeskummer und bei dem ersten Vollrausch. Dafür waren und sind wir Freunde. Und wir haben Mädels getroffen, die das gleiche planlose Ziel Europa hatten und ebenso viel unterschiedliche Währung im Portemonnaie. Wir haben „Das hier und jetzt“ genossen, ohne durch Statusmeldungen, Smileys und WhatsApp gestört zu werden.

Vieles davon ist heute besser: Bio-Joghurt, keine Weichmacher, keine Höhensonne, Aufklärung und das elektronische Warnsignal im Auto, wenn einer nicht angeschnallt ist. Und der Rest? Was antworten die „modernen“ Eltern heute auf die Frage des Kindes, ob es im Sommer mit den Freunden eine Tour durch Europa machen will? Abgesehen davon, dass dieses Interrail der Neuzeit bei weitem nicht mehr das ist, was es früher mal war. Würden sich die Eltern in der heutigen Gesellschaft damit zufrieden geben, wenn der Nachwuchs sich nur einmal in der Woche melden würde? Wohl wissend, wie so ein Interrail-Trip ausarten kann? Schließlich hat man das ja nicht nur einmal erlebt. Würden die Eltern im neuen Jahrtausend ganz locker bleiben, wenn der achtjährige Sohn nach sieben Stunden Kettcar-Tour abends um sechs nicht zum Essen erscheinen würde, weil die Scheiß-Kette gerissen ist? Nein, sie würden zum Handy greifen, denn heute hat jedes Kind mit zehn Jahren ein Handy. Oder wären sie froh, dass der Junge eh die ganze Zeit vor der Playstation hockt?

Sind die Fußstapfen der Eltern der richtige Weg?

Mein Sohn ist jetzt zwei Jahre alt. Und ganz sicher war die Zeit vor 30 Jahren eine andere. Und die in 15 Jahren sowieso. Aber ich wünschte, er könnte die Erfahrung machen, mit dem Kettcar liegenzubleiben, um sich dann einen Einlauf verpassen zu lassen (Das war nämlich vor dreißig Jahren nicht anders). Ich wünschte, er könnte spielen und die Zeit vergessen - ohne auf sein Handy zu schauen. Und ich wünsche mir, dass er mit seinen Jungs später Abenteuer erlebt, wie wir damals. Dazu gehört eine Sache, die ich als Vater lernen muss und will: Loszulassen und Verantwortung zu übertragen. Nicht immer hinter meinem Sohn zu stehen, um seine Probleme zu lösen. Nicht ständig wie ein Hubschrauber über sein Leben zu kreisen. Ihm dabei aber Grenzen aufzeigen, wenn er zu weit geht. "Man sollte als Vater den Kindern immer zeigen, wie viel sie einem wert sind", sagte der Schauspieler Ralf Richter im DADDYlicious-Interview. Ich hoffe, ich schaffe das!

Fotocredit: ©maxoidos - Fotolia.com

Wissenscommunity