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Rechtschreibdebatte: "Man kann auch mit der 'Bild'-Zeitung das Lesen beibringen"

Grundschullehrer Philipp Kopf hat Erstklässler mit unterschiedlichsten Vorkenntnissen: Manche können schon lesen, andere sprechen kaum richtiges Deutsch. Er lehrt deshalb "Lesen durch Schreiben".

Sechsjährige kommen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen in die Schule, insbesondere in einem multikulturell durchmischten Stadtteil

Sechsjährige kommen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen in die Schule, insbesondere in einem multikulturell durchmischten Stadtteil

Um die Frage, woran es liegt, dass die Rechtschreibung der Deutschen immer schlechter wird, ist eine hitzige Debatte entstanden. Seit 2001 unterrichtet der Hamburger Lehrer Philipp Kopf, 43, an der Ganztagsgrundschule Sternschanze. Im vergangenen Sommer hat er erneut Erstklässler übernommen, die er bis zur vierten Klasse begleiten wird. Er erklärt, warum er die umstrittene Methode "Lesen durch Schreiben" für seinen Deutschunterricht verwendet.

Ist es eine Entscheidung der Schule, nach welcher Methode das Lesen gelehrt wird?


Das ist eine Lehrerentscheidung, wir haben Methodenfreiheit in Hamburg. Ich unterrichte Erstklässler nach der Methode "Lesen durch Schreiben", ich habe aber auch eine Kollegin, die die Fibel verwendet. Ich könnte es auch so machen, wie ich es gelernt habe, mit "Fu und Fara" und einer Socke in der Hand. Meine Ausbilderin sagte mal flapsig: "Sie können den Kindern auch mit der 'Bild'-Zeitung das Lesen beibringen." Inzwischen neige ich dazu, das zu glauben.

Sie unterrichten die Kinder mit "Lesen durch Schreiben"?


Genau. Allerdings nicht nach der "reinen Lehre" von Jürgen Reichen. Ich kenne auch niemanden, der das noch macht. Heutzutage schon gar nicht mehr.

Manche Eltern glauben, diese Methode führe zu Rechtschreibschwächen.
Es gab im Sommer 2013 eine "Spiegel"-Titelgeschichte, da hat sich eine Redakteurin auf zehn Seiten über "Lesen durch Schreiben" ausgelassen und darüber, dass die Leute die Rechtschreibung nicht mehr beherrschen. Darin steckte schon der Grundirrtum: Das ist keine Methode, um das Schreiben zu erlernen, darum ging es Jürgen Reichen nie. Es geht ums Lesenlernen.

Aber wenn man schreiben darf, was man hört, und niemand sagt "Das ist falsch", bleibt dann nicht die falsche Schreibweise hängen?


Das ist eine Schwäche, ja. Aber der Vorteil dieser Methode ist: Wenn man die Anlauttabelle sorgfältig einführt, das dauert bei schlauen Kindern eine halbe Stunde und mit der ganzen Klasse eine Woche, haben die Schüler mit diesem Instrument die Möglichkeit, im Grunde sofort alles zu schreiben. Das ist wahnsinnig attraktiv, sie können Einkaufszettel schreiben, Briefe an die Eltern und die Großeltern - von Anfang an. Und zwar genauso, wie sie es hören. Im Gegensatz dazu wird bei einer Fibel Buchstabe für Buchstabe eingeführt und am Ende schreibt man so schöne Sätze wie "Fu ruft Uta. Uta ruft Tuut", weil nur diese Buchstaben gelernt worden sind. Bei der Anlauttabelle gibt es Feinheiten, jeder Vokal hat zwei Bilder, weil es unterschiedliche Aussprachen gibt: Ameise, mit langem A, und Ampel. Die Kinder müssen erst einmal die Buchstaben mit den Bildern in Verbindung bringen.

An Ihrer Schule gibt es viele Kinder mit Migrationshintergrund. Wenn Schüler mit dem Bild etwa ein türkisches Wort verbinden, sind sie doch geliefert.
Deswegen hat unser Türkischlehrer genauso eine Tabelle mit türkischen Worten bei sich hängen. Genau das ist der Punkt: Erstmal müssen die Kinder die ganze Sprache können und dann die richtigen Wörter zu den Anlauten. Ich glaube, an diesem Punkt ist Jürgen Reichert gescheitert. Ich habe ihn noch erlebt, das muss Anfang der 2000er gewesen sein. Er war der Gott des Lesenlernens. Er war in Hamburg am Institut für Lehrerfortbildung, hat dort das Konzept mit eingebracht und selbst an einer Schule unterrichtet.

Warum hat die Methode so viele Lehrer überzeugt?


Da spielen viele Aspekte hinein. Reichen hatte Charisma. Und die ganzen alten Lehrerinnen hingen ihm an den Lippen. Ich glaube, dass der Reiz der Methode darin besteht, dass man nicht schematisch, kleinteilig wie mit der Fibel arbeitet, sondern dass jedes Kind in seinem Tempo lernen kann. Man kann jedes Kind dort abholen, wo es steht. Das leistet die Methode, gerade ganz am Anfang, wo die Kinder mit einem Entwicklungsunterschied von vier Jahren in die Klasse kommen.

Sechsjährige?


Ja. Sie sind zwar alle sechs Jahre alt, haben aber einen Entwicklungsunterschied von plus/minus zwei Jahren.

Haben Sie die Lehrtechnik von Reichen weiterentwickelt?
Ich mache das jetzt ganz anders als früher. Ich habe neulich einen Jungen aus meinem ersten Durchgang [Klasse eins bis vier, Anm. d. Red.] 2001 getroffen und zu ihm gesagt: "Weißt du eigentlich, was ich für Fehler bei euch gemacht habe? Und wie treudoof ich mich darauf eingelassen habe?" Reichen hat das "Schreiben wie man hört" ja viel länger durchgezogen, bis zur zweiten Klasse oder so.

Man kann den Eindruck gewinnen, dass sich seit dieser Lehrmethode schwerwiegende Rechtschreibfehler bis ins Erwachsenenalter durchschleppen.


Ich bin ja nur der Mikrozensus der vier Klassen, die ich bisher hatte. Ich achte aber inzwischen schon viel intensiver auf die Rechtschreibung, als ich das in meinem ersten Durchgang gemacht habe. Ich finde es zu kurz gedacht, Rechtschreibfehler auf diese eine Methode zurückzuführen. Die ist ja nach einem halben Jahr für die meisten Kinder gar nicht mehr entscheidend.

Wie lange brauchen die Kinder, um lesen zu lernen?


Nach einem halben bis dreiviertel Jahr können fast alle Erstklässler lesen. Dann ändere ich die Methode langsam.

Schreibt man heute noch Diktate?


Diktate durften wir eine ganze Zeitlang nicht schreiben. Ich habe aber im letzten Durchgang wieder eins schreiben lassen.

Warum war das verboten?


Das war in Hamburg eine verpönte Prüfungssituation und eine landesweite Entscheidung. Es hat ja auch Vor- und Nachteile. Einerseits gestaltet man den Unterricht so, dass jedes Kind nach seinen Stärken und Schwächen lernen kann, andererseits soll dann ein Diktat geschrieben werden, bei dem alle auf die Minute genau das gleiche leisten sollen. Das wird dann auch noch bewertet. Ich mache es aber dennoch, weil ein Diktat dazu führt, dass die Kinder sich mal zu 100 Prozent konzentrieren müssen. Aber das ist wirklich schwierig, die einen Kinder haben sofort alles geschrieben, die anderen haben nur die ersten beiden Worte. Das ist für alle eine Belastung. Also teilt man es in Halbgruppen auf. In der ersten Klasse geht die Schere schon ziemlich weit auseinander.

Inzwischen haben sich die Lehrmethoden Fibel und Reichen vermischt?
Ja, die Fibeln haben jetzt auch Anlauttabellen und bei der Lesen-durch-Schreiben-Methode wird auch mit Fibel-Elementen gearbeitet, in dem Lehrbuch "Tinto" etwa.

Und woher kommen dann die Rechtschreibprobleme?


Ich glaube, die setzen später ein. Wir machen in der Grundschule regelmäßige Analysen. Die Kinder müssen jedes Jahr zwei Tests schreiben, einer davon ist die Hamburger Schreibprobe. Da finden wir heraus, welches Kind welche Schwächen hat. In unserer Schule haben wir das Glück, dass wir die Kinder dann auch schnell fördern können. Sogar jetzt, in meiner ersten Klasse, habe ich vier Kinder, die schon gefördert werden. Bei denen geht es aber nicht um Rechtschreibung, sondern darum, schreiben zu lernen, Buchstaben kennenzulernen.

Interview: Susanne Baller
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